Sahra  Wagenknecht: Die Selbstgerechten (Teil 1)

Ein Buch zu dem schon jeder eine Meinung hatte, bevor er es las. Das liegt sicherlich an der polarisierenden und selbstgewissen Art, mit der Sahra Wagenknecht in Zeitungsinterviews und diversen Talkshows sowie ihren eigenen wöchentlichen Videos auftritt. Ihr Konterfei auf dem Buchcover wirft natürlich auch sofort die Frage auf, ob sie mit dem Titel nicht sich selbst meinen könnte. Außerdem steht sie seit Jahren mit einem Flügel in der Linkspartei im Konflikt, dem sie, auch in diesem Buch, den Niedergang der Linken anlastet. Der bedankt sich bei ihr, indem er sie des Rassismus bezichtigt. Applaus der AfD wird als Beleg dafür herangezogen, ebenso wie einzelne Zitate aus dem Buch.

Gründe genug, sich also dieses Buch einmal genauer anzuschauen, schließlich steht die Autorin mit ihrem Buch genau an der Frontlinie und liefert gehörig Munition für eine Auseinandersetzung, in die zwangsläufig jeder gerät, der eine Meinung hat. Im Gegensatz zur alten Frage „Wie hältst du es mit Palestina?“ oder dem Aufkommen von Antideutschen sind ihre Fragen allerdings keine Fragen, die nur innerhalb der Linken Spaltungspotential besitzen, sondern gesamtgesellschaftliche Relevanz haben.Sahra  Wagenknecht: Die Selbstgerechten (Erster Teil der Besprechung)Sahra  Wagenknecht: Die Selbstgerechten (Erster Teil der Besprechung) Das, was sie als heutigen Linksliberalismus im Gegensatz zur Begrifflichkeit aus den 70er-Jahren ausmacht, betrifft mittlerweile einflussreiche Kreise, weit über das übliche Klientel hinaus. Der Einfluss der deskriptiven Genderstudies bedeutet aktive Eingriffe in den öffentlichen Sprachraum, der sich bis zum gesprochenen Binnen-I in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auswirkt. Dass dies nichts mit natürlichem Sprachwandel zu tun hat, der schließlich dem Genitiv den Graus machen wird, rückt diese Entwicklung in orwell’sches Neusprech. Wie so etwas sein kann, erklärt Frau Wagenknecht, indem sie sich die heutige Linke anschaut, die so eine weitreichende Lobby betreibt. Im Gegensatz zur alten Linken, die auf Seiten der sozial Benachteiligten stand, sind es heute diejenigen Kinder und Kindeskinder, die von Bildungsexplosion und sozialem Aufstieg alter linker Politik profitierten. Eine akademische Mittelschicht mit beispielsweise Lehrern, Journalisten und anderen studierten Professionen, denen es vergleichsweise gut geht und die über einen Habitus verfügen, der an die Oberschicht anschlussfähig ist. Diese finden sich in großstädtischen Milieus wieder und haben wenig Kontakt mit sozial Benachteiligten, zu denen der Abstand immer größer wird. Ihre Kinder gehen auf Gymnasien und meiden Problemstadtteile. Ich denke, soweit kann ich mitgehen, fühle mich auch ertappt und ein wunder Punkt von mir ist berührt. Dass man zu den Privilegierten gehört, will man nicht so gerne hören. Die Frage, warum sich das so entwickelt hat, lässt sie offen. Wie so oft in diesem Buch beschreibt sie die Dinge, was ihre große Stärke ist.

 

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