Das nicht veröffentlichte Vorwort aus Plastic Bomb 115

Also will ich an der Stelle ein bisschen Mansplaining betreiben. Ich selbst habe immer gelernt, dass man Menschen nicht in Gruppen nach äußeren Merkmalen sortiert, um ihnen Eigenschaften zuzusprechen.Redeten Andere von den „scheiß Türken“, die sie auf dem Schulweg verprügelt haben, sprach ich dagegen, dass das nicht geht, schließlich würde man alle Türken damit über einen Kamm scheren und ihnen damit als Gruppe unrecht tun. Ich lernte zu widersprechen, wenn Lehrer das aufgedrehte Verhalten von Kindern zu erklären versuchten, indem sie dieses Verhalten als typisch für Roma in die Schublade packten. Vielmehr sind es die prekären Verhältnisse und rassistischen Zuschreibungen, so sagte ich, die sich hier verselbstständigten. Sollten Kinder diesen begegnen, so hätten sie sich dagegen zu wehren. Rassen gibt es schließlich bei Menschen nicht.

In der Punkszene sammelten sich viele Menschen mit ähnlichen Ansichten, aber es war immer eine vergleichsweise kleine Gruppe, eine Subkultur. Heute ist diese Gruppe deutlich größer und diverser geworden. Schließlich ist diese Szene eine Projektionsfläche in einem Koordinatensystem aus hedonistischer Selbstverwirklichung, kulturellen und politischen Ansprüchen. Geeinigt werden diese verschiedenen Leute durch gemeinsames Interesse für bestimmte Spielarten von Musik, D.I.Y.-Ethos und gewisse modisch akzeptierte Kleidung. Dahinter steckt eine Vielfalt, die getragen wird vom „Leben und leben lassen“. Deshalb gab es in der Szene schon auch immer Bands, in denen das Spiel mit den Geschlechtern und die Überwindung von Geschlechterklischees eine Rolle spielte. Trotzdessen war und ist dies nicht das Hauptthema für alle Anderen. Es ist für mich auch ein Aspekt, aber nicht der zentrale Aspekt. Und da liegen wir beim Hauptproblem der derzeitigen Diskussion. Für eine Gruppe ist das Thema, das unter #punktoo firmiert zentral und absolut und die Gruppe, zu der ich mich zähle, kann dem Anliegen „Mehr FLINTA-Bands im Punk“ wohlwollend gegenüberstehen. Schließlich gehört es zur DNA des Punks, skurrilen Minderheiten Platz zu geben, denn man wurde schließlich früher auch dafür gehalten und war stolz darauf. Aber natürlich habe ich keine Lust dazu, es als meine Pflicht anzusehen, dafür bis zur Selbstaufgabe meine Interessen aufzugeben. Wer das will, kann das gerne tun, nur kann das kein Imperativ sein. Und wenn ich das nicht will, muss ich es mir nicht gefallen lassen,  homophob, misogyn oder gar rassistisch  genannt zu werden. Gleiches gilt, wenn ich Kritik daran übe oder mich durch gruppenbezogene menschenfeindliche Äußerungen getriggert und verletzt fühle. Und das tue ich, wenn ich höre, dass Männer einfach mal die Fresse halten sollen.

Weder nehmen Ausländer den Deutschen die Arbeitsplätze weg, noch weiße CIS-Männer den Frauen die Bühnen.

 

Bocklist

FLOMB! – Lautstärker CD

NOFX – Single album LP

MOUSE ON MARS – aai DoLP

KALTER STERN – s/t CD

RICHIES – Why lie, need a beer LP

 

2 Gedanken zu „Das nicht veröffentlichte Vorwort aus Plastic Bomb 115“

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