Gefangen in der BRD

Meine am häufigsten gehörten deutschsprachigen Platten

Versuchsaufbau: Welche Platten hast du am häufigsten gehört? Und warum eigentlich und wie haben sie dich beeinflusst? Schummeln ist dabei strengstens untersagt. Du hübschst deine Biografie nicht nachträglich auf und behauptest, dass du mit 9 schon Kraftwerk entdeckt und mit 13 bereits hinter dir gelassen hast. Leichen im Keller werden nicht verschwiegen und dass du irgendwann mal falsch abgebogen bist, sollte dir nicht peinlich sein. Berücksichtige bei deiner Auswahl den sinkenden Hörintensitäts-Level einzelner Platten, der mit dem Anwachsen deiner Plattensammlung zusammenhängt. Versuche möglichst chronologisch vorzugehen.

Hui Buh das Schloßgespenst

“Natürlich bin ich ein Gespenst, mit einer rostigen Rasselkette …” Laut meiner Mami nach der Rückkehr aus dem Kindergarten täglich mehrfach aufgelegt, was sie fast in den Wahnsinn trieb. Vermutlich hat sich die sonore Stimme von Hans Paetsch in die Gehirne von Millionen Kindern, die in den 60ern und 70ern in die Welt gekommen sind, gefräst. Und vermutlich verschaffte mir die hundertfach gehörte Geschichte von Hui Buh Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit. Fast sicher ist, dass dies die Platte ist, die ich am häufigsten gehört habe.

Gesehen, als es passiert ist? Entfällt.

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Wohin mit dem Gefühl?

Pogendroblem im FZW

Mein erstes Livekonzert mit Zuschauern seit Monaten! In einer Halle! Ich spüre etwas, was ich schon lange nicht mehr gespürt habe: Ein Hochgefühl freudigster Erwartung. Freund Swen kommt auch mit, eine gute Gelegenheit unsere zahlreichen Meinungsverschiedenheiten ausgiebigst auf der Hinfahrt zu verhandeln. Eine Triggervokabel, wie “Identitätspolitik” reicht vollkommen für den gemeinsamen Wortschwall aus. Herrlich! Für uns jedenfalls. Weitere Mitfahrer hätten die Walldorf & Stadler – Nummer vielleicht eher befremdlich gefunden.

Das Setting vor Ort im FZW weckt dann das Trotzköpfchen in mir. Die zwei Wochen Wartezeit nach der zweiten Impfung habe ich um 3 Tage gerissen, was dem aufmerksamen Mann am Eingang bei der Impfpasskontrolle nicht verborgen bleibt. Mein Fehler, aber ich kann vor Ort direkt einen Schnelltest machen und komme so halt 20 Minuten später rein. Ein Fragebogen zur Rückverfolgbarkeit ist mit der Eintrittskarte abzugeben. Die bekannte Adresse-Telefonnummer-E-Mail-Routine. Reingehen dann bitte rechts, um zu den fest vergebenen Sitzpätzen geführt zu werden. Hinsetzen. Stehen ist möglich, aber bitte kein zu großer Abstand zum Stuhl, sonst kommt ein  Aufpasser und es gibt eine Rüge. Beim Bierholen bitte immer von rechts die Theke ansteuern und nach links den Thekenbereich verlassen. Freund Swen versucht es an der menschenleeren Theke von links und bleibt so leider ohne Getränk. Zwischendurchermahnungen wegen “wenn weg vom Stuhl, dann Maske” sind obligatorisch. Rausgehen zum Rauchen bitte wieder rechts. Ein- und Ausgang auf keinen Fall verwechseln.

Keine Frage, ich bin ein 100-%-Pro-Corona-Maßnahmen-Team-Merkel-Lauterbach-Drosten-Schlafschaf, ich bin ja nicht blöd und natürlich sagt mir mein Verstand, dass das alles so richtig und wichtig ist, wie es gerade halt laufen muss und ja, ja, die Security macht nur ihren Job, trotzdem steigt im Laufe des Abends mein Aggressionspegel ob des Sackes voller Regeln bedenklich.

Denn, hier sind wir Genesenen, Getesteten und Geimpften versammelt, um Punkrock zu hören und wir werden gegängelt und gleichzeitig findet das Super-Spreader-Event namens Europameisterschaft statt, wo all diese Regeln keine Rolle zu spielen scheinen. Warum macht man mein Spielfeld kaputt, während sich woanders 20.000 Leute versammeln dürfen, die auf die Regeln scheißen? Ich fühle mich extremst ungerecht behandelt.

Und dann sind Pogendroblem auch noch besser als je zuvor und machen trotz der beschissenen Umstände großen Spaß und ich würde gerne Swen, Matt und Vasco schubsen, darf aber nicht. Beim nächsten Mal will ich Schwimmnudeln, die ich den Nachbarn unter Wahrung des Mindestabstandes vor Begeisterung über den Schädel ziehen kann. Und besorgt unkaputtbare, federleichte Plastikstühle, die ich im Überschwang werfen kann. Von mir aus stelle ich sie danach auch unter Aufsicht artig wieder auf.

Natürlich Dank & Respekt an das FZW. Ich weiß ja, dass die die Regeln nicht machen. Nächstes Mal bringe ich eine Schwimmnudel mit. Okay?

 

 

 

 

 

Einkaufen bei Primus: Zombie-Apokalypse in den 80ern

Mein Stiefvater war ein Mann mit unerschütterlichen Ritualen und Einstellungen. Als Feuerwehrbeamter hatte man die CDU zu wählen und das Mittagessen sollte um pünktlich 12.00 Uhr serviert werden. Als Mann hatte er natürlich das Grundrecht, von meiner Mutter zu Hause bedient zu werden, wofür er im Gegenzug als Alleinverdiener die beengte 3 Zimmer Wohnung für die vierköpfige Familie und die Zigaretten für das Ehepaar, eine Schachtel HB für ihn und für Mama Ernte 23, finanzierte. Aber selbstverständlich war auch er bereit dazu, sein Privileg als Autofahrer für die Familie gewinnbringend einzubringen. Dazu gehörte es, wenn es der Schichtdienst zuließ, einmal die Woche zum Einkaufsparadies Primus zu fahren.

Duisburg Großenbaum war zu diesem Zeitpunkt noch Dorf ohne ausufernde Industriegebiete und Autobahnanschluss an die A59. Ein kleiner Lebensmittelmarkt lag direkt an der Haustür am Reiserweg, die Bild wurde am Büdchen erworben und es gab exakt einen Old-School-Aldi ohne Lametta… und eben diesen riesigen Primus am Ende der Welt zwischen Minigolf-Platz, Rahmer Baggerloch und Großenbaumer See gelegen.

Wir legten die 950 Meter standesgemäß im Familienfahrzeug, einem gelben Ford Taunus zurück. Zeit genug für eine schnelle Zigarette, die üblicherweise bei geschlossenem Fenster konsumiert. wurde. Ihr wisst schon: Das hat uns nicht getötet!

Auf dem riesigen Areal gab es auch eine Tankstelle,  die de Sprit immer gut 2-5 Pfennig billiger anbot. Ein Wert, den mein Vater schätzte, und der überhaupt gerne Gesprächsthema war. Der interessante Teil des Marktes war der im Erdgeschoss. Dort gab es neben allerlei Kleidung eben auch eine Spielzeug-, Hifi- und Plattenabteilung. AC/DC und  Pink Floyd gehörten zu den Schätzen der großen Welt, die ich dort Abgriff und mein Bruder ergatterte dort Mike Oldfield  und Styx, wenn ich mich recht erinnere.  20 Mark Taschengeld pro Monat mussten gut investiert werden. Häufig kauften wir darum auch Leerkassetten, um uns gegenseitig unsere Schätze aufzunehmen. Sich die Platte einfach auszuleihen, weil man auf 10 Quadratmetern  eh zusammenhockte, war  natürlich  tabu!

Meine Eltern hingegen kauften Fleisch an einer riesigen Fleischertheke. Auch das war übrigens ein Wert in unserer Familie.Wenn die Laune gut war, wurde dort ein Fleischwurstring gekauft, von dem mein Bruder und ich jeweils ein riesiges Stück zum Rohverzehr bekamen. Ansonsten gab es die Tüte Mr. Softy Milch, die an der A59 stand in klein.  In dem angeschlossenen Getränkemarkt gab es einen Kasten Brohler mit Orangengeschmack und für Papa eine Kiste Diebels Alt.

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The big Four: Der große Fanzine-Vergleich: Ox#156, Plastic Bomb #115, Trust #208 und ZAP #156

Vor Kurzem stellte ich mir in meiner Facebook-Blase die Frage, welches der Hefte ich zunächst besprechen sollte. Ziemlich schnell kristallisierte sich heraus, dass es wohl alle zusammen werden würden. Lange Texte sind ja gerade im Internet en vogue.

Und natürlich eignen sich alle vier Hefte ja auch für Totalverisse, was tatsächlich in den Fingern juckt.

„Ich fände eine Sammelbesprechung gut. Kategorien: Die langweiligste Kolumne. Die dümmste Kolumne. Das langweiligste Interview. Die flachste Tonträger-Besprechung. Die offensichtlichste Vetternwirtschaft … die Wucht deiner Besprechung wird anschließend in FB-Entfreundungen gemessen. “ (Schippy auf Facebook)

 

Das Feld scheint ja auch total abgesteckt zu sein. Irgendwie ist klar, wer wofür steht.

 

„Kommt drauf an was du suchst. Information: dann OX, Weisheiten von früher: dann ZAP, Spaß und Lebensfreude: dann Plastic Bomb. “ (Micha Will auf Facebook)

 

 

So sind ziemlich viele Reviews fast schon automatisiert geschrieben. Die Fülle der Informationen beim Ox können zu einem „Für jeden etwas dabei“-Review Resümee führen (siehe unten), wenn man es sich mit Buddy Joachim Hiller nicht verscherzen will oder zu einem „Zu wenig Frauen werden in diesem weißen CIS-Mann-Heft gefördert und außerdem wurde Binchen von Black Square nicht als Sängerin der gleichnamigen Band vorgestellt“-Verriss führen, wenn frau große Kämpfe für die unglaublichen Benachteiligungen von FLINTA* im Punk führt. Der wird nämlich in der Punkrock-Fachzeitschrift for all gender geführt. Hier wird der wohlgesonnene Rezensent festhalten, dass sich die Zahl der alten weißen CIS-Männer glücklicherweise deutlich reduziert hat und durch Frauen substituiert wurde, was wohl mal ein tolles Zeichen ist und dafür Herzchen in der #punktoo-Gruppe ernten. Wer keine Angst vorm

Manchmal sind E-Mail-Interviews doch besser!

Canceln hat, wird hingegen feststellen, dass die Interviews teilweise unlesbar sind. Dafür mag das Dachlawine-Interview herhalten, das sowohl Interviewer*in als auch Interviewer*inte überfordert. Auch mag man feststellen, dass der relative Frauenanteil auf 48 Seiten zwar hoch ist, aber die produzierte Textmenge von Frauen auf 164 Seiten Ox vermutlich die deutlich höhere ist.

Vier Konzerte und ein Schmähgesang – 3 Tage Moers Festival

Wach bleiben

Mein Abschied von Livegigs fand im Februar 2020 statt. Es war ein würdiger Abschied, denn ich sah PISSE im Gebäude 9. Danach war Sendepause. Es ist dann gar nicht so einfach nach fast 15monatiger unfreiwilliger Abstinenz gleich mit einem ganzen Festival in die Welt der Livekonzerte zurückzukehren. Diese Welt ist nicht mehr so, wie sie vor der Pandemie einmal war. Ein ganzer Sack voller Regeln ist zu beachten und fehlende Praxis führt zu Konditionsprobleme. Gleich vier Tage am Stück nach Mitternacht noch auf den Beinen zu sein, ist eine Herausforderung, wenn im Pandemietrott oftmals schon um 9 die Leselampe ausgeknipst wird.

Improvisieren

Es ist eine enorme Leistung, ein solches Festival unter Pandemiebedingungen überhaupt Wirklichkeit werden zu lassen. Sich ständig verändernde Ein- und Ausreisebestimmungen, Inzidenzwerte und Virenmutationen machen eine Planung fast unmöglich. Kurzfristige Absagen, fehlende Einreisegenehmigungen, Quarantäneregelungen, ständige Kontakte zu Gesundheitsbehörden, der Lokal-, Landes- und Bundespolitik und dem Auswärtigen Amt sind die Rahmenbedingungen unter denen die Festivalmacher*innen vor und noch während des Festivals ihr Programm organisieren. BLACK COUNTRY, NEW ROAD aus London zum Beispiel sagen ihren Auftritt kurzfristig ab, weil ihr Erscheinen in Moers eine anschließende 14tägige Quarantäne für die Band nach sich gezogen hätte. Tim Isfort, der künstlerische Leiter des Moers Festival berichtet in der Pressekonferenz von dem ursprünglichen Plan 2021 einen künstlerischen Schwerpunkt auf den Kongo, Uganda und Äthiopien zu legen. Das ist unter den jeztigen Bedingungen nicht möglich. Das Vorhaben wird nun vielleicht 2022 umgesetzt.

 

Mein Kippe-Pulle-Maske-Problem in Moers

Wie macht man ein Festival mitten in einer Pandemie?

Das Moers Festival Team muss ein paar fähige Jurist*innen in seinen Reihen haben, denn trotz Lockdown werden Open-Air-Konzerte mit Zuschauern in einem Festivalrahmen möglich gemacht. Dabei sind Festivals grundsätzlich gar nicht erlaubt. “Juristische Feinheiten, Verordnungslücken, Tricks” raunt mir ein Insider ob meiner schwer investigativen Fragen zu diesem gelungen Coup nicht ohne Stolz zu. Mir reicht das völlig als Information, denn ich bin nicht Bob Woodward sondern nur ein mäßig ambitionierter Neu-Blogger mit Hang zur Gästelistenerschleichung. Wir freuen uns einfach gemeinsam, dass der Coup gelungen ist.

Der Schnelltest

Am Anfang steht ein QR-Code und ein Smartphone und damit wäre die skurille Minderheit der Nicht-Smartphonebesitzer*innen an dieser Stelle auch schon raus. Tschüss und viel Spaß mit eurem Videorecorder daheim.  Wir modernen Menschen scannen den QR-Code, geben unsere persönlichen Daten in ein Online-Formular ein und betreten das Schnelltestzelt. Die Wartezeit bis zum Testergebnis verbringen wir mit der Installation einer App, um das Testergebnis online abzurufen. Ein paar persönliche Daten, ein Passwort und ein zusätzliches “Superpasswort” später ist das Testergebnis auch schon da. Glücklicherweise negativ und wir bekommen dafür zwei Bändchen für den ersten und zweiten Festivaltag, die uns als negativ getestete Personen mit Zugangsberechtigung ausweisen. Am dritten Tag wird ein weiterer Test fällig. Für den eigentlichen Zutritt zum Ort des Geschehens ist dann ein weiteres Bändchen erforderlich. “Guck mal, mein Wolfgang-Petry-Arm” ist hier der naheliegende Witz. Ein Impfausweis mit zwei gültigen Impfungen tut es natürlich auch, aber nur wenige Imfplinge können den bereits vorweisen und drei Bändchen gibt es trotzdem.

 

Sahra Wagenknecht – Die Selbstgerechten (Teil 2)

Während ich im ersten Teil von Frau Wagenknechts Buch noch weitestgehend die Aufregung nicht nachvollziehen konnte, weil ihre Analysen der Probleme zutreffend waren, geht es im zweiten um ihren Ansatz Probleme zu lösen. Vorweg gesagt, es gibt hier einige Stolpersteine, die mich an ihrer Problemlösekompetenz zweifeln lassen.

Zunächst einmal beschreibt sie die Notwendigkeit eines Grundvertrauens der Bevölkerung, das durch das Zugehörigkeitsgefühl entsteht. Je größer dieses ist, desto eher besteht die Bereitschaft, sich dafür einzusetzen. So wird die Infrastruktur eher gepflegt und man ist bereit, nach dem Prinzip des reziproken Altruismus zu handeln, also erst einmal Gutes zu tun, ohne dafür eine direkte Gegenleistung zu erwarten. 

Gemeingüter können so erhalten werden und werden nicht ausgeplündert, weil jeder das Vertrauen darauf besitzt, dass er nicht raffen muss. Sofort ploppt bei mir das Bild der vollen Einkaufswagen und leeren Klopapierregale vom Beginn der Corona-Pandemie  auf. Dieses Grundvertrauen herrscht also in Deutschland nicht. Dies liegt laut Frau Wagenknecht an der Heterogenität in unseren Breitengraden, die   dem Wir-Gefühl entgegenstehen. Gemeingüter sind zum Verfallen verurteilt und die Antwort des Marktes ist die Privatisierung. So hängt das Wohlergehen von der Macht der unsichtbaren Hand des Marktes ab. Sozialstaaten werden also aufgelöst, wenn das Gemeinschaftsgefühl fehlt.

Wie dann rassistische Ressentiments geschürt werden, um neoliberalem Denken Vorschub zu leisten, belegt sie an der Legende der „Welfare Queen“ in den 50er-Jahren der USA. Damit wurden Alleinerziehende dunkelhäutige Frauen gemeint, die von Sozialhilfe lebten. Diese Form von Rassismus sorgte dafür, dass selbst Mittelschichtler, die von einem besseren Sozialstaat profitiert hätten, gegen den Sozialstaat stimmten.

Zunächst einmal scheinen wir solche Art von Agitation kennen, denn AfD und andere rechte neoliberale Kreise schüren ja ähnlich Ängste, um Zuspruch zu bekommen. Jetzt macht Frau Wagenknecht aber einen Move, der für mich gänzlich unverständlich ist. 

 

Sahra  Wagenknecht: Die Selbstgerechten (Teil 1)

Ein Buch zu dem schon jeder eine Meinung hatte, bevor er es las. Das liegt sicherlich an der polarisierenden und selbstgewissen Art, mit der Sahra Wagenknecht in Zeitungsinterviews und diversen Talkshows sowie ihren eigenen wöchentlichen Videos auftritt. Ihr Konterfei auf dem Buchcover wirft natürlich auch sofort die Frage auf, ob sie mit dem Titel nicht sich selbst meinen könnte. Außerdem steht sie seit Jahren mit einem Flügel in der Linkspartei im Konflikt, dem sie, auch in diesem Buch, den Niedergang der Linken anlastet. Der bedankt sich bei ihr, indem er sie des Rassismus bezichtigt. Applaus der AfD wird als Beleg dafür herangezogen, ebenso wie einzelne Zitate aus dem Buch.

Gründe genug, sich also dieses Buch einmal genauer anzuschauen, schließlich steht die Autorin mit ihrem Buch genau an der Frontlinie und liefert gehörig Munition für eine Auseinandersetzung, in die zwangsläufig jeder gerät, der eine Meinung hat. Im Gegensatz zur alten Frage „Wie hältst du es mit Palestina?“ oder dem Aufkommen von Antideutschen sind ihre Fragen allerdings keine Fragen, die nur innerhalb der Linken Spaltungspotential besitzen, sondern gesamtgesellschaftliche Relevanz haben.Sahra  Wagenknecht: Die Selbstgerechten (Erster Teil der Besprechung)Sahra  Wagenknecht: Die Selbstgerechten (Erster Teil der Besprechung) Das, was sie als heutigen Linksliberalismus im Gegensatz zur Begrifflichkeit aus den 70er-Jahren ausmacht, betrifft mittlerweile einflussreiche Kreise, weit über das übliche Klientel hinaus. Der Einfluss der deskriptiven Genderstudies bedeutet aktive Eingriffe in den öffentlichen Sprachraum, der sich bis zum gesprochenen Binnen-I in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auswirkt. Dass dies nichts mit natürlichem Sprachwandel zu tun hat, der schließlich dem Genitiv den Graus machen wird, rückt diese Entwicklung in orwell’sches Neusprech. Wie so etwas sein kann, erklärt Frau Wagenknecht, indem sie sich die heutige Linke anschaut, die so eine weitreichende Lobby betreibt. Im Gegensatz zur alten Linken, die auf Seiten der sozial Benachteiligten stand, sind es heute diejenigen Kinder und Kindeskinder, die von Bildungsexplosion und sozialem Aufstieg alter linker Politik profitierten. Eine akademische Mittelschicht mit beispielsweise Lehrern, Journalisten und anderen studierten Professionen, denen es vergleichsweise gut geht und die über einen Habitus verfügen, der an die Oberschicht anschlussfähig ist. Diese finden sich in großstädtischen Milieus wieder und haben wenig Kontakt mit sozial Benachteiligten, zu denen der Abstand immer größer wird. Ihre Kinder gehen auf Gymnasien und meiden Problemstadtteile. Ich denke, soweit kann ich mitgehen, fühle mich auch ertappt und ein wunder Punkt von mir ist berührt. Dass man zu den Privilegierten gehört, will man nicht so gerne hören. Die Frage, warum sich das so entwickelt hat, lässt sie offen. Wie so oft in diesem Buch beschreibt sie die Dinge, was ihre große Stärke ist.

 

Ein Impfbericht

Im schönsten Sonnenschein ging ich in wechselnder Schrittgeschwindigkeit die Kremerstraße entlang, ahnungsvoll, meinem durch die Seuche und die Eindämmungsmaßnahmen aufgezwungenen Ziele zu. So sehr ich mich auch mühte, meine vielleicht letzte Zigarette und die dritte Dose Jackie-Cola zu genießen, es wollte mir nicht gelingen. Zu mächtig waren all die grauenvollen Bilder von mich schüttelnden Fieberkrämpfen, meiner verzerrten und auf Wochen gelähmten Fratze und meinen möglichweise schon im Herbst einsetzenden Beißattacken auf noch Ungeimpfte. Kurz bevor ich zitternd ins Blickfeld der ersten Uniformierten geriet, spülte ich mit dem letzten Schluck noch eilig fünf Beruhigungstabletten hinunter, wohlwissend, dass diese zwar einzeln problemlos adipöse Nashörner in die Koje zu schicken vermögen, dem inneren Igel meiner Panik aber im besten Falle den einen oder anderen Telegram-Stachel ziehen würden. Schon bereute ich aufrichtig, mich an der hinter mir liegenden Tankstelle nicht noch schnell am Benzin vergangen zu haben und tatsächlich war ich sogar im Begriffe kehrtzumachen, da wurde ich plötzlich mit gespielter Freundlichkeit, aber außerordentlich fester Stimme angerufen: „Na, zur Impfung?“


Die massige, wohl bärtige, möglicherweise ein wenig tatarisch wirkende Eingangswache hatte durch einen gewaltigen Schritt nach vorne nicht nur meine an allen Gliedern schlotternde Gestalt, sondern offenbar auch den nun nach Whisky duftenden Papierstapel in meiner rechten Hand ausmachen können, Einwilligungserklärungen in meinen Untergang übrigens, die ein Mensch von festerem Charakter und größerer Widerstandskraft sicherlich niemals ausgefüllt hätte. Noch zaudernd, mich an eine vage letzte Hoffnung klammernd, fragte ich den eher schweren als beeindruckenden Hüter des Loches im Legi-Zaun: „Wollt Ihr mir hier Eintritt gewähren?“
Ach, wie gerne hätte ich ein „Es ist möglich, jetzt aber nicht.“ zur Antwort erhalten und mich die nächsten Jahre ungeimpft und sturzbetrunken zu seinen Füßen gewälzt, doch der rohe Kulturbanause gluckste bloß „Na klar, kommse rein, nur nicht schüchtern sein!“
Er wies mir anstandslos einen Weg, der mich, Pfeilen und den Anweisungen vermummten Personals folgend, allzu bald vom hellen Tageslicht in das bedrückende Halbdunkel einer zum Bersten gefüllten Halle führte. Dort galt es, Pfade zu betreten, die sich zwischen Zelten und Gittern wanden, vorbei an teils spöttisch funkelnden, teils nervös flackernden Augenpaaren, an maskierten Tätern und Opfern, gefangen in einem tödlichen Reigen. Unaufhaltsam brachten sie mich dem einstechenden Finale (oder dem finalen Einstich?) näher und schließlich fand ich mich auf einem stillosen Plastikstuhl einem angeblichem Arzt und seinem höhnischen Gehilfen gegenüber, Letzterer ganz gewiss bucklig, das würde ich beschwören. Der möglicherweise selbsternannte Doktor war freilich von vorbildlicher Statur, gestählt und gebräunt, und vermittelte in seiner unerträglich jovialen Dynamik den Eindruck, ebenso gut in jedem beliebigen Start-up-Unternehmen oder einer Anwaltskanzlei tätig sein zu können. Sein kaltes „Noch Fragen?“ klang für mich wie: „Augenbinde?“

Platten, die mein Leben begleiten: Jimmy Keith & his Shocky Horrors – Great teenage swindle

Jimmy Keith & his Shocky Horrors besetzen den Platz, die sicher einflussreichste Band in meinem Befreiungskampf aus der häuslichen Enge zu sein. Die ‚Great teenage swindle‘ ist die erste Langspielplatte, die von Leuten rauskam, die ich kannte und mit denen ich das Vergnügen hatte, rumziehen zu dürfen. Das war die ganz große Welt für mich in den frühen 1990er-Jahren.

Tom Tonk hatte mich gerade adoptiert und damit geadelt, für seine Rock-Zeitung schreiben zu dürfen, weil er gehört hatte, dass ich für die Schülerzeitung des Mannesmann Gymnasiums Artikel verfasst hatte, in denen ich Alles und Jeden anpöbelte. Artikel, die mir auch heute noch unfassbar peinlich sind.
Ich saß daraufhin gefühlte Wochen am Stück in dem diffusen, Zigarettenqualm-geschwängerten Licht seines Wohnzimmers und bekam Nachhilfe in Sachen Musik. Zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich die Dickies aber auch King Uszniewicz & his Uszienicztones. Dabei lernte ich unfassbare Menschen wie Lothar kennen, der exakt eine Kaffeetasse besaß und diese über Jahre nutzte, ohne sie jemals mit Spülgift zu entweihen. Tom hatte nämlich einen Faible für besondere Menschen wie Musik.

Und dann holte er den Hammer raus: Tom sang in einer Band, die bald im Großenbaumer Bahnhof spielen sollte. Unfassbar! Und ich war auf der Gästeliste! Wahnsinn! Problem war nur, dass Tom sagte, dass sie so rock’n’rollige Rockmusik machen würden. Der hatte ich ja abgeschworen, gerade weil auch Hardcore und Bad Religion Einzug in mein Leben gehalten hatten. Anyway: Der Bahnhof war rappelvoll, das Bier floss in Strömen und die Bude wackelte. Es war ein unfassbares Inferno, das die vier Jungs da abfeierten. Angetrieben von einem Schlagzeuger, über den alleine man schon ganze Bücher füllen konnte: Mattes Pötters, Rock’n’Roll in Person. Ich glaube nicht, dass er viel konnte, aber Druck hat er gemacht. Und auf den Nebenschauplätzen des Geschäfts wusste er auch durch beeindruckende Anekdotendichte zu überzeugen. Der Bassist Guido dagegen war sein Gegenstück: Ein wirklich lieber Junge, der offenbar auch Erziehung genossen hatte. Aber die gute Kinderstube führte ihn immer wieder in Konflikte mit Mattes, der es sichtlich genoss, auf ihm rumzuhacken. Dafür bot er auch immer genügend Anlässe: Er hatte lange lockige Haare und hätte sowieso eher in eine Hairspray-Metal-Band gepasst. Außerdem hatte er den Bass fast unter dem Kinn hängen und konnte ihn spielen, was in einer Punkband mit Argusaugen beäugt wurde. Und eine solche waren sie zweifelsohne. One-Two-Three-Four und ab auf das Gaspedal. Und das direkt vor der Haustür: Die beste Band der Welt! Und Zepp Oberpichler: Der Gitarrist und Womanizer der Band schenkte dem Sound die dazugehörigen Melodien. Außerdem harmonierte er unfassbar mit Tom als Co-Bandleader/Sänger: Während Tom beinahe autistische Züge zeigte, war Zepp die geborene Rampensau. Die beiden machten Dialektik zu ihrem Geschäft. Und zu viert waren sie definitiv unmöglich. Ich kann mir nicht erklären, wie diese “Fab vier” es über so viele Jahre aushielten, zusammen die Bretter der Welt zu bereisen.

‚Teenage summer love‘, ‚We go surfin‘, ‚Stay teenage‘ und ‚To the horrors‘ von ihrem brillantem Debut-Album sind immer noch unsterbliche Hits. Später sangen sie zurecht: We taught the Richies how to surf. Wenn ich das Album jetzt nach zig Jahren wieder höre, läuft mir eine Gänsehaut nach der anderen runter. All die Geschichte, die wir zusammen erlebt haben: Die Townhall in Paua oder Cock Sparrer im Marquee. Durch sie bin ich endgültig in der Welt des Punkrocks gestrandet, hab den Lokalmatadoren und Richies das Backstagebier weggetrunken und letzten Endes sicher auch den Mut gefunden, meinen damaligen Beruf als Bankkaufmann hinzuschmeißen und später mit Micha Will das Plastic Bomb zu gründen. Dass die Jungs nie den Ruhm ernteten, den sie verdient hätten, gehört zu den Ambiguitäten, die das Leben mitbringt. In meinem Herzen lebt der ‚Great teenage swindle‘ aber immerfort.