Triggerwarnung: Plastic Bomb #118

„Kostet nun endlich, was es wert ist!“ steht im Untertitel der Ausgabe 118. Das lädt natürlich zu allerlei fröhlichem Spott (Danke, Friedrich!) ein, den ich mir spare, denn für eine Erhöhung des Preises war ich schon zu Zeiten, als es noch mit CD kam und über 100 Seiten dick war. Das Heft selbst dümpelt in der miterschaffenen Blase vor sich hin und ich erfahre von der immer größer werdenden Flinta-Beteiligung im Vorwort von Ronja und komme beim Faktencheck der groß beworbenen Festivals Back to future und Krach am Bach nicht so richtig hinterher. Gefühlt spielen auf beiden Festivals die gleichen Bands, die dort immer gespielt haben und an exponierterer Stelle im Line-Up stehen sie auch nicht. Na ja, ist eh nicht meine Baustelle. Höhepunkt im Heft ist das TOCOTRONIC Interview, was daran liegt, dass ich eigentlich bisher kaum etwas über die gelesen hab, weil die ja eher in Musikzeitschriften zu Hause waren. Und als erklärter Fanboy sauge ich jetzt alles von ihnen auf. Die anderen Interviews mit Bands sind vermutlich auch auf dem oft (zu unrecht!) so kritisierten Ox-Standard (SENSITIVES, SKEPTIKER) oder knapp darunter (BÄRCHEN UND DIE MILCHBUBIS und TEAM SCHEISSE). Die politischen Themen über Geflüchtete an der Grenze Belarus/Polen, Seenotrettung und Menschen an der Außengrenze Bosniens lassen mich merkwürdig kalt, was sicher auch an der handwerklichen Aufbereitung der Artikel liegt: lesefeindliches Layout mit kleiner Schrift vor bebildertem Hintergrund.

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Swen Bock sein

Alljährlich zum Neujahrstag bekomme ich Geburtstagsgrüße von vielen Menschen aus meiner Facebook-Blase. Das ist insofern sehr freundlich, da ich selber auf die netten Erinnerungen von Facebook, anderen zu gratulieren, mit herzlicher Missachtung reagiere. Nicht, dass ich meine Mitmenschen nicht achte, es ist eher so, dass ich eine gewisse Abneigung gegen datiert- ritualisiertes Brauchtum hege. Aus diesem Grund habe ich für mein Alter Ego Swen Bock auch ein beinahe zufälliges Geburtsdatum gewählt, als ich mein Profil hier wieder anlegte.

Aber das Geburtsdatum fällt natürlich, wie der Insider erkennen mag, mit dem Geburtsdatum des Plastic Bombs zusammen. Am 1.1.1993 wurde die ja von Micha Will und mir gewerblich angemeldet.

Mein Name war tatsächlich zu diesem Zeitpunkt Bock. Diesen Namen habe ich meine Stiefvater, der mich adoptierte, zu verdanken, von dem ihr im nächsten ZAP erfahren könnt. Ich trug ihn also schon vor 1993, wenn auch nicht allzu lange. Gewissermaßen fiel die Adoption mit meinem Eintreten in die Punkszene zusammen. Deswegen dachten wohl viele immer, dass Bock sowas wie geiler Bock hieß, also ein schillernder Punkname wie Zecke oder Scheiße. Trotzdem hatte der Name immer etwas punkiges, denn das türkische Wort ‚bok‘ sorgte immer wieder für grinsende Kunden, die ich damals bei der Sparkasse hatte. Es war also nie nötig, mir ein Pseudonym zu suchen, um einen Cooolnessfaktor in meine Existenz zu bringen. So schrieb ich schon eine Zeit unter diesem Namen für die großartige Rockzeitung, das Blurr und das Toys Move.

Später wollte meine Ehefrau dann nicht so heißen wie ich und ich kurz danach nicht anders als meine Kinder, so dass ich den bürgerlichen Namen Anfang der 2000er wechselte. Das fand ich zu diesem Zeitpunkt ganz passend, denn meine private Existenz driftete weit weg von der als Swen Bock. Ich lebte gewissermaßen ein Doppelleben und war froh, dass man mich im Kindergarten oder beim Babyschwimmen nicht mit dem Plastic Bomb zusammenbrachte. Ich wollte auch nie, dass meine Kinder zu Abziehbildern wurden, wenn auch ich eine kurze ‚Babystrampler-Ramones‘-Phase hatte und meinen Kindern ‚Kontoauszugsdruckerautomat‘ und ‚Eisgekühlter Bommerlunder‘ zum Einschlafen vorsang.

Swen Bock aber blieb immer teil meines Ichs: Projektionsfläche für mich oder vielleicht auch Avatar. Diesem Alter Ego habe ich viel zu verdanken, könnte es aber eigentlich auch beerdigen, denn die Unterschiede zwischen meiner bürgerlichen Existenz und den Verlautbarungen von Swen Bock sind mittlerweile gar nicht mehr so groß. Swen Bock hat kein Problem damit, Lehrer zu sein, Kinder zu haben und verheiratet zu sein. Auch komme ich klar damit, dass meine Mama in meine erste Wohnung aufräumte, während ich die Weltrevolution plante. Nur das Geburtsdatum macht mir etwas Probleme. Vielleicht muss ich damit mal in eine Gruppentherapie mit Bernd Lucke.

Plastic Bomb 117: Die letzte Bombe vor der Inflation

Das neue Plastic Bomb kommt mit erwartbarem Inhalt: Die TOTE CRACKHUREN sind auf dem Cover und Luise wird von Schlossi per E-Mail im klassischen 2-Stühle-Eine Meinung-Format befragt. Der Taubenzuchtteil hat Neuigkeitswert, der Rest ist schon im Ox durchgekaut. Auf die Schnelle wurden ALARMSIGNAL noch – von wem auch immer – an die Tastatur geholt. Und ziemlich schnell wird mir klar, das ist alles nicht meine Welt. So belanglos ihre Musik in dem üblichen Hochglanz-Deutschpunk-Gewand herkommt, so sind es auch ihre Antworten auf – zugegeben! – ebensolche Fragen. Etwas mehr im Thema ist Basti mit seinem LOS FASTIDIOS-Interview, aber auch hier habe ich den Eindruck, dass die Antworten auch eine K.I. hätte geben können. Herzblut hängt hingegen im ‚Punk in Myanmar: Rebel Riot‘-Feature und im Punk in der Provinz-Teil mit Aktiven vom Brückenkopf in Torgau. Irgendwie scheint mir das die Parallelwelt zum AK 47 in Düsseldorf zu sein.

Sehr interessant ist das Interview mit David vom Presswerk DUOPHONIC, der mal einen interessanten Einblick hinter die Kulissen der Herstellung vom schwarzen Gold gibt. Die Wartezeiten werden hier noch mal sehr nachvollziehbar erklärt und die Aussichten scheinen mir hier auch keine Besserung zuzulassen. Wie ich letzte Woche schon empfahl, ruhig mal diesen trendigen Tonträger CD ausprobieren (Artikel hier).

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Fanzine-Quartalsvergleich

Ox #158, Plastic Bomb #116, Trust #210, Zap #158

Die großen vier regelmäßigen Hefte mal wieder im Vergleich des kompetenten Rezensenten. Keine Ahnung, ob der Vergleich in einem Artikel hier weiter Sinn macht, denn die Unterschiede manifestieren sich eher, als dass hier eine Überraschung zu erwarten wäre.

Gemeinsam ist allen Heften, dass mit und ohne Kampfbegriff FLINTA* das Thema weiterhin Schwerpunkt ist. Im Ox ist deutlich das Bemühen zu spüren, das Thema redaktionell zu pushen. Zum Beispiel durch die großartigen Courettes, die Linda Lindas oder als Drummergirl Sandy Black von Östro 430. Problem ist sicher, dass der relative Anteil von Bands mit Frauen weiter sehr gering ist und das in einem Heft mit zweimonatlich 164 Seiten einfach mal nicht zu ändern ist. Das machen viele Schreiber:innen dann mit atavistischem Gendern wett. Im Trust schreibt Sternchen-Frau Sabrina jetzt wohl fest Vorwörter und das ZAP geht das Thema bewusst rustikaler an. Das Plastic Bomb hingegen arbeitet weiter auf das Alleinstellungsmerkmal höchste Frauenquote bei Schreiber:innen und gefeaturten Bands hin, was relativ auf 48 Seiten natürlich ungleich leichter als beim Ox fallen muss, zudem hier noch der Fokus häufig auf kleiner und unbekannter (z.B. Radical Kitten) liegt. Das zu ändern, schicken sich die Macher:innen an, indem sie erstmal Werbung für die eigene Labelbands Anger Boys und später für BASH! (quasi ein Gruß aus der Vergangenheit) machen. Danach gibt es die üblichen Wasserstandsmeldungen aus den AZ, besetzten Häusern und von der Seenotrettung. Die Interviews werden überwiegend per Email gemacht, was die Ergebnisse etwas steif macht. Die Descendents werden am Ende (vermutlich) mündlich interviewt, was dem Ergebnis spürbar gut tut. Dass im Vorwort Ronja noch einmal nachtritt, ist geschenkt, weil es eben erwartet war (Täter-Opfer-Umkehr gehört ja zur Selbstvergewisserung). Basti sorgt mit seinen Geschichten aus der Gruft mal wieder für einen trashigen Kopfschüttelschauder, indem er genüsslich den gescheiterten Putschversuch auf einer Karbikinsel durch KKK-Vollpfosten vorführt. Und Chris Scholz sagt das Afghanistan-Desaster ziemlich voraus, womit er sich den Guck-in-die-Kugel-Award verdient.

TRUST weiter im klassischen Todesanzeigen-Layout und das Plastic Bomb lieber weiter ohne Layout.

Ob sich Helge Schreiber wohl den flapsigen Ton verboten hätte? Vielleicht. Denn seine Kolumne im neuen Ox ist einer der seltenen authentischen Aufschreie, die sich in unserem zynischen Spiel mit dem Leid in der Welt ganz besonders ausmachen und fordern: Halt doch einfach mal die Fresse!

The big Four: Der große Fanzine-Vergleich: Ox#156, Plastic Bomb #115, Trust #208 und ZAP #156

Vor Kurzem stellte ich mir in meiner Facebook-Blase die Frage, welches der Hefte ich zunächst besprechen sollte. Ziemlich schnell kristallisierte sich heraus, dass es wohl alle zusammen werden würden. Lange Texte sind ja gerade im Internet en vogue.

Und natürlich eignen sich alle vier Hefte ja auch für Totalverisse, was tatsächlich in den Fingern juckt.

„Ich fände eine Sammelbesprechung gut. Kategorien: Die langweiligste Kolumne. Die dümmste Kolumne. Das langweiligste Interview. Die flachste Tonträger-Besprechung. Die offensichtlichste Vetternwirtschaft … die Wucht deiner Besprechung wird anschließend in FB-Entfreundungen gemessen. “ (Schippy auf Facebook)

 

Das Feld scheint ja auch total abgesteckt zu sein. Irgendwie ist klar, wer wofür steht.

 

„Kommt drauf an was du suchst. Information: dann OX, Weisheiten von früher: dann ZAP, Spaß und Lebensfreude: dann Plastic Bomb. “ (Micha Will auf Facebook)

 

 

So sind ziemlich viele Reviews fast schon automatisiert geschrieben. Die Fülle der Informationen beim Ox können zu einem „Für jeden etwas dabei“-Review Resümee führen (siehe unten), wenn man es sich mit Buddy Joachim Hiller nicht verscherzen will oder zu einem „Zu wenig Frauen werden in diesem weißen CIS-Mann-Heft gefördert und außerdem wurde Binchen von Black Square nicht als Sängerin der gleichnamigen Band vorgestellt“-Verriss führen, wenn frau große Kämpfe für die unglaublichen Benachteiligungen von FLINTA* im Punk führt. Der wird nämlich in der Punkrock-Fachzeitschrift for all gender geführt. Hier wird der wohlgesonnene Rezensent festhalten, dass sich die Zahl der alten weißen CIS-Männer glücklicherweise deutlich reduziert hat und durch Frauen substituiert wurde, was wohl mal ein tolles Zeichen ist und dafür Herzchen in der #punktoo-Gruppe ernten. Wer keine Angst vorm

Manchmal sind E-Mail-Interviews doch besser!

Canceln hat, wird hingegen feststellen, dass die Interviews teilweise unlesbar sind. Dafür mag das Dachlawine-Interview herhalten, das sowohl Interviewer*in als auch Interviewer*inte überfordert. Auch mag man feststellen, dass der relative Frauenanteil auf 48 Seiten zwar hoch ist, aber die produzierte Textmenge von Frauen auf 164 Seiten Ox vermutlich die deutlich höhere ist.

Das nicht veröffentlichte Vorwort aus Plastic Bomb 115

Ein Gift schleicht sich in die Punkszene ein, ein Gift, das gerne Gespenst wäre, aber mit dem Kommunismus nur gemein hat, sich des Mittels der Identitätspolitik zu bedienen. Aber im Gegensatz zum Kollektiv des Arbeiters, das Marx dem der Unterdrücker entgegen setzte, findet Identitätspolitik heute als Verabsolutierung von Partikularinteressen und Gefühlen statt. Dass diese Interessengruppen vorzugsweise gebildet wurden, weil sie auf erfahrenen Diskriminierungen zurückgreifen, ist einerseits moralische Legitimation und somit Waffe gegen jegliche Kritik sowie andererseits der große Geburtsfehler, denn häufig sind es rassistische, misogyne und homophobe  Zuschreibungen, die diese Gruppen definieren.

Moralisch bewegt sich derjenige auf dünnen Eis, der sich hiergegen wehrt. Denn wer wir dem Diskriminierten das Recht absprechen wollen, dass er sein Unrecht thematisiert? Und wer wird nicht zustimmen und unterstützen wollen, wenn es darum geht Unrecht und Diskriminierung zu bekämpfen? In diesem Sinn war es bisher großer Konsens in der Punkszene, sich für die Rechte von Minderheiten einzusetzen und ich glaube / hoffe, dass dies immer noch so ist.

Allerdings funktioniert die Zustimmung nur noch in einem Abnicken, gerade dann, wenn man selber zur Gruppe der weißen CIS-Männer gehört. Diese, von der selbstgerechten Linken so definierte,  Gruppe, gehört nämlich zu den Bösen, wenn sie sich nicht der Katharsis hingibt und für jegliches Unrecht büßt, was der Gruppe der Unterdrückten, den selbsternannten FLINTA-Personen, geschieht.

Die Karthasis besteht darin, die Fresse zu halten (alles andere ist im besten Fall Mansplaining) und alles dafür zu tun, dass künftig FLINTA-Personen sichtbar werden. Reden darüber darf man nur in wohlfeil gewählten Worten in perfekt gegendeter Sprache. Natürlich muss ich mir dabei der ganzen Privilegien bewusst sein, die ich als CIS-Mann hatte. Das Narrativ, das ich dazu beten darf, ist schnell erzählt. Als weiß geborenes männliches Kind in Essen Kray war ich qua Geburt auf der Siegerstraße und diesen Weg schlug ich im Leben auch in der Punkszene ein. Dabei habe ich Queere, POC und Frauen links liegen lassen und mich daran beteiligt, mich sichtbar auf Kosten der genannten Gruppe zu machen und tue dies heute noch. Und durch dieses Tun bin ich gerade erst Legitimation für die Aktivisit:innen.

 

Wieder Swen Bock sein und Facebook

Karacho-Swen-Screenshot
Falsch geschrieben. War auch sonst ein dämlicher Auftritt von Swen Bock.

Zwei Ereignisse fallen derzeit zusammen: erstens habe ich für die nächste Ausgabe des Plastic Bombs wieder ein paar Reviews und ein Vorwort geschrieben und zweitens wieder einen Facebook-Account. Wie kommt es dazu, war doch beides von mir ausgeschlossen? Explizit im Falle Facebook (siehe hier) und wie es genau beim Plastic Bomb war, habe ich verdrängt.
Aber seit geraumer Zeit kokettiere ich wieder damit, eine Reunion meiner Existenz als Swen Bock ins Auge zu fassen. Zur Erklärung muss ich etwas ausholen:

Swen Bock war ja auch mein bürgerlicher Name zur Gründungszeit des Plastic Bombs 1993 und er entwickelte sich immer mehr zum Alter Ego, während ich selbst spätestens mit meiner Heirat und der Geburt meiner Kinder sehr viel bürgerlicher wurde.

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Das neue Plastic Bomb (Nummer 91) – Review Teil 1

Gerade in letzter Zeit beschäftigt mich das Plastic Bomb innerlich wieder mehr. Das zeigt sich daran, dass ich mich in Gesprächen und Briefen wieder öfter zu meiner Punkvergangenheit äußere. Justament Sprach ich mit meiner Frau auf der Kurzerholungsrückreise aus dem Sauerland darüber, da liegt das Plastic Bomb Nummer 91 pünktlich wie immer im Briefkasten.

Auf dem Cover blicken zwei Männer vor dem Brandenburger Tor ernst in die Kamera. Kurz muss ich überlegen, wer denn diese wohl wieder sein mögen? Zwei Rapper aus dem mittlerweile obligatorischen Hip Hop Genre scheiden aus, da sie offenbar in meinem Alter sind. Und als ich den Inhalt überfliege, meine ich mich daran zu erinnern, dass der sympathische Typ rechts mit modisch gegeltem Iro wohl von Anti-Flag ist. Klar, die gibt es immer noch. Und die hatten schon immer eine ultraglatt gebügelte Promomaschinerie im Rücken.

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