The big Four: Der große Fanzine-Vergleich: Ox#156, Plastic Bomb #115, Trust #208 und ZAP #156

Vor Kurzem stellte ich mir in meiner Facebook-Blase die Frage, welches der Hefte ich zunächst besprechen sollte. Ziemlich schnell kristallisierte sich heraus, dass es wohl alle zusammen werden würden. Lange Texte sind ja gerade im Internet en vogue.

Und natürlich eignen sich alle vier Hefte ja auch für Totalverisse, was tatsächlich in den Fingern juckt.

„Ich fände eine Sammelbesprechung gut. Kategorien: Die langweiligste Kolumne. Die dümmste Kolumne. Das langweiligste Interview. Die flachste Tonträger-Besprechung. Die offensichtlichste Vetternwirtschaft … die Wucht deiner Besprechung wird anschließend in FB-Entfreundungen gemessen. “ (Schippy auf Facebook)

 

Das Feld scheint ja auch total abgesteckt zu sein. Irgendwie ist klar, wer wofür steht.

 

„Kommt drauf an was du suchst. Information: dann OX, Weisheiten von früher: dann ZAP, Spaß und Lebensfreude: dann Plastic Bomb. “ (Micha Will auf Facebook)

 

 

So sind ziemlich viele Reviews fast schon automatisiert geschrieben. Die Fülle der Informationen beim Ox können zu einem „Für jeden etwas dabei“-Review Resümee führen (siehe unten), wenn man es sich mit Buddy Joachim Hiller nicht verscherzen will oder zu einem „Zu wenig Frauen werden in diesem weißen CIS-Mann-Heft gefördert und außerdem wurde Binchen von Black Square nicht als Sängerin der gleichnamigen Band vorgestellt“-Verriss führen, wenn frau große Kämpfe für die unglaublichen Benachteiligungen von FLINTA* im Punk führt. Der wird nämlich in der Punkrock-Fachzeitschrift for all gender geführt. Hier wird der wohlgesonnene Rezensent festhalten, dass sich die Zahl der alten weißen CIS-Männer glücklicherweise deutlich reduziert hat und durch Frauen substituiert wurde, was wohl mal ein tolles Zeichen ist und dafür Herzchen in der #punktoo-Gruppe ernten. Wer keine Angst vorm

Manchmal sind E-Mail-Interviews doch besser!

Canceln hat, wird hingegen feststellen, dass die Interviews teilweise unlesbar sind. Dafür mag das Dachlawine-Interview herhalten, das sowohl Interviewer*in als auch Interviewer*inte überfordert. Auch mag man feststellen, dass der relative Frauenanteil auf 48 Seiten zwar hoch ist, aber die produzierte Textmenge von Frauen auf 164 Seiten Ox vermutlich die deutlich höhere ist.

Alert – Peter Krause hat es nie gecheckt

In diesem Jahr hat Archi schon zweimal kleine Clips mit akustischen Songs gepostet. Ein selbst komponiertes Stück mit dem schönen Titel “Spanische Schmeißfliege” und eine Eddie van Halen – Coverversion von “316“. Beide Songs ließen insofern aufhorchen, dass ich dachte: “Wow, der kann ja richtig spielen!” Zumindest klingt das für jemanden wie mich, dem ein Musikinstrument so weit weg ist wie für andere der Mars, so.

Doch letzte Woche kam dann das Stück PETER KRAUSE, in dem Archi dann mit seiner markanten Stimme einen typischen Archi-Song raushaut, den er früher sicher für die Terrorgruppe gemacht hätte. Da Musik und Punk sich ja nicht ausschließen, funktioniert der Song richtig gut. Stellt sich also die Frage, ob da vielleicht etwas für die Zeit nach Terrorgruppe im Busch ist. Die Lücke wäre ja nicht gerade klein. Und meine Neugierde war geweckt.

Jetzt ALERT: War Corona doch zu etwas gut?

ALERT: Hallo Swen, ja ich mag dich auch. Ja Corona war tatsächlich zu etwas gut. Nicht unbedingt für mich als Musiker und mein Altenteil-Projekt „ALERT“. Für mich hat sich während Corona gar nicht so viel verändert, ich lebe seit geraumer Zeit sowieso sehr soziophobisch zurückgezogen. Corona hat der Menschheit mal wieder ein paar Grenzen aufgezeigt und zumindest soft angedeutet, dass die Natur noch so einiges in petto hat, um auf die fortschreitende unkontrollierte und gefährliche Ausbreitung einer Spezies zu reagieren.

Die einzige wirklich sinnvolle Konsequenz, die die Menschheit aus dieser und kommenden Pandemien ziehen kann, ist Gesundschrumpfung. Also kontrollierte Selbstdezimierung in Form von konsequenter globaler Geburtenkontrolle. Alles andere ist naiver humanistisch überheblicher Bullshit. Der Kinderwahnsinn muss ein Ende haben.

Musikalisch bist du ja jetzt eher ohne Strom unterwegs gewesen, wenn man mal von den Akustikversionen von bspw. „Ich schlafe mit mir selbst“ absieht. Man hätte bei dir ja auch mit etwas zwischen K.I.Z. und Terrorgruppe rechnen können. War das ein überlegter Schritt?

ALERT: Bevor Punk in mein Leben trat, hab‘ ich klassische spanische Konzertgitarre gelernt. Nicht besonders lang, aber es hat gereicht, um bei mir die Grundlagen für Fingerpicking zu verinnerlichen. Ich hab‘ nebenbei schon immer aus Spaß akustische Gitarrenstückchen komponiert und Demos aufgenommen, einfach weil ich es kann.

Lazy Riots – Queen & Kings CD

Opa Haefs von Cashbar Club aus dem Duisburcher Süden, also aus Düsseldorf, hat eine neue Band gefunden. Mit den Lazy Riots liegt dann hier auch eine durchaus variantenreichere  vor. Der Clash-Einfluss ist sehr viel verwaschener und durch den zweistimmigen Leadgesang zusammen mit Leo werden weniger Assoziationen mit Sonny und Cher oder Cindy und Bert geweckt, sondern vielmehr lassen sie mich, nach Aufforderung von Mari,  an die Swoons denken. “Zu laut” ist so ein  Kleinod, dass seliges Früh-90er-Feeling aufkommen lässt. Und wenn Leo auch “Irgendwie irgendwo irgendwann” hasst, so hat sich, wie Mari hier anmerkte, doch das Aahh-ah-ah aus dem “Leuchtturm” von Nena in Form eines Oohh-oh-ohs in den Chorus eingeschlichen. Da denke ich dann auch an die Mimmies, was sicher auch in den persönliche Freundschaften-Horizont der Band passen könnte.

Die Überzahl der Songs werden in englischer Sprache intoniert, was mindestens genauso schön klingt, hier aber eher natürlich britische 77er-Assoziationen weckt. Den beinahe Titelsong Queen & King gibt es gleich in zwei Versionen, einmal mit Leo und einmal mit Opa im Vordergrund. Und sei mir nicht böse, Opa, mit Leo am Gesang kickt der noch besser. Das wirft für mich die schwere Frage auf, wie ihr das live macht. Muss der Eine oder die Andere dann jeweils die Triangel spielen oder Gogo-Tanz performen? Zumindest bei Opa stelle ich mir das amüsant vor.

Auf dieser tollen ersten CD werden schon mal Erwartungen geweckt, und, vorsicht Spoiler!, man hört munkeln, dass ein namhaftes Label aus dem Duisburcher Norden schon die Finger drauf hat.

Sahra Wagenknecht – Die Selbstgerechten (Teil 2)

Während ich im ersten Teil von Frau Wagenknechts Buch noch weitestgehend die Aufregung nicht nachvollziehen konnte, weil ihre Analysen der Probleme zutreffend waren, geht es im zweiten um ihren Ansatz Probleme zu lösen. Vorweg gesagt, es gibt hier einige Stolpersteine, die mich an ihrer Problemlösekompetenz zweifeln lassen.

Zunächst einmal beschreibt sie die Notwendigkeit eines Grundvertrauens der Bevölkerung, das durch das Zugehörigkeitsgefühl entsteht. Je größer dieses ist, desto eher besteht die Bereitschaft, sich dafür einzusetzen. So wird die Infrastruktur eher gepflegt und man ist bereit, nach dem Prinzip des reziproken Altruismus zu handeln, also erst einmal Gutes zu tun, ohne dafür eine direkte Gegenleistung zu erwarten. 

Gemeingüter können so erhalten werden und werden nicht ausgeplündert, weil jeder das Vertrauen darauf besitzt, dass er nicht raffen muss. Sofort ploppt bei mir das Bild der vollen Einkaufswagen und leeren Klopapierregale vom Beginn der Corona-Pandemie  auf. Dieses Grundvertrauen herrscht also in Deutschland nicht. Dies liegt laut Frau Wagenknecht an der Heterogenität in unseren Breitengraden, die   dem Wir-Gefühl entgegenstehen. Gemeingüter sind zum Verfallen verurteilt und die Antwort des Marktes ist die Privatisierung. So hängt das Wohlergehen von der Macht der unsichtbaren Hand des Marktes ab. Sozialstaaten werden also aufgelöst, wenn das Gemeinschaftsgefühl fehlt.

Wie dann rassistische Ressentiments geschürt werden, um neoliberalem Denken Vorschub zu leisten, belegt sie an der Legende der „Welfare Queen“ in den 50er-Jahren der USA. Damit wurden Alleinerziehende dunkelhäutige Frauen gemeint, die von Sozialhilfe lebten. Diese Form von Rassismus sorgte dafür, dass selbst Mittelschichtler, die von einem besseren Sozialstaat profitiert hätten, gegen den Sozialstaat stimmten.

Zunächst einmal scheinen wir solche Art von Agitation kennen, denn AfD und andere rechte neoliberale Kreise schüren ja ähnlich Ängste, um Zuspruch zu bekommen. Jetzt macht Frau Wagenknecht aber einen Move, der für mich gänzlich unverständlich ist. 

 

Ox #155

Vorsicht Triggerwarnung! Auf dem Cover sind die kleinen Geschwister der großen Schiffsschaukelschubser aus Düsseldorf, die BROILERS, zu sehen. Die dazugehörige Titelstory (bestehend aus Interviews mit Sammy und Ines) wirkt dagegen schon irgendwie sympathisch. Im Gegensatz zur Musik wirken sie im Gespräch sehr angenehm und insgeheim entwickle ich Sympathien. Anyway, das Ox ist dick genug, um genügende Unterhaltung zu bieten. Tom van Laak schafft es unfallfrei mit dem Fahrrad zum Arzt und seine Wohnung brennt eine ganze Ausgabe lang nicht beinahe ab. Markus Staiger erscheint ebenfalls als sympathischer Nerd, der seine Bands ganz ohne Excel-Tabellen signt. Diesmal gibt es auch eine ganze Reihe lesenswerter Kolumnen von Joachim, Julia Rosenthal, Lars Koch und Markus Franz (um sie mal beim Namen zu nennen). Der lustige Verriss von Cockney Rejects‘ Wild ones-Album liest sich verdammt flockig, trotz oder gerade wegen der Hochnäsigkeit mit der Karl Heinz Stille dem Genre Oi! begegnet. Musikalisch konnte ich diesmal durch das Ox A/Lpaca entdecken, die zu Recht gefeiert werden, wovon ich mich auf der streckenweise interessanten CD überzeugen konnte. Sonst noch interessant waren für mich die Deecracks, Mittagspause, Gum Bleed, 24/7 Diva Heaven und die neue Band The Limit von Sonny Vincent, der endlich wieder nach seiner Familientragödie am Start ist. Mit Paul Leary von den Butthole Surfers kommt auch mal ein richtig durchgeknallter Unsympath zu Wort, was irgendwie auch lesenswert ist. Swen

Ox #154

Ox 154

Mal wieder eine Ausgabe, die mir extrem gut in Erinnerung geblieben ist. Das liegt vermutlich am Titelthema NOFX, zu denen ich ja eine Hassliebe habe. Mit dem Interview schlägt das Pegel Richtung Liebe, denn diesmal zeigt sich der traurige Clown mal wieder von seiner Seite als Welt- und sich selbst-Versteher, der offenbar auf dem Weg zum Künstler ist. Hoffe nur, dass er noch lange die Kurven vom Manischen zum Depressiven und zurück bekommt. Dazu kommt, dass er komplexe aufgebauschte Probleme wie die Sichtbarkeit von Frauen im Punk nach dem Prinzip der Parsimonie erklärt und selbst trotzdem einen großen Beitrag zur Problemreduzierung leistet. Vielleicht sollte man zu dem Thema auch Erin mal befragen, damit auch die selbsterklärte vulnerable Gruppe zuhört und auch wieder Ambiguitätstoleranz aufbaut. Die Sleaford Mods auf ihrem Weg zu begleiten, bleibt auch spannend. Triebi kramt mal wieder eine Leiche aus dem Keller, und mit den Neurotic Arseholes eine, die es verdient hat. Bei so Bands wie Shame bin ich ja auch hin- und hergerissen, ob ich sie nun mag oder verteufeln soll. Aber so ein Interview mit so unglaublich jungen Talenten fördert auch bei mir die geforderte Toleranz. Mit dem AJZ Bahndamm wird mal ein Urgestein der coolen Läden abseits der hippen Großstädte gefördert. Und dass diese Läden weiter existieren, obwohl sie nichts machen können, wird durch solche Öffentlichkeitsarbeit auch ermöglicht. Genau wie das Schwerpunktthema Booking, in dem das gesamte Spektrum derer, die immer im Hintergrund arbeiten, Redezeit bekommt. Daran erkennt man die Wichtigkeit eines solchen verbindenden Zines, in dem mir nicht immer alles gefällt, aber immer wieder echte Highlights zu finden sind. Und dazu gehört auch noch das Interview mit Achim Lauber (Detlef, Supernichts und Knochenfabrik), der zeigt, man muss nicht der beste Schlagzeuger der Welt sein, um lesenswerte Interviews zu liefern. 

Das nicht veröffentlichte Vorwort aus Plastic Bomb 115

Ein Gift schleicht sich in die Punkszene ein, ein Gift, das gerne Gespenst wäre, aber mit dem Kommunismus nur gemein hat, sich des Mittels der Identitätspolitik zu bedienen. Aber im Gegensatz zum Kollektiv des Arbeiters, das Marx dem der Unterdrücker entgegen setzte, findet Identitätspolitik heute als Verabsolutierung von Partikularinteressen und Gefühlen statt. Dass diese Interessengruppen vorzugsweise gebildet wurden, weil sie auf erfahrenen Diskriminierungen zurückgreifen, ist einerseits moralische Legitimation und somit Waffe gegen jegliche Kritik sowie andererseits der große Geburtsfehler, denn häufig sind es rassistische, misogyne und homophobe  Zuschreibungen, die diese Gruppen definieren.

Moralisch bewegt sich derjenige auf dünnen Eis, der sich hiergegen wehrt. Denn wer wir dem Diskriminierten das Recht absprechen wollen, dass er sein Unrecht thematisiert? Und wer wird nicht zustimmen und unterstützen wollen, wenn es darum geht Unrecht und Diskriminierung zu bekämpfen? In diesem Sinn war es bisher großer Konsens in der Punkszene, sich für die Rechte von Minderheiten einzusetzen und ich glaube / hoffe, dass dies immer noch so ist.

Allerdings funktioniert die Zustimmung nur noch in einem Abnicken, gerade dann, wenn man selber zur Gruppe der weißen CIS-Männer gehört. Diese, von der selbstgerechten Linken so definierte,  Gruppe, gehört nämlich zu den Bösen, wenn sie sich nicht der Katharsis hingibt und für jegliches Unrecht büßt, was der Gruppe der Unterdrückten, den selbsternannten FLINTA-Personen, geschieht.

Die Karthasis besteht darin, die Fresse zu halten (alles andere ist im besten Fall Mansplaining) und alles dafür zu tun, dass künftig FLINTA-Personen sichtbar werden. Reden darüber darf man nur in wohlfeil gewählten Worten in perfekt gegendeter Sprache. Natürlich muss ich mir dabei der ganzen Privilegien bewusst sein, die ich als CIS-Mann hatte. Das Narrativ, das ich dazu beten darf, ist schnell erzählt. Als weiß geborenes männliches Kind in Essen Kray war ich qua Geburt auf der Siegerstraße und diesen Weg schlug ich im Leben auch in der Punkszene ein. Dabei habe ich Queere, POC und Frauen links liegen lassen und mich daran beteiligt, mich sichtbar auf Kosten der genannten Gruppe zu machen und tue dies heute noch. Und durch dieses Tun bin ich gerade erst Legitimation für die Aktivisit:innen.

 

Sahra  Wagenknecht: Die Selbstgerechten (Teil 1)

Ein Buch zu dem schon jeder eine Meinung hatte, bevor er es las. Das liegt sicherlich an der polarisierenden und selbstgewissen Art, mit der Sahra Wagenknecht in Zeitungsinterviews und diversen Talkshows sowie ihren eigenen wöchentlichen Videos auftritt. Ihr Konterfei auf dem Buchcover wirft natürlich auch sofort die Frage auf, ob sie mit dem Titel nicht sich selbst meinen könnte. Außerdem steht sie seit Jahren mit einem Flügel in der Linkspartei im Konflikt, dem sie, auch in diesem Buch, den Niedergang der Linken anlastet. Der bedankt sich bei ihr, indem er sie des Rassismus bezichtigt. Applaus der AfD wird als Beleg dafür herangezogen, ebenso wie einzelne Zitate aus dem Buch.

Gründe genug, sich also dieses Buch einmal genauer anzuschauen, schließlich steht die Autorin mit ihrem Buch genau an der Frontlinie und liefert gehörig Munition für eine Auseinandersetzung, in die zwangsläufig jeder gerät, der eine Meinung hat. Im Gegensatz zur alten Frage „Wie hältst du es mit Palestina?“ oder dem Aufkommen von Antideutschen sind ihre Fragen allerdings keine Fragen, die nur innerhalb der Linken Spaltungspotential besitzen, sondern gesamtgesellschaftliche Relevanz haben.Sahra  Wagenknecht: Die Selbstgerechten (Erster Teil der Besprechung)Sahra  Wagenknecht: Die Selbstgerechten (Erster Teil der Besprechung) Das, was sie als heutigen Linksliberalismus im Gegensatz zur Begrifflichkeit aus den 70er-Jahren ausmacht, betrifft mittlerweile einflussreiche Kreise, weit über das übliche Klientel hinaus. Der Einfluss der deskriptiven Genderstudies bedeutet aktive Eingriffe in den öffentlichen Sprachraum, der sich bis zum gesprochenen Binnen-I in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auswirkt. Dass dies nichts mit natürlichem Sprachwandel zu tun hat, der schließlich dem Genitiv den Graus machen wird, rückt diese Entwicklung in orwell’sches Neusprech. Wie so etwas sein kann, erklärt Frau Wagenknecht, indem sie sich die heutige Linke anschaut, die so eine weitreichende Lobby betreibt. Im Gegensatz zur alten Linken, die auf Seiten der sozial Benachteiligten stand, sind es heute diejenigen Kinder und Kindeskinder, die von Bildungsexplosion und sozialem Aufstieg alter linker Politik profitierten. Eine akademische Mittelschicht mit beispielsweise Lehrern, Journalisten und anderen studierten Professionen, denen es vergleichsweise gut geht und die über einen Habitus verfügen, der an die Oberschicht anschlussfähig ist. Diese finden sich in großstädtischen Milieus wieder und haben wenig Kontakt mit sozial Benachteiligten, zu denen der Abstand immer größer wird. Ihre Kinder gehen auf Gymnasien und meiden Problemstadtteile. Ich denke, soweit kann ich mitgehen, fühle mich auch ertappt und ein wunder Punkt von mir ist berührt. Dass man zu den Privilegierten gehört, will man nicht so gerne hören. Die Frage, warum sich das so entwickelt hat, lässt sie offen. Wie so oft in diesem Buch beschreibt sie die Dinge, was ihre große Stärke ist.

 

CIS-Punk-Brief an Finchen und Binchen

Ein Blogbeitrag mit dem Titel ‘Warum wir nicht mit Sexist*innen reden’ auf Taz Blogs (Link) vom 24.4.2021 veranlasste mich, einen Brief zu schreiben.

Liebes Finchen,

liebes Binchen,

 

entschuldigt die Namensform im Diminutiv. Bevor eure Wut jetzt schon zuviel Nahrung bekommt, tröstet euch, denn meine Zeit im Punk ist ja vorbei, weil weißer männlicher CIS-Punk tot ist. Aber vielleicht zweifelt ihr ja auch manchmal, denn Punk war ja bereits 1977, 1978, 1979 etc. tot.

Nicht tot sei hingegen eine breite Debatte im Netz, die unter #punktoo firmiert, auf der Kämpfer*innen von eurem Schlage über Sexismus im DIY-Punk diskutieren. Dazu wird das Narrativ von der männlich geprägten Szene mit der schlimmsten Diskriminierungserfahrung weiblicher Punker*innen bedient. Gut, dass eure Leser*innen endlich mal erfahren, dass du Fine in einem Ox-Interview als ‚Freundin von…‘ anstatt als ‚Mitglied von…‘ der Band Lügen geführt wurdest. Ist nicht ganz so cool wie Rosa Parks Geschichte, aber ihr hattet ja nicht mehr. Diskriminierung und sexuelle Gewalt ist halt was sehr Subjektives und wer bin ich, darüber eine Meinung zu äußern. Die wäre übrigens: Shit happens! Ich habe sogar fast schonmal einen ähnlichen Bock geschossen. Ich hatte Sven von Graupause in meiner Radiosendung, dachte aber, er würde in einer anderen Band spielen. Das habe ich erst während der Sendung gemerkt und konnte es ganz gut reparieren. Glücklicherweise gab es dazu keinen Hashtag ála #sauerlandtoo.

Aber zu eurem Anliegen:  Ihr umreist es in eurem Blogbeitrag zunächst einmal mit drei Fragen:

„Was ist das Ziel, wenn wir auf Social Media Plattformen mit Menschen diskutieren? Wohin soll ein Kampf für Geschlechtergerechtigkeit in der Punkszene führen? Und wie können wir uns Schilde besorgen, die uns auf dem Schlachtfeld schützen?“

Die ersten beiden Fragen machen mich neugierig, die letzte irritiert mich. Denn auf der einen Seite wertet ihr einen Shitstorm auf der FB-Seite des Ox nicht, aber auf der anderen Seite redet ihr von der hässlichen Seite des Punks, wenn FLINTA*, die sich kritisch äußern, persönlich angegangen werden. Ist das, was auf der Facebook-Seite des Ox passierte und einen Shitstorm auslöste, die schöne Seite des Punks? Also um es zu benennen: Auf 160 Seiten werden gefühlt tausend Bands interviewt und weil ein Fehler im Heft besteht, durch den du dich, Sabrina,  so diskriminiert fühlt, dass dieses Leid für alle anderen FLINTA* zugefügten Leiden stehen soll, rechtfertigt das einen Shitstorm.

Anyway, pöbeln gehört zum Geschäft. Das war im Punk ja auch immer so und wir sind ja keine Hippies, von denen sich meine Generation auch abgrenzte.

Aber bevor es an die Beantwortung eurer Fragen kommt, erzählst du, Fine, deine Punkgeschichte, der du mit Anfang 20 entwachsen bist, weil sie dir zu stereotyp und festgefahren war. Immer nur Knochenfabrik, APPD-Slogans, Force Attack und gebrochene Herzen. Nun ja, liest sich so, als ob du in einer Teilszene, die sich Deutschpunk nennt, unterwegs warst. Dieser Szene entwachsen viele Menschen, um sich innerhalb der DIY-Szene weiterzuentwickeln. Vielleicht hast du davon gehört, dass beinahe für jeden Jeck hier Platz ist. Wenn du beispielsweise die anderen Artikel im Ox auch liest, ohne nur auf Triggerwörter zu achten, wirst du feststellen, es gibt noch so unendlich viel mehr hinterm musikalischen Horizont des Deutschpunks. Du selbst scheinst ja der Musik selbst entwachsen zu sein und hast dich als Politaktivistin engagiert. Finde ich gut. Wäre ich auch gerne gewesen, war ich aber immer ein wenig feige für. Bei mir war es früher der Kampf gegen Rechte in der Punkszene, den ich über das Plastic Bomb führte. Im Nachhinein eine überwiegend gute Geschichte, bei der ich aber manchmal über das Ziel hinausgeschossen bin und nicht mit Beschuldigten geredet hatte. Aber damit will ich dich nicht langweilen, denn der Kampf gegen Sexismus und eine von alten weißen Männnern dominierte Punkszene ist nun wichtig.

Ist dies nun das alleinige Ziel, dass ich beim lesen impliziere? Nein, du (Fine? Ich weiß nicht immer genau wann du oder Sabrina oder ihr beiden sprecht.) stellst ja auf einmal fest, dass es einen relevanten Teil FLINTA*-Anteil gibt, der beginnt sich zu rühren. Schön, dass du das feststellst. Ob du es glaubst oder nicht, aber es gab schon zu Force Attack-Zeiten Frauen und sogar Homosexuelle in der Punkszene. Du hast es vielleicht nicht bemerkt. Und die durften sogar da schon frei reden, Fanzines machen und Bands gründen. Haben sie übrigens sogar gemacht. Aber vielleicht hat man das in der Deutschpunkszene nicht mitbekommen.

Wer hindert euch?

Ihr möchtet nun aber einen Fluchtpunkt von der hässlichen Realität schaffen, aber dabei hindern euch jetzt die alten weißen Männer. Und ich frage mich warum euch irgendwer überhaupt hindert? 

Ihr könnt jederzeit Räume neu definieren und gestalten. Sucht euch doch ein schönes Haus dafür! Wollt ihr nicht aus dem Kinderzimmer rauskommen? Wenn man sich nur noch mit den Eltern streitet, ist es Zeit dafür!

Tipps zur Entwicklung, damit es auch zu dem Wohin eurer Fragen kommt. Autark sein, das Leben in die eigene Hand zu nehmen, ist gar nicht so schwer. Das kann frau schaffen, ohne permanent von alten weißen CIS-Männern und -Frauen gefördert zu werden.

Konzentriert euch doch auf die tollen Sachen, die ihr könnt. Ihr seid doch so tolle kreative Mädchen. Und das, was die doofen alten weißen Männer so gemacht haben und noch machen, könnt ihr viel besser. Wenn ihr euch ganz doll anstrengt, könnt ihr einen Insta-Account betreiben, der in dreißig Jahren mal langweilig ist. Festivals könnt ihr ja auch machen. Und da könnt ihr all die alten Männer-Schweine-Bands außen vor lassen oder bestimmen, dass die zu euren Bedingungen spielen. Ihr seid jung, bestens vernetzt und habt bestimmt noch Energie, bevor die anderen gesellschaftlichen Herausforderungen und Entwicklungsaufgaben zu meistern sind.

Dann braucht ihr keine Schilde und müsst nicht in die Schlacht ziehen. Das ist doch Jungs-Rhetorik, die ihr gar nicht nötig habt.

Geschichte

Prolog


Ich träumte, dass ich in diese verlassene Stadt reiste. Dort fand ich mich zwischen den Häuserwänden wieder, die die Regelmäßigkeit zweckmäßiger Wohnbebauung hatten, wie sie vielleicht in den 1950er und 1960er-Jahren üblich war. Die Straßen waren breit und das Grau der Fassaden dominierte die Helligkeit. Ich wanderte ziellos umher. Weder suchte ich etwas, noch hoffte ich auf Überraschungen. Das dauerte unbestimmt, bis sich die Häuserschluchten veränderten. Waren es zunächst ebenerdige, geradlinige Straßen und der Himmel dem Auge nicht präsent, so mäanderte der Weg nun aus der Stadt hinaus einen Anstieg hinaus. Die Bebauung wurde dünner und so reihte sich ein Häuschen, wie man es sich vielleicht in einem italienischen Bergdorf, dem Auenland oder Schlumpfhausen vorstellen mag. Der Himmel zeigte sich klar und blau, die Sonne strahlte, ohne zu brennen und ich ahnte, dass hier auch Menschen wohnten. Es tauchten Wegweiser auf, die die Richtung nannten, aber das Ziel verschwiegen. Mit einem Male wurde mir bewusst, dass ich alt war. Ich war unendlich alt: Ich hatte alles gesehen, mich begeistert, es mitgemacht, war mit- und vorangegangen, hatte sie alle gesehen, aber auch alles vergessen. Mir war klar, dass das alles passiert war, es wichtig und heute vergessen war. Warum es einmal wichtig war, daran erinnerte ich mich nicht, noch was es genau war. Es war Alles. Vereinzelt begegneten mir nun Menschen, die zunächst vorsichtig hinter Gardinen lugten, dann offen aus Fenstern schauten und sogar an mir vorbei liefen. Auch sie waren alt, zu alt um zu sterben, ebenso wie ich dazu erkoren, ewig da zu sein und zu zeigen, dass das alles wahr war. Ich kannte niemanden hier, fühlte mich aber nicht fremd, sondern als ob ich nach langer Zeit wieder nach Hause gekommen wäre. Aber zu Hause war niemand, den ich kannte. Ich hatte schließlich alle verlassen, die ich kannte. Dieser Gedanke war plötzlich da. Und plötzlich wusste ich, dass sie auch hier lang gelaufen sein musste. Es konnte nicht anders sein. So fragte ich nach ihr. Zunächst verneinten die Leute noch freundlich, aber manche meinten kurz, sich vielleicht noch zu erinnern. Es musste sehr lange her gewesen sein. Ja, es war lange her und sie hatte lang hier gelebt und noch länger gewartet. Ich sei aber nie gekommen. Und plötzlich wurde mir klar, dass die Zeit knapp sein konnte. Zeit konnte ein Problem sein, wenn die Unendlichkeit ein Fakt ist. Ich lief also schneller hoch, fragte immer eindringlicher. Man erzählte mir Geschichten über sie. Ja, jeder hatte sie gekannt. Sie hatte Lieder geschrieben. Sie hatte gesungen und die Herzen berührt. Sie selbst hatte immer gewartet und sei dann weiter gezogen. Ich lief schneller. Hörte neue Geschichten, die mich begeisterten und ärgerte mich schließlich, dass ich wieder so lange zugehört hatte. Die Zeit: Ich hatte unendlich davon, aber sie … sie womöglich nicht. Wenn ich sie doch nur finden könnte, dann wäre alles gut. Ich bräuchte sie nur zu berühren und wir hätten diese Unendlichkeit. Dann könnten wir das alles nachholen, wir könnten es immer wieder erzählen und es wäre immer neu. Alles andere war unwichtig jetzt! Sofort musste ich sie finden. Da zeigte einer mit dem Finger auf das Haus am Weg oben. Da sei sie zuletzt gewesen. Da wohnte sie. Ich riss die Tür auf! Und sofort sah ich, dass sie es war, die hier lebte. Ich sah die Bilder an den Wänden, ihre Bücher, ihre Gitarren und all die Sammel- und Fundsachen eines Lebens. Ich riss die Schränke auf, sah ihre Kleider und das Geschirr. Alles war wohl geordnet und sauber. Doch ich hörte kein Geräusch, roch nichts, und sah sie nicht. Aber gleich sollte sie hier sein. Ich wollte auch sie warten, setzte mich vor die Tür, um das zu tun. Da kam der Mann und sagte mir, dass man sie gestern geholt hatte. Sie hatte so lange gewartet, viel länger als jeder geglaubt hätte. Jedem hatte sie gesagt, dass ich eines Tages kommen würde. Alle hatten nur den Kopf geschüttelt, schließlich war ich ja noch viel älter als sie. Sie hatten ihr über das Haar gestrichen. Gestern war sie eingeschlafen.