Zwakkelmanns SHIT‘SINGLE

Foto von Marion H.

Bücher von Menschen zu besprechen, zu denen man ein besonderes Verhältnis hat, ist immer eine etwas gefährliche Sache: Einerseits ist die Gefahr einer Gefälligkeitsbesprechung im Raum, andererseits bin ich persönlich bei der Bewertung von Büchern, die im Freundeskreis geschrieben werden, etwas überkritisch. Das möchte ich dann Zuweilen etwas sprachlich schönen, damit es nicht zu weh tut.

Diesmal ist es aber ganz leicht, denn ich bin schlichtweg sehr angetan von Schlaffkes autobiografischem Buch. Im Titel ist es schon angelegt: Einerseits geht es um die musikalische Seite, die Single und dann um Schlaffke als (unfreiwilliger!!!) Single. Und auf dem Buchrücken wird das Spiel sogar noch weiter getrieben, denn dieses Leben kann sowohl Hit als auch Shit sein. Diese kleinen Feinheiten sind es, die den Künstler Zwakkelmann und Menschen Schlaffke ausmachen. Im Untertitel stapelt er tief, indem er von „Anekdoten eines Vollidioten“ spricht und fängt so den unbefangenen Leser. Es gibt tatsächlich zahlreiche kleine Geschichten vom Leben in der Provinz und abseits der großen Festivalbühnen. Mittelpunkt ist das niederrheinische Haminkeln, dem Ort zwischen Bauerndorf und Einfamilienreihenhausghetto, dem eigentlich kaum etwas Schönes zugeschrieben wird. Zahlreiche sympathische Spinner begegnen unserem Helden, deren Leben zwar oft nicht glamourös ist, aber denen eine erzählenswerte Eigenart zueigen ist. Interessanterweise sind beinahe alle Namen geändert, obwohl der Held selbst sich die schlimmsten Aussetzer leistet, aber durch die stete Einsamkeit, die wie Satrés Ekel omnipräsent ist, entschuldigt wird.

So könnten diese kleinen abgeschlossenen Erzählungen auch „Reflexionen aus einem unerfüllten Leben“ genannt werden. Über all dem lustvoll erzählten Versagen steht stets die Suche nach einer erfüllten Liebe. Dabei muss Schlaffke echt einiges ertragen. Vielleicht schreibt er das Buch darum durchgehend in der dritten Person. Vielleicht ist es diese Distanz, die zum Selbstschutz gebraucht wird, denn teilweise geht es echt ins Eingemachte, wenn beispielsweise die Geschichte vom tödlich verunglückten kleinen Bruder Friedemann plötzlich den lockeren Ton ad absurdum führt. Dann muss ich das Buch auch mal zur Seite legen und es kurz sacken lassen. Das wusste ich nicht, gehört aber zu dem Psychogramm, das hier gezeichnet wird. Als Zwakkelmann lebt Schlaffke das Leben als Bukowskis Lightversion. Nicht so hart, nicht so böse und nicht so konsequent. Immer mutig schreitet er voran und seine Gutmütigkeit steht ihm im Weg. Aber sein Weg wird von gerade genug Menschen gesäumt, die ihn genau dafür lieben. Und obwohl das Überthema „Liebenswerter Versager“ mantramäßig wiederholt wird, wird es nie langweilig, soviel über sein Leben und auch die Bezüge zu seinen Liedtexten zu erfahren. Mensch und Künstler sind halt hier nicht zu trennen.

SHITSINGLE ist ein Buch über das Jungsein, das Altern und im Hier und jetzt zu sein. Die Coronakrise ist hier Ausgangspunkt der Erzählung und passt auch zu Schlaffkes Ecce Homo. Passend dazu ist auch das vorläufige Happy End auf dem Ruhrpott Rodeo.

Ox #157: Besprechung aus der Rubrik „Opa halt‘s Maul“

Die „Opa, erzähl mal von früher“-Abteilung wird auch immer größer. Bespielt wird diese im Wesentlichen diesmal von Triebi Instabil. Das TOXOPLASMA-Interview ist die Langeweile pur, etwas interessanter das mit ARTLESS. Fragen aus dem Baukasten der Ideenlosigkeit, die demnächst auch für das HoA- oder Canalterror-Feature wiederverwertet werden können: Wie bist du auf Punk aufmerksam geworden? Wie war die Szene damals? Wo ist der Unterschied zwischen früher und heute? Sind eure Texte auch heute noch relevant? Hast du heute auch Probleme mit dem nächtlichen Blasendruck? Etc. pp… Der Halbseiter mit den RAZORS aus der Abteilung „Opa, erzähl von heute“gelingt Triebi da schon besser.

Helge Schreiber geht mit seinem SCHWEDISCHEN HARDCORE-PUNK IN DEN ACHTZIGERN die Veteranengeschichte aus einer Vogelperspektive an und gewinnt so natürlich schon mal einen Preis für akribisches Puzzeln. Dummerweise finde ich beinahe alle darin vorkommenden Bands wie Rösvett, Crude SS oder Anti-Cimex ausnahmslos schrecklich.

Und richtig gut ist hingegen das Gespräch mit John Wright, der als Drummer von NOMEANSNO und Sänger der HANSON BROTHERS natürlich jemand ist, der den Fanboy Swen zum Lesen reizt.

Eindeutig einer der Vorteile des Drucks durch die zweimonatliche Erscheinungsweise ist aber die Wiederaufnahme älterer Gespräche. Hier am Beispiel von JOEY CAPE, dessen Solosachen ich echt gruselig finde, der aber als Interviewter von Frank Weiffen schon einen gewissen Unterhaltungswert an den Tag legen kann. Gleiches gilt für DIE LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMANN, die einfach wissen, dass der Unterhaltungswert auch neben der Bühne notwendig ist.

Die Geschmacks-Kontrolle weißt diesmal erhebliche Verirrungen und Verwirrungen auf. Da Platz 10 nicht zweimal vergeben werden konnte, finden sich Akne Kid Joe auf Platz zwei wieder. Ups, und da fällt es mir auf, auf dem Cover ist die Band mit 50%-bärtiger-Zausel-Quote ebenso zu finden wie im Interview. Ist das jetzt Anbiederung an die Generation Feine Sahne 100 Kilo Herz? Der subtile Humor ist wahrscheinlich so doppelt- und dreifach verspiegelt, dass er mir verlustig geht. Und gehört das immer häufiger anzutreffende Gendern in den Texten auch dazu? Ich höre auf jeden Fall sofort auf zu lesen, wenn ich einen Doppelpunkt sehe.

Toll hingegen, natürlich die vielen Fortsetzungsgeschichten, die hier zu finden sind. Da ist für jeden was dabei, unter Anderem auch für Menschen, die auf misanthropische und kulturpessimistische Lehrergeschichten stehen: Mit der regelmäßigen Veröffentlichung von ‚Bildungsland‘ gibt Joachim mir eine Chance, mich einem größeren Publikum zu zeigen und mich dazu zu bringen, meine Skizzen in Buchform zu bringen. Dafür verzeihe ich ihm auch so manchen Doppelpunkt.

The big Four: Der große Fanzine-Vergleich: Ox#156, Plastic Bomb #115, Trust #208 und ZAP #156

Vor Kurzem stellte ich mir in meiner Facebook-Blase die Frage, welches der Hefte ich zunächst besprechen sollte. Ziemlich schnell kristallisierte sich heraus, dass es wohl alle zusammen werden würden. Lange Texte sind ja gerade im Internet en vogue.

Und natürlich eignen sich alle vier Hefte ja auch für Totalverisse, was tatsächlich in den Fingern juckt.

„Ich fände eine Sammelbesprechung gut. Kategorien: Die langweiligste Kolumne. Die dümmste Kolumne. Das langweiligste Interview. Die flachste Tonträger-Besprechung. Die offensichtlichste Vetternwirtschaft … die Wucht deiner Besprechung wird anschließend in FB-Entfreundungen gemessen. “ (Schippy auf Facebook)

 

Das Feld scheint ja auch total abgesteckt zu sein. Irgendwie ist klar, wer wofür steht.

 

„Kommt drauf an was du suchst. Information: dann OX, Weisheiten von früher: dann ZAP, Spaß und Lebensfreude: dann Plastic Bomb. “ (Micha Will auf Facebook)

 

 

So sind ziemlich viele Reviews fast schon automatisiert geschrieben. Die Fülle der Informationen beim Ox können zu einem „Für jeden etwas dabei“-Review Resümee führen (siehe unten), wenn man es sich mit Buddy Joachim Hiller nicht verscherzen will oder zu einem „Zu wenig Frauen werden in diesem weißen CIS-Mann-Heft gefördert und außerdem wurde Binchen von Black Square nicht als Sängerin der gleichnamigen Band vorgestellt“-Verriss führen, wenn frau große Kämpfe für die unglaublichen Benachteiligungen von FLINTA* im Punk führt. Der wird nämlich in der Punkrock-Fachzeitschrift for all gender geführt. Hier wird der wohlgesonnene Rezensent festhalten, dass sich die Zahl der alten weißen CIS-Männer glücklicherweise deutlich reduziert hat und durch Frauen substituiert wurde, was wohl mal ein tolles Zeichen ist und dafür Herzchen in der #punktoo-Gruppe ernten. Wer keine Angst vorm

Manchmal sind E-Mail-Interviews doch besser!

Canceln hat, wird hingegen feststellen, dass die Interviews teilweise unlesbar sind. Dafür mag das Dachlawine-Interview herhalten, das sowohl Interviewer*in als auch Interviewer*inte überfordert. Auch mag man feststellen, dass der relative Frauenanteil auf 48 Seiten zwar hoch ist, aber die produzierte Textmenge von Frauen auf 164 Seiten Ox vermutlich die deutlich höhere ist.

Alert – Peter Krause hat es nie gecheckt

In diesem Jahr hat Archi schon zweimal kleine Clips mit akustischen Songs gepostet. Ein selbst komponiertes Stück mit dem schönen Titel “Spanische Schmeißfliege” und eine Eddie van Halen – Coverversion von “316“. Beide Songs ließen insofern aufhorchen, dass ich dachte: “Wow, der kann ja richtig spielen!” Zumindest klingt das für jemanden wie mich, dem ein Musikinstrument so weit weg ist wie für andere der Mars, so.

Doch letzte Woche kam dann das Stück PETER KRAUSE, in dem Archi dann mit seiner markanten Stimme einen typischen Archi-Song raushaut, den er früher sicher für die Terrorgruppe gemacht hätte. Da Musik und Punk sich ja nicht ausschließen, funktioniert der Song richtig gut. Stellt sich also die Frage, ob da vielleicht etwas für die Zeit nach Terrorgruppe im Busch ist. Die Lücke wäre ja nicht gerade klein. Und meine Neugierde war geweckt.

Jetzt ALERT: War Corona doch zu etwas gut?

ALERT: Hallo Swen, ja ich mag dich auch. Ja Corona war tatsächlich zu etwas gut. Nicht unbedingt für mich als Musiker und mein Altenteil-Projekt „ALERT“. Für mich hat sich während Corona gar nicht so viel verändert, ich lebe seit geraumer Zeit sowieso sehr soziophobisch zurückgezogen. Corona hat der Menschheit mal wieder ein paar Grenzen aufgezeigt und zumindest soft angedeutet, dass die Natur noch so einiges in petto hat, um auf die fortschreitende unkontrollierte und gefährliche Ausbreitung einer Spezies zu reagieren.

Die einzige wirklich sinnvolle Konsequenz, die die Menschheit aus dieser und kommenden Pandemien ziehen kann, ist Gesundschrumpfung. Also kontrollierte Selbstdezimierung in Form von konsequenter globaler Geburtenkontrolle. Alles andere ist naiver humanistisch überheblicher Bullshit. Der Kinderwahnsinn muss ein Ende haben.

Musikalisch bist du ja jetzt eher ohne Strom unterwegs gewesen, wenn man mal von den Akustikversionen von bspw. „Ich schlafe mit mir selbst“ absieht. Man hätte bei dir ja auch mit etwas zwischen K.I.Z. und Terrorgruppe rechnen können. War das ein überlegter Schritt?

ALERT: Bevor Punk in mein Leben trat, hab‘ ich klassische spanische Konzertgitarre gelernt. Nicht besonders lang, aber es hat gereicht, um bei mir die Grundlagen für Fingerpicking zu verinnerlichen. Ich hab‘ nebenbei schon immer aus Spaß akustische Gitarrenstückchen komponiert und Demos aufgenommen, einfach weil ich es kann.

Lazy Riots – Queen & Kings CD

Opa Haefs von Cashbar Club aus dem Duisburcher Süden, also aus Düsseldorf, hat eine neue Band gefunden. Mit den Lazy Riots liegt dann hier auch eine durchaus variantenreichere  vor. Der Clash-Einfluss ist sehr viel verwaschener und durch den zweistimmigen Leadgesang zusammen mit Leo werden weniger Assoziationen mit Sonny und Cher oder Cindy und Bert geweckt, sondern vielmehr lassen sie mich, nach Aufforderung von Mari,  an die Swoons denken. “Zu laut” ist so ein  Kleinod, dass seliges Früh-90er-Feeling aufkommen lässt. Und wenn Leo auch “Irgendwie irgendwo irgendwann” hasst, so hat sich, wie Mari hier anmerkte, doch das Aahh-ah-ah aus dem “Leuchtturm” von Nena in Form eines Oohh-oh-ohs in den Chorus eingeschlichen. Da denke ich dann auch an die Mimmies, was sicher auch in den persönliche Freundschaften-Horizont der Band passen könnte.

Die Überzahl der Songs werden in englischer Sprache intoniert, was mindestens genauso schön klingt, hier aber eher natürlich britische 77er-Assoziationen weckt. Den beinahe Titelsong Queen & King gibt es gleich in zwei Versionen, einmal mit Leo und einmal mit Opa im Vordergrund. Und sei mir nicht böse, Opa, mit Leo am Gesang kickt der noch besser. Das wirft für mich die schwere Frage auf, wie ihr das live macht. Muss der Eine oder die Andere dann jeweils die Triangel spielen oder Gogo-Tanz performen? Zumindest bei Opa stelle ich mir das amüsant vor.

Auf dieser tollen ersten CD werden schon mal Erwartungen geweckt, und, vorsicht Spoiler!, man hört munkeln, dass ein namhaftes Label aus dem Duisburcher Norden schon die Finger drauf hat.

Ox #155

Vorsicht Triggerwarnung! Auf dem Cover sind die kleinen Geschwister der großen Schiffsschaukelschubser aus Düsseldorf, die BROILERS, zu sehen. Die dazugehörige Titelstory (bestehend aus Interviews mit Sammy und Ines) wirkt dagegen schon irgendwie sympathisch. Im Gegensatz zur Musik wirken sie im Gespräch sehr angenehm und insgeheim entwickle ich Sympathien. Anyway, das Ox ist dick genug, um genügende Unterhaltung zu bieten. Tom van Laak schafft es unfallfrei mit dem Fahrrad zum Arzt und seine Wohnung brennt eine ganze Ausgabe lang nicht beinahe ab. Markus Staiger erscheint ebenfalls als sympathischer Nerd, der seine Bands ganz ohne Excel-Tabellen signt. Diesmal gibt es auch eine ganze Reihe lesenswerter Kolumnen von Joachim, Julia Rosenthal, Lars Koch und Markus Franz (um sie mal beim Namen zu nennen). Der lustige Verriss von Cockney Rejects‘ Wild ones-Album liest sich verdammt flockig, trotz oder gerade wegen der Hochnäsigkeit mit der Karl Heinz Stille dem Genre Oi! begegnet. Musikalisch konnte ich diesmal durch das Ox A/Lpaca entdecken, die zu Recht gefeiert werden, wovon ich mich auf der streckenweise interessanten CD überzeugen konnte. Sonst noch interessant waren für mich die Deecracks, Mittagspause, Gum Bleed, 24/7 Diva Heaven und die neue Band The Limit von Sonny Vincent, der endlich wieder nach seiner Familientragödie am Start ist. Mit Paul Leary von den Butthole Surfers kommt auch mal ein richtig durchgeknallter Unsympath zu Wort, was irgendwie auch lesenswert ist. Swen

Ox #154

Ox 154

Mal wieder eine Ausgabe, die mir extrem gut in Erinnerung geblieben ist. Das liegt vermutlich am Titelthema NOFX, zu denen ich ja eine Hassliebe habe. Mit dem Interview schlägt das Pegel Richtung Liebe, denn diesmal zeigt sich der traurige Clown mal wieder von seiner Seite als Welt- und sich selbst-Versteher, der offenbar auf dem Weg zum Künstler ist. Hoffe nur, dass er noch lange die Kurven vom Manischen zum Depressiven und zurück bekommt. Dazu kommt, dass er komplexe aufgebauschte Probleme wie die Sichtbarkeit von Frauen im Punk nach dem Prinzip der Parsimonie erklärt und selbst trotzdem einen großen Beitrag zur Problemreduzierung leistet. Vielleicht sollte man zu dem Thema auch Erin mal befragen, damit auch die selbsterklärte vulnerable Gruppe zuhört und auch wieder Ambiguitätstoleranz aufbaut. Die Sleaford Mods auf ihrem Weg zu begleiten, bleibt auch spannend. Triebi kramt mal wieder eine Leiche aus dem Keller, und mit den Neurotic Arseholes eine, die es verdient hat. Bei so Bands wie Shame bin ich ja auch hin- und hergerissen, ob ich sie nun mag oder verteufeln soll. Aber so ein Interview mit so unglaublich jungen Talenten fördert auch bei mir die geforderte Toleranz. Mit dem AJZ Bahndamm wird mal ein Urgestein der coolen Läden abseits der hippen Großstädte gefördert. Und dass diese Läden weiter existieren, obwohl sie nichts machen können, wird durch solche Öffentlichkeitsarbeit auch ermöglicht. Genau wie das Schwerpunktthema Booking, in dem das gesamte Spektrum derer, die immer im Hintergrund arbeiten, Redezeit bekommt. Daran erkennt man die Wichtigkeit eines solchen verbindenden Zines, in dem mir nicht immer alles gefällt, aber immer wieder echte Highlights zu finden sind. Und dazu gehört auch noch das Interview mit Achim Lauber (Detlef, Supernichts und Knochenfabrik), der zeigt, man muss nicht der beste Schlagzeuger der Welt sein, um lesenswerte Interviews zu liefern. 

Plastic Bomb vs. Ox: Review #138

The missing review im Heft 104

Schon wieder so ein Irrtum: Ich dachte, diesmal ist die neue Sängerin von Against Me auf dem Cover, aber wieder knapp vorbei. Aufmacher sind dieses Mal Mad Ball, was natürlich lustige Erinnerungen an ihre Auftritte in den 90er-Jahren in der Zeche Carl weckt, als die New Yorker-Stereoid-Junkies mich verhauen wollten, weil ich sie ausgelacht hatte. Tja, die Zeiten ändern sich und Kinder werden erwachsen. Und durch die begleitenden Interviews mit Roger Miret und Ute Füsgen gelingt auch eine schöne Einordnung in die Geschichte. Diese Art der Schwerpunktsetzung gefällt mir auf jeden Fall sehr gut.  

Sofort springt mir auch ins Auge, dass diesmal eine junge Leserin vorgestellt wird, der ich spontan unterstellt hätte, sie hat das Ramones-Shirt von H&M. Deutet sich hier zaghaft ein Generationenwechseln an?

Sorgen macht mir durch seine Abwesenheit allerdings Tom van Laak: Junge, bist du in Ordnung?

Ganz klasse ist der Tourbericht vom Beat-Man, der es versteht, dass angezählte Genre des Tourberichts an sich durch geschickte Schwerpunktsetzung äußerst unterhaltsam zu schreiben. Von King Khan erfahren ich, wie wichtig das Kiffen für Kinder ist. Habe ich da was Wesentliches in der Erziehung meiner Kinder vergessen? Meine Tochter ist 13: Das könnte ich gerade noch rechtzeitig ins Reine bringen. Jens Rachut gibt ein paar Einblicke in sein Künstlerleben, ohne dabei in zynische Floskeln zu versinken. Interessant, genau wie die prägnante Analyse des US-amerikanischen Ist-Zustand durch Jello Biafra. Wenn ich auch zugebe, dass ich den dazugehörigen Redeschwall auf keinen Fall selbst abhören wollte. Ganz anders als das hochinteressante Interview mit Penelope Spheeris, bekannt durch ihren Klassiker „Suburbia“. Bei FAT MIKE hört es mittlerweile bei mir auf. Hat er sich früher so schön rar gemacht, geht mir seine jetzige Dauerpräsenz ziemlich auf den Sack, obwohl es keine Band gibt, von der ich mehr Platten im Schrank habe als von NoFX. Dann doch lieber einen Halbseiter von den Inserts oder auch mal wieder was von Vulture Culture hören. Platz genug ist auf jeden Fall. Und da ja auch Ferien waren, habe ich seit Jahren zum ersten Mal wieder was von Klaus N. Fricks Fortsetzungsroman gelesen. Richtig unterhaltsam: Ich glaube ich werde da mal am Ball bleiben.

Plastic Bomb vs. Ox: Review #137

The missing review im Heft 103/104

Mir persönlich ist es zwar nicht schnuppe, dass einzelne Aktionen respektive Schreiber vom Ox scheiße sind, aber ich bin doch auch Freund einer differenzierten Betrachtung des größten deutschen Musik-Fanzines. Außerdem habe ich es schon immer gehasst, wenn es andersherum hieß, dass Plastic Bomb hätte ja dies oder jenes gemacht, obwohl es sich dabei um eine genau zuzuordnende Handlung eines Menschen handelte, der dies im Rahmen des Plastic Bombs gemacht hat. Darum widme ich mich fortan dem genreübergreifenden Giganten mit CD-Beilage aus Solingen: Wie es in der Natur der Sache liegt, ist nicht alles mein Cup of tea: Bands ohne Vokale im Namen wie KMPFSPRT ignoriere ich grundsätzlich, das Geseiere von FRANK TURNER bestätigt meine Ablehnung seiner Musik seitdem unsäglichen Rock’n’Roll-saved my live-Schunkelhit und über die Nerven reicht mir die Promo im Fülletong der TAZ, um nur ein paar zu nennen. Dass ich die Band auf dem Cover zunächst für die Scorpions hielt, mag eine freudsche Fehlleistung sein, liegt aber daran, dass mir THE DAMNED immer ordentlich am Arsch vorbeigingen. Das ist übrigens auch beim neuen Album so, dass bis auf zwei Kurzzeit-Hits zu Beginn des Albums kaum Haltbares zu bieten hat. Trotzdem sind die beiden Interviews, insbesondere das mit Captain Sensible wirklich gelungen und unterhaltsam. Ebenso verschlinge ich das HOT SNAKES-Interview, deren ‚Jericho sirens‘ auch ein druckvoller Knaller ist. Außerdem drängt sich mir da der Verdacht auf, es könnte bald einen Wipers-Hype geben. Leute, sagt nicht, ich hätte es nicht prophezeit. Das Interview mit OHL weckt den Eindruck, dass man durchaus in das neue Album reinhören könnte; habe ich dann auch getan, was ein Fehler war: eine unendlich langweilige und stereotype ‚unsere abendländische Kultur ist in Gefahr‘-Scheibe. Würden Freiwild ein solches Album machen, gerieten sie in den Verdacht rechts zu sein. Dass man stumpf und einfach sein kann, ohne ein Idiot zu sein, beweist Ross von den COSMIC PSYCHOS. Schön, dass die noch was machen! NO FUN AT ALL habe ich früher immer geliebt und ich kann mit dem Interview ein paar Lücken schließen. Mit den TOXIC REASONS und der Italian Hardcore-Geschichte gibt es auch noch typischen Plastic Bomb-Content, der natürlich auch von Ehemaligen bereitgestellt wird. Was mir persönlich am Musikteil bestens gefällt, ist das unglaubliche Wissen, dass Joachim einbringt. Er ist extrem breit aufgestellt und immer gut vorbereitet, sodass seine Interviews zwangsläufig immer die lesenswertesten sind. Tom van Laak gehört mit seiner schonungslosen Lebensbeichte ebenfalls zu den Gewinnern, wenn der Grad meiner Sorge um ihn auch nicht gerade sinkt, wenn er darüber sinniert, ob er nun auf den Teppich gepisst hat oder seine Freundin Marion beim nächtlichen Blumengießen Wasser verschüttet hat. Die Reviewproblematik löst man beim Ox ja bekanntlich, indem beinahe alles gut besprochen wird. Da sticht es darum aber ins Auge, wenn Markus Franz die Acht Eimer Hühnerherzen nur mit sechs Punkten bewertet; genau jener Markus Franz, der OHL mit acht Punkten bewertet. Aber solche Ambiguitätstoleranz muss man mitbringen, wenn man das Ox ganz gerne liest. Ich habe, wie gesagt, damit keine Probleme. Mein Ego ist nur etwas angeknabbert, da der Hardcore-Opa John Joseph von den CRO-MAGS meine Leistungen im Triathlon marginalisiert.

Die Beste Radioshow mit Christian Fischer (Don’t Panic und Sunny Bastards)

Christian war nach Jahren mal wieder unser Gast. Der unterbeschäftigte junge Mann aus Essen betreibt zusammen mit seiner besseren Hälfte Sunny das ‘Don’t Panic’ in Essen und natürlich immer noch eines von Deutschlands aktivsten Underground-Labels. Das ‘Don’t Panic’, so wird es kolportiert, macht die hässliche Nachbarstadt mittlerweile zum Mekka für Menschen mit subkulterellen kulturellen Präferenzen… hier plaudert der Chef aus dem Nähkästchen.

Musik gibt es auch: Hard Skin, Hotknives, Noi!se, Crown Court, Sleaford Mods und einigen mehr.