Zwakkelmanns SHIT‘SINGLE

Foto von Marion H.

Bücher von Menschen zu besprechen, zu denen man ein besonderes Verhältnis hat, ist immer eine etwas gefährliche Sache: Einerseits ist die Gefahr einer Gefälligkeitsbesprechung im Raum, andererseits bin ich persönlich bei der Bewertung von Büchern, die im Freundeskreis geschrieben werden, etwas überkritisch. Das möchte ich dann Zuweilen etwas sprachlich schönen, damit es nicht zu weh tut.

Diesmal ist es aber ganz leicht, denn ich bin schlichtweg sehr angetan von Schlaffkes autobiografischem Buch. Im Titel ist es schon angelegt: Einerseits geht es um die musikalische Seite, die Single und dann um Schlaffke als (unfreiwilliger!!!) Single. Und auf dem Buchrücken wird das Spiel sogar noch weiter getrieben, denn dieses Leben kann sowohl Hit als auch Shit sein. Diese kleinen Feinheiten sind es, die den Künstler Zwakkelmann und Menschen Schlaffke ausmachen. Im Untertitel stapelt er tief, indem er von „Anekdoten eines Vollidioten“ spricht und fängt so den unbefangenen Leser. Es gibt tatsächlich zahlreiche kleine Geschichten vom Leben in der Provinz und abseits der großen Festivalbühnen. Mittelpunkt ist das niederrheinische Haminkeln, dem Ort zwischen Bauerndorf und Einfamilienreihenhausghetto, dem eigentlich kaum etwas Schönes zugeschrieben wird. Zahlreiche sympathische Spinner begegnen unserem Helden, deren Leben zwar oft nicht glamourös ist, aber denen eine erzählenswerte Eigenart zueigen ist. Interessanterweise sind beinahe alle Namen geändert, obwohl der Held selbst sich die schlimmsten Aussetzer leistet, aber durch die stete Einsamkeit, die wie Satrés Ekel omnipräsent ist, entschuldigt wird.

So könnten diese kleinen abgeschlossenen Erzählungen auch „Reflexionen aus einem unerfüllten Leben“ genannt werden. Über all dem lustvoll erzählten Versagen steht stets die Suche nach einer erfüllten Liebe. Dabei muss Schlaffke echt einiges ertragen. Vielleicht schreibt er das Buch darum durchgehend in der dritten Person. Vielleicht ist es diese Distanz, die zum Selbstschutz gebraucht wird, denn teilweise geht es echt ins Eingemachte, wenn beispielsweise die Geschichte vom tödlich verunglückten kleinen Bruder Friedemann plötzlich den lockeren Ton ad absurdum führt. Dann muss ich das Buch auch mal zur Seite legen und es kurz sacken lassen. Das wusste ich nicht, gehört aber zu dem Psychogramm, das hier gezeichnet wird. Als Zwakkelmann lebt Schlaffke das Leben als Bukowskis Lightversion. Nicht so hart, nicht so böse und nicht so konsequent. Immer mutig schreitet er voran und seine Gutmütigkeit steht ihm im Weg. Aber sein Weg wird von gerade genug Menschen gesäumt, die ihn genau dafür lieben. Und obwohl das Überthema „Liebenswerter Versager“ mantramäßig wiederholt wird, wird es nie langweilig, soviel über sein Leben und auch die Bezüge zu seinen Liedtexten zu erfahren. Mensch und Künstler sind halt hier nicht zu trennen.

SHITSINGLE ist ein Buch über das Jungsein, das Altern und im Hier und jetzt zu sein. Die Coronakrise ist hier Ausgangspunkt der Erzählung und passt auch zu Schlaffkes Ecce Homo. Passend dazu ist auch das vorläufige Happy End auf dem Ruhrpott Rodeo.

Ox #157: Besprechung aus der Rubrik „Opa halt‘s Maul“

Die „Opa, erzähl mal von früher“-Abteilung wird auch immer größer. Bespielt wird diese im Wesentlichen diesmal von Triebi Instabil. Das TOXOPLASMA-Interview ist die Langeweile pur, etwas interessanter das mit ARTLESS. Fragen aus dem Baukasten der Ideenlosigkeit, die demnächst auch für das HoA- oder Canalterror-Feature wiederverwertet werden können: Wie bist du auf Punk aufmerksam geworden? Wie war die Szene damals? Wo ist der Unterschied zwischen früher und heute? Sind eure Texte auch heute noch relevant? Hast du heute auch Probleme mit dem nächtlichen Blasendruck? Etc. pp… Der Halbseiter mit den RAZORS aus der Abteilung „Opa, erzähl von heute“gelingt Triebi da schon besser.

Helge Schreiber geht mit seinem SCHWEDISCHEN HARDCORE-PUNK IN DEN ACHTZIGERN die Veteranengeschichte aus einer Vogelperspektive an und gewinnt so natürlich schon mal einen Preis für akribisches Puzzeln. Dummerweise finde ich beinahe alle darin vorkommenden Bands wie Rösvett, Crude SS oder Anti-Cimex ausnahmslos schrecklich.

Und richtig gut ist hingegen das Gespräch mit John Wright, der als Drummer von NOMEANSNO und Sänger der HANSON BROTHERS natürlich jemand ist, der den Fanboy Swen zum Lesen reizt.

Eindeutig einer der Vorteile des Drucks durch die zweimonatliche Erscheinungsweise ist aber die Wiederaufnahme älterer Gespräche. Hier am Beispiel von JOEY CAPE, dessen Solosachen ich echt gruselig finde, der aber als Interviewter von Frank Weiffen schon einen gewissen Unterhaltungswert an den Tag legen kann. Gleiches gilt für DIE LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMANN, die einfach wissen, dass der Unterhaltungswert auch neben der Bühne notwendig ist.

Die Geschmacks-Kontrolle weißt diesmal erhebliche Verirrungen und Verwirrungen auf. Da Platz 10 nicht zweimal vergeben werden konnte, finden sich Akne Kid Joe auf Platz zwei wieder. Ups, und da fällt es mir auf, auf dem Cover ist die Band mit 50%-bärtiger-Zausel-Quote ebenso zu finden wie im Interview. Ist das jetzt Anbiederung an die Generation Feine Sahne 100 Kilo Herz? Der subtile Humor ist wahrscheinlich so doppelt- und dreifach verspiegelt, dass er mir verlustig geht. Und gehört das immer häufiger anzutreffende Gendern in den Texten auch dazu? Ich höre auf jeden Fall sofort auf zu lesen, wenn ich einen Doppelpunkt sehe.

Toll hingegen, natürlich die vielen Fortsetzungsgeschichten, die hier zu finden sind. Da ist für jeden was dabei, unter Anderem auch für Menschen, die auf misanthropische und kulturpessimistische Lehrergeschichten stehen: Mit der regelmäßigen Veröffentlichung von ‚Bildungsland‘ gibt Joachim mir eine Chance, mich einem größeren Publikum zu zeigen und mich dazu zu bringen, meine Skizzen in Buchform zu bringen. Dafür verzeihe ich ihm auch so manchen Doppelpunkt.

Buchstabiertafel – Vorschlag zur gütlichen Einigung

Da die Buchstabiertafel zu viele Männernamen erhielt, die allesamt altertümlich daherkamen, fühlten sich selbstverständlich alle Nichtgenannten diskriminiert. Das Deutsche Institut für Normung hat dafür Städte, die keiner kennt genommen. Jetzt fühlen sich natürlich jetzt alle anderen Städte ausgeschlossen. Mein Vorschlag zur Güte: Eine Buchstabiertafel, die alle ausschließt und beleidigt. Ich denke, da die Buchstabiertafel vor allem in Berufs- und Verwaltungsangelegenheiten genutzt wird, sollte ich das Problem damit gelöst haben.

A – Arschloch

B – Backpfeiffengesicht

C – Chauvinist

D – Doofie

E – Ekel

F – Fettsack

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Bernd Stegemann – Die Öffentlichkeit und ihre Feinde

Ein Buch, das in seiner Analyse der Probleme öffentlicher Kommunikation so klug und überzeugend ist, dass es mich mehrfach innehalten lässt, um über eigene festgefahrene Kommunikationsmuster nachzudenken. Denn wie so oft wiederholen sich immer die gleichen Debatten, in denen ich mich im Recht wähne, die aber hoffnungslos in der eigenen Echokammer endlos widerhallen. Auch das Unbehagen, das mich immer wieder angesichts meiner sozialen Blase ergreift, bekommt hier ein theoretisches Fundament. Wie schnell mich beispielsweise Bilder vom lachenden Laschet anöden oder auch die Regenbogendebatte rund um die Fußball-EM in ihrem bildgewaltigen Internet-Empörungssturm einfach nur noch abschalten lassen, all diese Phänomene lassen sich nun mit Bernd Stegemann rechtfertigen. Das diffuse Unwohlsein angesichts der Kulturkämpfe und der Empörungskultur bekommt hier Worte. Populismus auf der einen Seite und Identitätspolitik auf der anderen Seite, das sind die beiden Lager, die über den „Diskurs“ bestimmen. In Anführungsstrichen deswegen, weil es eigentlich nur um die Bedingungen geht, die von beiden Seiten definiert werden. Grenzen zwischen Meinungen und Tatsachen werden beinahe willkürlich nach eigenen Machtinteressen verschoben. So bestimmt die jeweilige Seite jeweils die Regeln, so dass keine gemeinsame offene Öffentlichkeit besteht. Auf diese Weise wird man aber den komplexen Herausforderungen nicht Herr, sondern man verliert sich in Rechthaberei, ohne dadurch einen Widerspruch zu lösen oder einen gesellschaftlichen Fortschritt zu erreichen. Und der ist dringend notwendig. Die Probleme des Anthropozäns sind dermaßen herausfordernd, dass wir es uns nicht erlauben können, dass durch solche Grenzverschiebungen Tatsachen zu Meinungen verkommen und wir billigend in Kauf nehmen, dass sich Wissenschaften rechtfertigen müssen. Dazu gehört nach Bernd Stegemann eine demütigere Haltung und die Bereitschaft der Welt mit Fragen zu begegnen, anstatt sie mit Antworten festzumauern. Die Ökologie gerät damit zum Transzendenten, dem man sich gemeinsam als Gesellschaft nähern muss.

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Einkaufen bei Primus: Zombie-Apokalypse in den 80ern

Mein Stiefvater war ein Mann mit unerschütterlichen Ritualen und Einstellungen. Als Feuerwehrbeamter hatte man die CDU zu wählen und das Mittagessen sollte um pünktlich 12.00 Uhr serviert werden. Als Mann hatte er natürlich das Grundrecht, von meiner Mutter zu Hause bedient zu werden, wofür er im Gegenzug als Alleinverdiener die beengte 3 Zimmer Wohnung für die vierköpfige Familie und die Zigaretten für das Ehepaar, eine Schachtel HB für ihn und für Mama Ernte 23, finanzierte. Aber selbstverständlich war auch er bereit dazu, sein Privileg als Autofahrer für die Familie gewinnbringend einzubringen. Dazu gehörte es, wenn es der Schichtdienst zuließ, einmal die Woche zum Einkaufsparadies Primus zu fahren.

Duisburg Großenbaum war zu diesem Zeitpunkt noch Dorf ohne ausufernde Industriegebiete und Autobahnanschluss an die A59. Ein kleiner Lebensmittelmarkt lag direkt an der Haustür am Reiserweg, die Bild wurde am Büdchen erworben und es gab exakt einen Old-School-Aldi ohne Lametta… und eben diesen riesigen Primus am Ende der Welt zwischen Minigolf-Platz, Rahmer Baggerloch und Großenbaumer See gelegen.

Wir legten die 950 Meter standesgemäß im Familienfahrzeug, einem gelben Ford Taunus zurück. Zeit genug für eine schnelle Zigarette, die üblicherweise bei geschlossenem Fenster konsumiert. wurde. Ihr wisst schon: Das hat uns nicht getötet!

Auf dem riesigen Areal gab es auch eine Tankstelle,  die de Sprit immer gut 2-5 Pfennig billiger anbot. Ein Wert, den mein Vater schätzte, und der überhaupt gerne Gesprächsthema war. Der interessante Teil des Marktes war der im Erdgeschoss. Dort gab es neben allerlei Kleidung eben auch eine Spielzeug-, Hifi- und Plattenabteilung. AC/DC und  Pink Floyd gehörten zu den Schätzen der großen Welt, die ich dort Abgriff und mein Bruder ergatterte dort Mike Oldfield  und Styx, wenn ich mich recht erinnere.  20 Mark Taschengeld pro Monat mussten gut investiert werden. Häufig kauften wir darum auch Leerkassetten, um uns gegenseitig unsere Schätze aufzunehmen. Sich die Platte einfach auszuleihen, weil man auf 10 Quadratmetern  eh zusammenhockte, war  natürlich  tabu!

Meine Eltern hingegen kauften Fleisch an einer riesigen Fleischertheke. Auch das war übrigens ein Wert in unserer Familie.Wenn die Laune gut war, wurde dort ein Fleischwurstring gekauft, von dem mein Bruder und ich jeweils ein riesiges Stück zum Rohverzehr bekamen. Ansonsten gab es die Tüte Mr. Softy Milch, die an der A59 stand in klein.  In dem angeschlossenen Getränkemarkt gab es einen Kasten Brohler mit Orangengeschmack und für Papa eine Kiste Diebels Alt.

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Die Karawane der Papiertiger von Christian Friedrich Sölter

Endlich mal was ganz Unverfängliches: Das Buch des Hammerhai-Sängers Sölti ist für mich die logische Konsequenz seiner Texte für die Hannoveraner Band. Wie, die habt ihr vergessen? Kann gar nicht sein, bzw. ist nicht gut, denn für mich ist beispielsweise die ‚Erledigt‘-LP eine der Wiederentdeckungen dieser Tage: Feinste Mischung aus Novotny TV, Madness und Bosstones.

Aber das nur am Rande. In dieser kleinen Sammlung sind wohl Poetry-Slam-Beiträge von ihm zu finden. Und ich denke mal, dass sie mindestens autobiografische Züge haben. Der Blick des ewig dahin slackernden Landeis, das irgendwann in die Welt der Stadt geworfen wurde und immer irgendwo und irgendwie hängengeblieben ist, ist es, den wir als Leser gezwungen sind, einzunehmen. Dabei hilft es, dass die Helden der Geschichten der Welt nicht mit Hass sondern mit Staunen begegnen.

‚Die Revolution frisst ihre Kinder‘ ist so eine Geschichte: Der Dauerstudent Franz nervt eigentlich alle nur mit seinen selbstgedrehten Filmchen, ist sonst aber kein Böser, bis er sich den schlimmsten aller möglichen Fehltritte leistet. Eine böse Geschichte, die aber nicht so erzählt wird.

Kleine Geschichten Geschichten der Kindheit und Adoleszens auf dem Land. Die Begeisterung für das Mofafahren versteht man wohl nur, wenn man seine Kindheit in den 70ern hatte. Heute freut man sich als Radfahrer immer, wenn man diese Nähmaschinen auf zwei Rädern lässig überholt. Fußball ist auf dem Acker kein Zuckerschlecken, vor allem wenn man gegen vermeintlich Berühmtheiten ran muss, die sich dann als ehrliche Arschlöcher entpuppen.

Der Besuch beim Metzgereifachverkauf treibt in mir als ethisch korrekte Instanz natürlich normalerweise die Wut, hier zaubert sie aber ein Schmunzeln  her. Überhaupt weitet dieses Büchlein wieder die Grenzen der Toleranz, weil Sölti beim ganzen Hass, zum Beispiel auf die Kaufhaus-Dudelei, nie den Pfad der bedingungslos akzeptierten Gegebenheiten verlässt. Und da seine Geschichten auch so schön kurz sind, ließen sie sich exzellent vorm Schlafen lesen, ohne dass ich immer die letzten fünf Seiten neu lesen musste. Das muss man erst einmal schaffen.

Ein Buch, das unterhält, und ein Autor, der glücklicherweise nie den großen Hammer dafür rausholen muss.

Ob es das Buch noch gibt? Fragt mal bei Blaulicht-Verlag nach!

The big Four: Der große Fanzine-Vergleich: Ox#156, Plastic Bomb #115, Trust #208 und ZAP #156

Vor Kurzem stellte ich mir in meiner Facebook-Blase die Frage, welches der Hefte ich zunächst besprechen sollte. Ziemlich schnell kristallisierte sich heraus, dass es wohl alle zusammen werden würden. Lange Texte sind ja gerade im Internet en vogue.

Und natürlich eignen sich alle vier Hefte ja auch für Totalverisse, was tatsächlich in den Fingern juckt.

„Ich fände eine Sammelbesprechung gut. Kategorien: Die langweiligste Kolumne. Die dümmste Kolumne. Das langweiligste Interview. Die flachste Tonträger-Besprechung. Die offensichtlichste Vetternwirtschaft … die Wucht deiner Besprechung wird anschließend in FB-Entfreundungen gemessen. “ (Schippy auf Facebook)

 

Das Feld scheint ja auch total abgesteckt zu sein. Irgendwie ist klar, wer wofür steht.

 

„Kommt drauf an was du suchst. Information: dann OX, Weisheiten von früher: dann ZAP, Spaß und Lebensfreude: dann Plastic Bomb. “ (Micha Will auf Facebook)

 

 

So sind ziemlich viele Reviews fast schon automatisiert geschrieben. Die Fülle der Informationen beim Ox können zu einem „Für jeden etwas dabei“-Review Resümee führen (siehe unten), wenn man es sich mit Buddy Joachim Hiller nicht verscherzen will oder zu einem „Zu wenig Frauen werden in diesem weißen CIS-Mann-Heft gefördert und außerdem wurde Binchen von Black Square nicht als Sängerin der gleichnamigen Band vorgestellt“-Verriss führen, wenn frau große Kämpfe für die unglaublichen Benachteiligungen von FLINTA* im Punk führt. Der wird nämlich in der Punkrock-Fachzeitschrift for all gender geführt. Hier wird der wohlgesonnene Rezensent festhalten, dass sich die Zahl der alten weißen CIS-Männer glücklicherweise deutlich reduziert hat und durch Frauen substituiert wurde, was wohl mal ein tolles Zeichen ist und dafür Herzchen in der #punktoo-Gruppe ernten. Wer keine Angst vorm

Manchmal sind E-Mail-Interviews doch besser!

Canceln hat, wird hingegen feststellen, dass die Interviews teilweise unlesbar sind. Dafür mag das Dachlawine-Interview herhalten, das sowohl Interviewer*in als auch Interviewer*inte überfordert. Auch mag man feststellen, dass der relative Frauenanteil auf 48 Seiten zwar hoch ist, aber die produzierte Textmenge von Frauen auf 164 Seiten Ox vermutlich die deutlich höhere ist.

Alert – Peter Krause hat es nie gecheckt

In diesem Jahr hat Archi schon zweimal kleine Clips mit akustischen Songs gepostet. Ein selbst komponiertes Stück mit dem schönen Titel “Spanische Schmeißfliege” und eine Eddie van Halen – Coverversion von “316“. Beide Songs ließen insofern aufhorchen, dass ich dachte: “Wow, der kann ja richtig spielen!” Zumindest klingt das für jemanden wie mich, dem ein Musikinstrument so weit weg ist wie für andere der Mars, so.

Doch letzte Woche kam dann das Stück PETER KRAUSE, in dem Archi dann mit seiner markanten Stimme einen typischen Archi-Song raushaut, den er früher sicher für die Terrorgruppe gemacht hätte. Da Musik und Punk sich ja nicht ausschließen, funktioniert der Song richtig gut. Stellt sich also die Frage, ob da vielleicht etwas für die Zeit nach Terrorgruppe im Busch ist. Die Lücke wäre ja nicht gerade klein. Und meine Neugierde war geweckt.

Jetzt ALERT: War Corona doch zu etwas gut?

ALERT: Hallo Swen, ja ich mag dich auch. Ja Corona war tatsächlich zu etwas gut. Nicht unbedingt für mich als Musiker und mein Altenteil-Projekt „ALERT“. Für mich hat sich während Corona gar nicht so viel verändert, ich lebe seit geraumer Zeit sowieso sehr soziophobisch zurückgezogen. Corona hat der Menschheit mal wieder ein paar Grenzen aufgezeigt und zumindest soft angedeutet, dass die Natur noch so einiges in petto hat, um auf die fortschreitende unkontrollierte und gefährliche Ausbreitung einer Spezies zu reagieren.

Die einzige wirklich sinnvolle Konsequenz, die die Menschheit aus dieser und kommenden Pandemien ziehen kann, ist Gesundschrumpfung. Also kontrollierte Selbstdezimierung in Form von konsequenter globaler Geburtenkontrolle. Alles andere ist naiver humanistisch überheblicher Bullshit. Der Kinderwahnsinn muss ein Ende haben.

Musikalisch bist du ja jetzt eher ohne Strom unterwegs gewesen, wenn man mal von den Akustikversionen von bspw. „Ich schlafe mit mir selbst“ absieht. Man hätte bei dir ja auch mit etwas zwischen K.I.Z. und Terrorgruppe rechnen können. War das ein überlegter Schritt?

ALERT: Bevor Punk in mein Leben trat, hab‘ ich klassische spanische Konzertgitarre gelernt. Nicht besonders lang, aber es hat gereicht, um bei mir die Grundlagen für Fingerpicking zu verinnerlichen. Ich hab‘ nebenbei schon immer aus Spaß akustische Gitarrenstückchen komponiert und Demos aufgenommen, einfach weil ich es kann.

Lazy Riots – Queen & Kings CD

Opa Haefs von Cashbar Club aus dem Duisburcher Süden, also aus Düsseldorf, hat eine neue Band gefunden. Mit den Lazy Riots liegt dann hier auch eine durchaus variantenreichere  vor. Der Clash-Einfluss ist sehr viel verwaschener und durch den zweistimmigen Leadgesang zusammen mit Leo werden weniger Assoziationen mit Sonny und Cher oder Cindy und Bert geweckt, sondern vielmehr lassen sie mich, nach Aufforderung von Mari,  an die Swoons denken. “Zu laut” ist so ein  Kleinod, dass seliges Früh-90er-Feeling aufkommen lässt. Und wenn Leo auch “Irgendwie irgendwo irgendwann” hasst, so hat sich, wie Mari hier anmerkte, doch das Aahh-ah-ah aus dem “Leuchtturm” von Nena in Form eines Oohh-oh-ohs in den Chorus eingeschlichen. Da denke ich dann auch an die Mimmies, was sicher auch in den persönliche Freundschaften-Horizont der Band passen könnte.

Die Überzahl der Songs werden in englischer Sprache intoniert, was mindestens genauso schön klingt, hier aber eher natürlich britische 77er-Assoziationen weckt. Den beinahe Titelsong Queen & King gibt es gleich in zwei Versionen, einmal mit Leo und einmal mit Opa im Vordergrund. Und sei mir nicht böse, Opa, mit Leo am Gesang kickt der noch besser. Das wirft für mich die schwere Frage auf, wie ihr das live macht. Muss der Eine oder die Andere dann jeweils die Triangel spielen oder Gogo-Tanz performen? Zumindest bei Opa stelle ich mir das amüsant vor.

Auf dieser tollen ersten CD werden schon mal Erwartungen geweckt, und, vorsicht Spoiler!, man hört munkeln, dass ein namhaftes Label aus dem Duisburcher Norden schon die Finger drauf hat.

Sahra Wagenknecht – Die Selbstgerechten (Teil 2)

Während ich im ersten Teil von Frau Wagenknechts Buch noch weitestgehend die Aufregung nicht nachvollziehen konnte, weil ihre Analysen der Probleme zutreffend waren, geht es im zweiten um ihren Ansatz Probleme zu lösen. Vorweg gesagt, es gibt hier einige Stolpersteine, die mich an ihrer Problemlösekompetenz zweifeln lassen.

Zunächst einmal beschreibt sie die Notwendigkeit eines Grundvertrauens der Bevölkerung, das durch das Zugehörigkeitsgefühl entsteht. Je größer dieses ist, desto eher besteht die Bereitschaft, sich dafür einzusetzen. So wird die Infrastruktur eher gepflegt und man ist bereit, nach dem Prinzip des reziproken Altruismus zu handeln, also erst einmal Gutes zu tun, ohne dafür eine direkte Gegenleistung zu erwarten. 

Gemeingüter können so erhalten werden und werden nicht ausgeplündert, weil jeder das Vertrauen darauf besitzt, dass er nicht raffen muss. Sofort ploppt bei mir das Bild der vollen Einkaufswagen und leeren Klopapierregale vom Beginn der Corona-Pandemie  auf. Dieses Grundvertrauen herrscht also in Deutschland nicht. Dies liegt laut Frau Wagenknecht an der Heterogenität in unseren Breitengraden, die   dem Wir-Gefühl entgegenstehen. Gemeingüter sind zum Verfallen verurteilt und die Antwort des Marktes ist die Privatisierung. So hängt das Wohlergehen von der Macht der unsichtbaren Hand des Marktes ab. Sozialstaaten werden also aufgelöst, wenn das Gemeinschaftsgefühl fehlt.

Wie dann rassistische Ressentiments geschürt werden, um neoliberalem Denken Vorschub zu leisten, belegt sie an der Legende der „Welfare Queen“ in den 50er-Jahren der USA. Damit wurden Alleinerziehende dunkelhäutige Frauen gemeint, die von Sozialhilfe lebten. Diese Form von Rassismus sorgte dafür, dass selbst Mittelschichtler, die von einem besseren Sozialstaat profitiert hätten, gegen den Sozialstaat stimmten.

Zunächst einmal scheinen wir solche Art von Agitation kennen, denn AfD und andere rechte neoliberale Kreise schüren ja ähnlich Ängste, um Zuspruch zu bekommen. Jetzt macht Frau Wagenknecht aber einen Move, der für mich gänzlich unverständlich ist.