Triggerwarnung: Plastic Bomb 119

Auf dem Cover sind lustige Typ:innen mit Plastik-Spielzeug und lustigen Sonnenbrillen, denen nur noch die üblichen lustigen Wasserpistolen fehlen. Aber das wäre wohl des Lustigen zu viel in unlustigen Zeiten. Ich vermute, dass das die Band DEAD END KIDS ist, die im Augenkrebs-Layout interviewtechnisch präsentiert werden. Der kurze Soundcheck-Besuch bei Spotify bleibt sehr kurz: Ist so zwischen Inner Conflict und Lulu und die Einhornfarm. POPPERKLOPPER gehören wie Alarmsignal zu den Bands, die für mich gefühlt in jedem Heft interviewt werden. Gibt auch die üblichen Fragen zum neuen Album und der Corona-Zeit. Chris Scholz begräbt den Hamster seines Bruders und bezeichnet die Herausgeberin als Emma. Nennt man das, die Grenzen des Erlaubten austarieren? Oder sind die Gulags gerade geschlossen? Herausragend ist die erste fundierte Kritik zum gehypten Rock-O-Rama-Buch, verfasst von Phillipp. Ronjas Abenteuer beim Piercer ihres Vertrauens nebst zugehöriger MRT-Story liest sich streckenweise recht lustig, ist aber zu lang geraten für mich, der sich seine beiden Ohrstecker vor 20 Jahren selbst entfernt hat. Der Mann für den fundierten Musikjournalismus bleibt Basti, der demnächst ja auch einen Videokanal mit seinen Geschichten aus der Gruft betreiben wird, die dann aber Geschichten aus dem Grab sein werden. Ein wenig durfte ich da schon lünkern und kann versprechen, dass das auf diese Art noch nie vorher da gewesen ist. Für BLECHREIZ gilt das allerdings nicht; ich wusste allerdings nicht, dass es die noch gibt, und muss sagen, dass das neue Album echt ein Kracher ist.  Mit den DÖDELHAIEN führt Ronja ein superlustiges Interview und eine alte Plastic Bomb Tradition fort. Zur Gründergeschichte des Plastic Bombs gehört eben auch die Unterstützung durch das Impact Label. Auch sind die Interviews mit den Kulosa-Brüdern immer Ausnahmen gewesen, denn sie vermögen zu unterhalten. Das trifft auf die E-Mail-Interviews leider nicht zu. Köstlich hingegen das FINNA-Interview, das ich zum Abschluss mit einem Fotozitat belege.

Voll schönes Interview aus Plastic Bomb #119.

HEITER BIS WOLKIG – Widerstandslieder 

Eines dieser ewiger Oxymoronen sind HEITER BIS WOLKIG. Ich meine mich wirklich erinnern zu können, dass sie in der Duisburger Fabrik mal mit so einem Puppenspiel aufgetreten sind. Und sie kamen wirklich gut an. Gefühlt waren das so Lieder wie ‚Hey Pippilangstrumpf‘ oder ‚Hey Rote Zora‘. Ich bin zu faul, um im Internet zu recherchieren, was nun richtig oder falsch war. Aus den ausführlichen Erläuterungen im Booklet schließe ich, dass es wohl doch ‚Hey Rote Zora’ war. Damals war ich zu betrunken, um zu beurteilen zu können, ob das jetzt wirklich so schlecht war, wie ich es heute empfinde. Punk-Kabarett nennen sie es selbst. Kabarett finde ich zu 90% auch schlimm; Punk, wenn er so dargeboten wird, mit lustigen Kostümen und Grimassen, auch! Und gerade der Teil A dieses „Best of“ ‚Widerstand im deutschen Land‘ hört sich so gruselig an, wie die beiden Trotteldarsteller auf der Bookletrückseite aussehen: Man stelle sich vor, man beraube die frühen WIZO ihres anarchischen Witzes und ersetze sie mit den peinlichsten Momenten der ABSTÜRZENDEN BRIEFTAUBEN. Und dabei ist das ja eigentlich nichtmal lustig gemeint, sondern, sie covern/singen antifaschistisches Liedgut. Die Darbietung führt die Anliegen aber ad absurdum. Würde sich nicht eine Naziband genauso anhören, wenn sie sich darüber lustig machen würde? Irgendwo ab Teil B ‚Widerstand dem Unverstand‘ bis in Teil C ‚Widerstand im Hinterland‘ wird es erträglich. Es hört sich an wie der späte Pathos-Slime-Punk mit altem Sänger: so Schunkelnummern, die glücklicherweise nicht zotig wirken. Das sind dann auch eher eigene Lieder. Teil D ‚Widerstand für Zombieland‘ sind dann wieder Coversongs: HANS HARTZ, GÄNSEHAUT und ALEXANDRA zum Beispiel. Für ALEXANDRA würde euch Tom Tonk töten, denke ich so bei mir. Am Ende bleibt eine CD, die neue Fremdschamgrenzen setzt und das gemeinsame Frühstück mit meinem Schatz versaut hat.

In die Spotify-Liste des Schreckens hat es immerhin ein Song geschafft.

Zu kaufen gibt es dieses Kleinod hier.

Red London – Cut from a different cloth

Ich bin ja jetzt nicht so der RED LONDON-Experte, weil sie mir persönlich immer ein wenig zu langweilig waren. Kann mich noch gut erinnern, wie unglaublich enttäuscht ich war, als ich zum ersten Mal eine Scheibe von denen hörte. Die damalige Oi!-Zwillingsband RED ALERT fand ich immer besser, was ich heute allerdings nur damit erklären kann, dass Micha und ich für Plastic Bomb Nr. 2 ein Interview mit Gaz machten und die Band auf einer späteren Tour mit Knock Out Records so unglaublich asozial auf Speed unterwegs war. Oder es lag daran, dass es schlichtweg zwei verschiedene Tassen Tee waren. Vielleicht bin ich heute so alt, wie man es sein muss, um solchem Punkrock zugeneigt zu sein, denn ich muss sagen, dass der hier dargebotene Langweilige Punkrock (Begriff ist ja bekanntlich nicht negativ gemeint) von recht großer Bandbreite Zeugnis ablegt. So fascettenreich hatte ich den gar nicht in Erinnerung. Neben dem eigenen typischen melodiösen RED LONDON-Midtempo-Sound, denke ich gelegentlich an die GUITAR GANGSTERS aber auch an GREEN DAY, wenn sie denn mal unplugged performen. Ja, und dabei verzichten sie auf die ganzen Aahs und Oohs, die ja ein ganzes Genre von innen heraus zu zerstören mögen. Auch die trockene Produktion, die sicher nichts verspricht, was live nicht gehalten werden kann, tut ihr übriges, um diese CD des Genusses wegen mehrfach zu hören. Mit dem Upstarts-Cover von ‚Police oppression‘ hauen sie dann auch noch mal eine werkgetreue Version raus, die durch personelle Überschneidungen in dieser Bandbesetzung auch legitimiert ist.

Mein Hit für die Playlist ist der Titelsong. 

Zu kaufen gibt es diesen schönen Tonträger hier.

Duisburch 47 – Die Playlist des guten Geschmacks

Mittlerweile läuft ja hier hier so einiges an guter Musik bei mir wieder zusammen. Ob es für das Radio, diesen Blog oder gelegentlich auch für Fanzines verwurschtet wird, entscheidet der Moment.

Da ja mit Spotify der heimlich konsumierte Streaming-Dienst der Wahl zur Verfügung steht, gibt es darum eine stets aktualisierte Playlist mit 47 Songs, die sich speisen aus den Hits der Bemusterungen und denen, die ich durch meine großartige Filterblase zugesteckt bekomme.

Also viel Spaß beim Hören, Folgen und Liken!

https://open.spotify.com/playlist/0iaPUEg015ENKHTovBufKZ?si=fm5LxIO9TI2rthN6IhSoGw

Triggerwarnung: Ox 161

Das Ox ist immer nur so unterhaltsam, wie es die Bubble des semiprofessionellen Musikgeschäfts hergibt. Das ist momentan die große Schwäche des aktuellen Ox, das ja konzeptionell als Branchenverzeichnis agiert. HOT WATER MUSIC auf dem Cover passen da wie Faust auf Auge, denn sie zählen ebenso wie die dort ebenfalls vertretenen IGNITE zum groß gewordenen Mittelmaß, die eine halbe Idee zum lebenslangen Geschäftsmodell weiterentwickelt haben. Der Neuigkeitswert des HOT WATER MUSIC – Interview besteht darin, dass irgendein Typ, der als Aushilfsmucker auf Tour einstieg, nun auch irgendwie zur Besetzung gehört; also irgendwie ähnlich wie bei BAD RELIGION oder GENESIS. IGNITE haben gleich den vierten neuen Sänger: hätt‘ ich echt nicht bemerkt. Lesenswert ist das Interview mit MONCHI, der wohl fast 65 Kilo abgenommen hat, darüber ein Buch schrieb und im Interview überraschend Klartext zu Bodyshaming etc. redet. Geht doch! Mit RUSSKAJA wäre eine Band von Interesse da. Ich schätze zum Zeitpunkt des Interviews war der Krieg noch nicht so eskaliert. Deshalb würde ich mir in der nächsten Ausgabe da ein Nachhaken wünschen. Hier gibt sich die Band unpolitisch. An neuen Bands ist mit ISOSCOPE gerade mal eine interessante Band im Heft. Die VERSTÖRTEN BECKER sind ja irgendwie nicht neu, haben aber mit ihrem DADA-Punk zumindest schon mal Aufmerksamkeit jenseits des Gewohnten gewonnen. Der interessante Rest spielt sich in der Vergangenheit ab. HANNES von ZEBRACORE erzählt von den guten alten Tagen in der Fabrik in Duisburg. Die Langversion gibt es ja auch hier: Zebracore – Hannes Siaminos im Interview .

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IRINI MONS – s/t CD

Hach, welch wunderbarer Sonnenstrahl scheint da aus Lyon rüber. IRINI MONS lassen in diesem Licht beeindruckende Klanglandschaften entstehen: treibend und basslastig wie SHELLAC oder the DEAD, angedeutete Hymnen, Stonerrock und auch (mehrstimmig) stimmiger Gesang. Die französischen Texte wirken gesungen auch einfach schön für mich. Vielleicht ein großer Vorteil, wenn man die Sprache leider so gar nicht versteht. Manchmal ist es ja auch ganz schön, wenn man nicht alles weiß und noch Leerstellen bleiben, die die eigene Fantasie füllen darf.

Und wirkte die Vorgängerband DECIBELLES für mich in allen Belangen immer etwas zu dünn, so trifft hier das Gegenteil ins Schwarze. Und das ohne je in den Verdacht zu geraten, hier die Songs überfrachten zu wollen. Im Zweifel sind sie immer zur Minimierung bereit, um den Raum zu schaffen, eine Idee einmal glänzen zu lassen. Dabei sind die sechs Songs ein abwechslungsreicher Ritt durch die Welt anspruchsvoller Rockmusik oder auch des Art Rocks. Die kann ich mir immer wieder anhören und entdecke stets Neues für mein Belohnungssystem. Dabei sind sie in Sachen Verspieltheit wie ein auf Harmonie bedachtes Geschwisterkind von LE SINGE BLANC. Schade, dass ihre Tour mit SHELLAC vor Pfingsten so ungünstig liegt. Gibt es als gut recyclingfähigen Tonträger der Zukunft und für die Generation Boomer-cringe als Vinyl.

 

Nicht einmal der stärkste Song auf der CD, aber mit Video.

SOKO METTIGEL – Dienst nach Vorschrift


Da drückt mir Vera Thum (www.punk.de) doch diese CD in die Hand und sagt, sie feiere sie total ab. Und ich äußere obschon des Namens meine Bedenken, denn er lässt das Assoziationengewitter schon vorm Hören düster aufziehen. Ich denke an die lustigen Mettigel-Memes in meiner Timeline, die ich nicht lustig finde, oder an misslungenen Funpunk wie SOKO DURST oder DIE BULLEN. Wie gesagt, das alles, bevor ich einen Ton gehört habe. Auf der anderen Seite steht Vera, die Frau, die den härtesten Punch mit dem nettesten Wesen vereint. Aber erst einmal bleibt die CD drei Wochen in der Sporttasche im Keller. Ich stolpere über wohlmeinende Reviews im Netz, die zwei Werturteile ermöglichen:
Das erste ist eines von von Leuten, die sich auch über den anstehenden Festivalsommer freuen, also eines ohne Wert. Das zweite von Leuten, die die Band offenbar nett finden, ihr deswegen aber eine ehrlich Antwort ersparen wollen, weil es ja irgendwie gemein ist, wenn da so viel Mühe drin steckt.
Und jetzt bin ich also dran! Versuchen wir es mal positiv: Das Format CD und der Pappschuber ohne Plastik sowie die ameisenstaateske Produktion passen zum Inhalt. Außerdem gibt es keine Aaahs und Ooohs. Und aus den Texten kann die angenehme Verweigerungshaltung kaum überhört werden. Meinung und Sozialisation scheinen auch ähnlich gelaufen zu sein. Es spricht also alles dafür, dass wir zusammen auch eine Fanta trinken würden. Aber die Songs schreien nach Reduktion, tragen zwar durchaus Ideen in sich, sind aber so dermaßen vollgepfropft mit Füllmaterial, dass das Hören mir zur Qual wird. Denken die denn nie an die Hörer? Muss man wirklich jede Idee auch singen, wenn sie sich gesungen scheiße anhört? Okay, klar… so ist das garantiert barrierefrei. Spannend aber ist das wie ein rückwärts laufendes Unboxing-Video.

 

Mittekill – Phantom Club

Und nun was ganz anderes: MITTEKILL sind für mich die erste große Entdeckung des Jahres! Ähnlich aufhorchen ließen mich in den vergangenen Jahren vielleicht nur noch HEAVY METAL und DAS LECK. Und das tut mir natürlich unendlich leid, denn wenn eines klar ist, dann der traurige Fakt, dass ich Influencer ohne Einfluss bin. Wäre es anders, würden MITTEKILL künftig gefeiert werden, wie es die  SLEAFORD MODS immer noch zu Recht werden. MITTEKILL erschaffen einen kruden Mix aus Ambient House und trashigem Synthikrach, verbinden ernsthafte Anliegen und dadaistischen Witz und sind sich nicht zu schade auch mal richtig stumpf loszupoltern. Wer angesichts der großen Singleauskopplung „Die Leute aus dem Internet“ glaubt, schon zu wissen, was sich einem mit dem Album „Phantom Club“ in die Gehirnwindungen dreht, wird seine Überraschung erleben: Ein aberwitziger Ausbruch an Kreativität mit extrem hohem Unterhaltungswert! Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen, welche Begeisterung dieses Album in mir auslöst. Da ist Witz wie bei KNARF RELLÖM oder GUZ, stumpfes Geholze wie FCKR in schlau und selbst einen gelungenen Ausflug in Liedermachergefilde zeigt DANGER DAN, wie sowas auch in gut geht. Vielleicht würden die Goldenen Zitronen heute so klingen, wenn sie nicht ihr Lachen verloren hätten.

 

GUITAR GANGSTERS – Fortune favours the brave

Klassischer Fall von langweiligem Punkrock! Und das ist keinesfalls despektierlich gemeint, denn schließlich ist diese Genrebezeichnung seinerzeit wohlwollend von Ise eingeführt worden, die damit die musikalischen Vorlieben der Punks von der falschen Rheinseite Duisburgs beschrieb. Musik, die unbeeindruckt von den Krisen der Zeit der Fels in der Brandung bleibt. Die GENERATORS, LURKERS und 999 sind solche Vertreter und MEGA CITY 4 wären es, wenn es sie noch gäbe. Die GUITAR GANGSTERS zählen zu eben jenen Prototypen von Bands, deren großer Jahrestag zweifelsohne einmal jährlich beim Rebellion begangen wird. Ansonsten touren sie beharrlich Jahr für Jahr und erfreuen die treue Fanbase alter dickbäuchiger Männer und Frauen mit feinen kleinen Melodien in bewährter Tradition in den kleinen Clubs; eher selten verirren sie sich in ein AZ. Das machen die Guitar Gangsters im Sommer dieses Jahres auch. Dabei haben sie sich selbst ganz gut gehalten. Offenbar sprechen sie nicht nur dem guten Leben zu.

Thematisch geht’s zielgruppengerecht mit seniler Bettflucht los, um dann aber die eigene Stärke und das Dasein an sich zu feiern. Mit dem Alter gewinnt man, wenn es gut läuft, etwas Weisheit und Wertschätzung für die kleinen Dinge in einer absurden Welt. Und so ziemlich genau in die Kategorie meiner Welt passt dieses Kleinod wunderbar.

Käuflich zu erwerben und zu streamen ist es hier.

Triggerwarnung: Plastic Bomb #118

„Kostet nun endlich, was es wert ist!“ steht im Untertitel der Ausgabe 118. Das lädt natürlich zu allerlei fröhlichem Spott (Danke, Friedrich!) ein, den ich mir spare, denn für eine Erhöhung des Preises war ich schon zu Zeiten, als es noch mit CD kam und über 100 Seiten dick war. Das Heft selbst dümpelt in der miterschaffenen Blase vor sich hin und ich erfahre von der immer größer werdenden Flinta-Beteiligung im Vorwort von Ronja und komme beim Faktencheck der groß beworbenen Festivals Back to future und Krach am Bach nicht so richtig hinterher. Gefühlt spielen auf beiden Festivals die gleichen Bands, die dort immer gespielt haben und an exponierterer Stelle im Line-Up stehen sie auch nicht. Na ja, ist eh nicht meine Baustelle. Höhepunkt im Heft ist das TOCOTRONIC Interview, was daran liegt, dass ich eigentlich bisher kaum etwas über die gelesen hab, weil die ja eher in Musikzeitschriften zu Hause waren. Und als erklärter Fanboy sauge ich jetzt alles von ihnen auf. Die anderen Interviews mit Bands sind vermutlich auch auf dem oft (zu unrecht!) so kritisierten Ox-Standard (SENSITIVES, SKEPTIKER) oder knapp darunter (BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS und TEAM SCHEISSE). Die politischen Themen über Geflüchtete an der Grenze Belarus/Polen, Seenotrettung und Menschen an der Außengrenze Bosniens lassen mich merkwürdig kalt, was sicher auch an der handwerklichen Aufbereitung der Artikel liegt: lesefeindliches Layout mit kleiner Schrift vor bebildertem Hintergrund.

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