Dating-Website-Profiltext eines alten Arschlochs

Prolog

Vor einigen Monaten wurde ein lieber Freund, der seit Jahren nur sich selbst berührt, des Alleinseins überdrüssig. Da die Schenken eines üblen Virus wegen nicht geöffnet waren, beschloss er, sich bei den hinlänglich bekannten Partner-Vermittlungsseiten im Netz anzumelden. Es dauerte nicht lange und er wusste bei den üblichen Getränken und Musik viel Trauriges mir zu berichten. Was die Leute von sich glauben wollten, was sie zu suchen meinten und wie im Grunde alles doch immer nur auf denselben Blödsinn hinauslaufen sollte, das war erschütternd geradezu, denn niemand schien tatsächlich an einem anderen Menschen interessiert zu sein. Vielmehr ging es stets um körperliche Attribute („sportlich“), ein paar Spießer-Basis-Werte („Treue ist mir wichtig!“) und Methoden, die verbleibende Zeit gemeinsam totzuschlagen („Reisen, Restaurants“), garniert bisweilen mit geheuchelter Begeisterung für Bildung und Kultur. Mir wurde auf Anhieb speiübel.
Unglücklicherweise gibt es in mir jedoch seit frühester Jugend einen starken Zug zu allem Verzweifelten, Beschädigten und Abgründigen und gerade dieser machte sich nun ebenso bemerkbar. Hinzu kam die Tatsache, dass mich Langeweile stets auf schlechte Ideen bringt, und ohne jeden Zweifel hatte ich gerade nichts Wichtiges zu tun. Wie, so fragte ich daher mich und den Genossen, wäre es wohl, einmal einen durch und durch aufrichtigen Dating-Website-Profiltext zu verfassen und zu veröffentlichen?
Mein Freund, er ist ein guter, riet mir gleich energisch ab. „Nicht, dass du da noch in strafbaren Gefilden landest“, meinte er. „Du weißt, die Menschen heutzutage sind empfindsamer.“
Jetzt reizte mich das Unterfangen selbstverständlich umso mehr. Also schob er mahnend nach: „Denk wenigstens mal an das Gender-Sternchen…“
Herrgott! Ich dachte nicht daran.

Der Profiltext

Leise Grazie, Du prächtig Gewandete, von wallend Haar gülden, rot oder schwarz gesäumtes Wonnengesicht, aus Deinen Augen trinken die meinen Lust und Ideen, aus ihnen scheint so hell dies große Herz, welches tapfer unter Deinen weichen Brüsten schlägt, für mich, die freie Menschheit und alles, was ich sonst noch träum!

Ein Impfbericht

Im schönsten Sonnenschein ging ich in wechselnder Schrittgeschwindigkeit die Kremerstraße entlang, ahnungsvoll, meinem durch die Seuche und die Eindämmungsmaßnahmen aufgezwungenen Ziele zu. So sehr ich mich auch mühte, meine vielleicht letzte Zigarette und die dritte Dose Jackie-Cola zu genießen, es wollte mir nicht gelingen. Zu mächtig waren all die grauenvollen Bilder von mich schüttelnden Fieberkrämpfen, meiner verzerrten und auf Wochen gelähmten Fratze und meinen möglichweise schon im Herbst einsetzenden Beißattacken auf noch Ungeimpfte. Kurz bevor ich zitternd ins Blickfeld der ersten Uniformierten geriet, spülte ich mit dem letzten Schluck noch eilig fünf Beruhigungstabletten hinunter, wohlwissend, dass diese zwar einzeln problemlos adipöse Nashörner in die Koje zu schicken vermögen, dem inneren Igel meiner Panik aber im besten Falle den einen oder anderen Telegram-Stachel ziehen würden. Schon bereute ich aufrichtig, mich an der hinter mir liegenden Tankstelle nicht noch schnell am Benzin vergangen zu haben und tatsächlich war ich sogar im Begriffe kehrtzumachen, da wurde ich plötzlich mit gespielter Freundlichkeit, aber außerordentlich fester Stimme angerufen: „Na, zur Impfung?“


Die massige, wohl bärtige, möglicherweise ein wenig tatarisch wirkende Eingangswache hatte durch einen gewaltigen Schritt nach vorne nicht nur meine an allen Gliedern schlotternde Gestalt, sondern offenbar auch den nun nach Whisky duftenden Papierstapel in meiner rechten Hand ausmachen können, Einwilligungserklärungen in meinen Untergang übrigens, die ein Mensch von festerem Charakter und größerer Widerstandskraft sicherlich niemals ausgefüllt hätte. Noch zaudernd, mich an eine vage letzte Hoffnung klammernd, fragte ich den eher schweren als beeindruckenden Hüter des Loches im Legi-Zaun: „Wollt Ihr mir hier Eintritt gewähren?“
Ach, wie gerne hätte ich ein „Es ist möglich, jetzt aber nicht.“ zur Antwort erhalten und mich die nächsten Jahre ungeimpft und sturzbetrunken zu seinen Füßen gewälzt, doch der rohe Kulturbanause gluckste bloß „Na klar, kommse rein, nur nicht schüchtern sein!“
Er wies mir anstandslos einen Weg, der mich, Pfeilen und den Anweisungen vermummten Personals folgend, allzu bald vom hellen Tageslicht in das bedrückende Halbdunkel einer zum Bersten gefüllten Halle führte. Dort galt es, Pfade zu betreten, die sich zwischen Zelten und Gittern wanden, vorbei an teils spöttisch funkelnden, teils nervös flackernden Augenpaaren, an maskierten Tätern und Opfern, gefangen in einem tödlichen Reigen. Unaufhaltsam brachten sie mich dem einstechenden Finale (oder dem finalen Einstich?) näher und schließlich fand ich mich auf einem stillosen Plastikstuhl einem angeblichem Arzt und seinem höhnischen Gehilfen gegenüber, Letzterer ganz gewiss bucklig, das würde ich beschwören. Der möglicherweise selbsternannte Doktor war freilich von vorbildlicher Statur, gestählt und gebräunt, und vermittelte in seiner unerträglich jovialen Dynamik den Eindruck, ebenso gut in jedem beliebigen Start-up-Unternehmen oder einer Anwaltskanzlei tätig sein zu können. Sein kaltes „Noch Fragen?“ klang für mich wie: „Augenbinde?“

Geschichte

Prolog


Ich träumte, dass ich in diese verlassene Stadt reiste. Dort fand ich mich zwischen den Häuserwänden wieder, die die Regelmäßigkeit zweckmäßiger Wohnbebauung hatten, wie sie vielleicht in den 1950er und 1960er-Jahren üblich war. Die Straßen waren breit und das Grau der Fassaden dominierte die Helligkeit. Ich wanderte ziellos umher. Weder suchte ich etwas, noch hoffte ich auf Überraschungen. Das dauerte unbestimmt, bis sich die Häuserschluchten veränderten. Waren es zunächst ebenerdige, geradlinige Straßen und der Himmel dem Auge nicht präsent, so mäanderte der Weg nun aus der Stadt hinaus einen Anstieg hinaus. Die Bebauung wurde dünner und so reihte sich ein Häuschen, wie man es sich vielleicht in einem italienischen Bergdorf, dem Auenland oder Schlumpfhausen vorstellen mag. Der Himmel zeigte sich klar und blau, die Sonne strahlte, ohne zu brennen und ich ahnte, dass hier auch Menschen wohnten. Es tauchten Wegweiser auf, die die Richtung nannten, aber das Ziel verschwiegen. Mit einem Male wurde mir bewusst, dass ich alt war. Ich war unendlich alt: Ich hatte alles gesehen, mich begeistert, es mitgemacht, war mit- und vorangegangen, hatte sie alle gesehen, aber auch alles vergessen. Mir war klar, dass das alles passiert war, es wichtig und heute vergessen war. Warum es einmal wichtig war, daran erinnerte ich mich nicht, noch was es genau war. Es war Alles. Vereinzelt begegneten mir nun Menschen, die zunächst vorsichtig hinter Gardinen lugten, dann offen aus Fenstern schauten und sogar an mir vorbei liefen. Auch sie waren alt, zu alt um zu sterben, ebenso wie ich dazu erkoren, ewig da zu sein und zu zeigen, dass das alles wahr war. Ich kannte niemanden hier, fühlte mich aber nicht fremd, sondern als ob ich nach langer Zeit wieder nach Hause gekommen wäre. Aber zu Hause war niemand, den ich kannte. Ich hatte schließlich alle verlassen, die ich kannte. Dieser Gedanke war plötzlich da. Und plötzlich wusste ich, dass sie auch hier lang gelaufen sein musste. Es konnte nicht anders sein. So fragte ich nach ihr. Zunächst verneinten die Leute noch freundlich, aber manche meinten kurz, sich vielleicht noch zu erinnern. Es musste sehr lange her gewesen sein. Ja, es war lange her und sie hatte lang hier gelebt und noch länger gewartet. Ich sei aber nie gekommen. Und plötzlich wurde mir klar, dass die Zeit knapp sein konnte. Zeit konnte ein Problem sein, wenn die Unendlichkeit ein Fakt ist. Ich lief also schneller hoch, fragte immer eindringlicher. Man erzählte mir Geschichten über sie. Ja, jeder hatte sie gekannt. Sie hatte Lieder geschrieben. Sie hatte gesungen und die Herzen berührt. Sie selbst hatte immer gewartet und sei dann weiter gezogen. Ich lief schneller. Hörte neue Geschichten, die mich begeisterten und ärgerte mich schließlich, dass ich wieder so lange zugehört hatte. Die Zeit: Ich hatte unendlich davon, aber sie … sie womöglich nicht. Wenn ich sie doch nur finden könnte, dann wäre alles gut. Ich bräuchte sie nur zu berühren und wir hätten diese Unendlichkeit. Dann könnten wir das alles nachholen, wir könnten es immer wieder erzählen und es wäre immer neu. Alles andere war unwichtig jetzt! Sofort musste ich sie finden. Da zeigte einer mit dem Finger auf das Haus am Weg oben. Da sei sie zuletzt gewesen. Da wohnte sie. Ich riss die Tür auf! Und sofort sah ich, dass sie es war, die hier lebte. Ich sah die Bilder an den Wänden, ihre Bücher, ihre Gitarren und all die Sammel- und Fundsachen eines Lebens. Ich riss die Schränke auf, sah ihre Kleider und das Geschirr. Alles war wohl geordnet und sauber. Doch ich hörte kein Geräusch, roch nichts, und sah sie nicht. Aber gleich sollte sie hier sein. Ich wollte auch sie warten, setzte mich vor die Tür, um das zu tun. Da kam der Mann und sagte mir, dass man sie gestern geholt hatte. Sie hatte so lange gewartet, viel länger als jeder geglaubt hätte. Jedem hatte sie gesagt, dass ich eines Tages kommen würde. Alle hatten nur den Kopf geschüttelt, schließlich war ich ja noch viel älter als sie. Sie hatten ihr über das Haar gestrichen. Gestern war sie eingeschlafen.


1 – Heiner hat schlecht geschlafen

Heiner hatte schlecht geschlafen. Er hatte sich gedreht, gewendet… Nein, er hatte es versucht, denn jede Bewegung hatte ihn schmerzerfüllt aufschreien lassen. Jeder Versuch, eine neue bequeme Lage zu finden, hatte damit geendete, dass ihm die Nadelstiche die Nervenenden durchbohrt hatten. Hatte er eine erträgliche Lage gefunden, vermeinte er nur ein leises verstecktes Lauern in seinem Rücken zu spüren, dass jederzeit wieder zum Monster werden konnte, bereit ihn zu peinigen, um ihn irgendwann loszulassen, so dass er erschöpft ins Kissen zurückgefallen war. Ermattet, erledigt und fertig. Und wenn er dann so dagelegen hatte, dem Selbstmitleid so nah, dann hatte er gehofft, dass das Monster ihm Zeit zum Einschlafen ließ. Irgendwann, das wusste er, würde es nachgeben.

„Na! Schöner Tag heute, nicht wahr, Heiner?“

Andreas strahlt ihn unverschämt gut gelaunt an.

„Ja, zum Kotzen schön! Heute feiert die Abteilung Lametta ihr großes Vielfalt Fördern-Fest. Dann ist endgültig Schluss mit Freizeit und so einem Kram.“

„Und er wird noch schöner! Da steht einer von deinen kleinen Fred Sonnenscheins vor der Tür und will dir was sagen!“

„Wer denn?“

„Jannick.“

„Ach Göttchen!“

„Und er hat seine Mami mit dabei!“

Andreas strahlte über beide Ohren.

Sie wollte mit ihm über seine Methoden im Unterricht sprechen und ehrliche Empörung spricht  aus jeder Pore ihres kleinen fetten Körpers. „Wenn du mal weniger fressen würdest, und dich um die Erziehung deines Scheißkindes kümmern würdest, müsste ich jetzt nicht schon vor Unterrichtsbeginn hier stehen.“, denkt er und wartet ohne zuzuhören ihren Redeschwall ab.

„Und wie sollte ich ihrer Meinung nach auf die ständigen Entgleisungen reagieren? Ich habe schließlich noch dreißig andere Kinder in der Klasse?“

Natürlich wisse sie, dass das nicht immer leicht mit Jannick wäre, aber er hätte schließlich auch sonderpädagogischen Förderbedarf. Und es könne auch nicht sein, dass sie immer auf der Arbeit angerufen werde und abends ihren weinenden Sohn trösten müsse.

Klar, die Schule des gemeinsamen Lernens bewarb sich ja noch um die ganzen kleinen durchgeknallten Psychos. Also spricht er geduldig mit Jannicks Mama, während Jannick daneben seine vollgekritzelten Arme aufkratzt.

Der Gong zur erste Stunde setzte dem Ganzen ein natürliches Ende, er entschuldigte sich und machte Jannick darauf aufmerksam, dass er sein Verhaltensheft weiter führen müsse und natürlich die Abschreibeaufgabe bis morgen zu erledigen hätte. Frau Mutter von Jannick lässt er kurzerhand stehen und sieht aus den Augenwinkeln, wie sie sich in Richtung Büro der Direktorin in den zweiten Level ihres Empörungsspiels begibt.

Eigentlich hatte Heiner noch etwas kopieren wollen, aber das war jetzt wohl nicht mehr drin. Missmutig betritt er die 5b und seine Präsenz beendete das geschäftige Herumtollen nach seinem dritten Strich an der Tafel.

„Hast du vergessen, dass du heute Frühaufsicht an der Haltestelle hattest?“

Eigentlich waren die ersten Stunden toll gelaufen, denn er hatte einfach auf den Lehrplan von Maren zugegriffen und die Klasse mit Stillarbeit beschäftigt. Was so ein wenig Autorität doch bringen konnte. Dabei hatte er festgestellt, dass der Plan von Maren ganz gut wahr. Natürlich würden die Kinder mit dem ganzen Lernthekenkram kaum etwas lernen, aber letzten Endes war das moderner Unterricht, er nur Lernbegleiter und lernen würden sie eh nichts. Andreas hatte ihm sowieso immer gesagt, dass er sich einfach viel zu viel Arbeit mit dem Unterrichten machen würde. 

Einfach den Scheiß nehmen, den die jungen Kolleginnen so aufopferungsvoll für den Unterricht erstellten. Das machte sich eh gut für die anstehende Qualitätsanalyse.

„Mist, fuck, die Mutter von Jannick hat mich aufgehalten!“

„Kein Problem! Ich bin für dich spontan eingesprungen. Kannst du jetzt für mich die Pausenaufsicht auf Hof 2 übernehmen.“

„Du bist ein Miststück!“

„You‘re wellcome!“

Annette hatte gestrahlt und ihm war natürlich klar, dass es an dem Grüppchen 9er und 10er lag, denen er sich nun humpelnd nähert.

Das stehen sie nun dichtgedrängt beieinander mit Jogginghosen, Badelatschen und riesigen Caps. Witzfiguren vorm Herrn. Der letzte Deppentrend, dass sie jetzt alle Handtäschchen tragen, macht die Sache auch nicht besser. Mike, Enes, Joshua und Ben blicken verstohlen in seine Richtung und geben den anderen allzu offensichtliche Zeichen dass sie ihre Kippen ausdrücken sollen.

„Moin, die Herren!“

„Guten Morgen, Herr Reck!“, lächelt ihn Chantal, ja sie heißt wirklich so, an und klimpert mit ihren lächerlichen angeklebten Wimpern.

„Du wirst dir eine Nierenentzündung holen, wenn du hier in der Kälte stehst und nur einen eingelaufenen Pullover trägst!“, sagt er und denkt: „Warum sind die Mädchen an einer Gesamtschule nur so unfassbar hässlich. Früher, zu meiner Zeit, haben die dicken Mädchen wenigstens Säcke getragen, damit man das Elend nicht sehen musste!“

„Das ist voll lieb, dass sie sich so lieb um mich kümmern. Ben macht sich nie Sorgen um mich.“

„Das ist die Jugend von heute, die hat einfach kein Benimm mehr!“

Heiner registriert, dass die Kippen alle unter den Sohlen verschwunden sind und er nichts mehr groß zu sagen braucht. Harte Arbeit war das, jetzt mit dem Grüppchen scherzen zu können. Harte Arbeit, deren Früchte er nun erntet, während das junge Gemüse mit dem neumodischen Schnickschnack ständig zusammenbrach. Ob sie ihn mochten, war ihm egal, wichtig war nur, dass er der Chef war.

Zufrieden beendet er die Pause vorzeitig, um noch schnell ein paar Arbeitsblätter zu kopieren und bei Frau Dr. Doppelname nachzufragen, wie denn das Gespräch mit Jannicks Mutter gelaufen war. Wie erwartet, hatte sie sie runterholen können und ihr auch noch ein paar Weisheiten in puncto Erziehung mit auf dem Weg geben können. Schließlich hatte Jannick ja schon zwei Klassenwechsel hinter sich und die Kolleginnen mit Burnout zurückgelassen. Heiner weiß, dass er die Ultima Ratio ist.