Sahra  Wagenknecht: Die Selbstgerechten (Teil 1)

Schwächen hat es allerdings, wenn sie so erklärt, dass der Eindruck entsteht, dass dem linksliberalem Milieu außer der Abschottung nach unten und der damit verbundenen Besitzstandswahrung kaum andere Interessen zu unterstellen sind. Ich persönlich halte die Anschlussfähigkeit der Identitätspolitik an den Neoliberalismus zwar für plausibel, sie erklärt zumindest, warum sich solche Art linker Agitation heute in weiten Teilen der Gesellschaft (z.B. Quoten in Vorständen und Aufsichtsräten) durchgesetzt hat, aber nicht für beabsichtigt. Hier klingt es oft, als ob wir in einer Art Verschwörungstheorie hängen. Ich glaube nicht an bewusstes Steuern, sondern eine willkommene Entwicklungen, die von den Wirtschaftseliten gerne aufgenommen werden.

Natürlich ist es auf der anderen Seite totaler Quatsch, wenn man Frau Wagenknecht eine Nähe zur AfD unterstellt, nur weil sie beschreibt, wie der neue Linksliberalismus die Unterschicht in die Arme rechter populistischer Parteien getrieben hat. Durch eine gewisse Arroganz und eine Sprache, die man mit den Mitteln schlechter Bildung oder sprachlicher Barrieren durch Migration nicht verstehen kann, wurde in weiten Teilen der Parteienlandschaft Distinktion betrieben. Dass Menschen mit persönlichen real existierenden Existenzkämpfen kein Interesse an Partikularinteressen von so empfundenen skurrilen Minderheiten haben, stößt bei AfD und Konsorten auf fruchtbaren Boden. Ihre Sprüche kommen an und das macht aus diesen vielen Wählern keine Nazis. Für Frau Wagenknecht sind das Protestwähler, die schon lange kein Gehör mehr bei Sozialdemokratie, Linken und schon gar nicht bei den Grünen finden. Dass Wagenknecht weiter ausführt, dass es beileibe nicht alles Idioten sind, die rechtspopulistisch Wählen, weil sie den Ausbau des Billiglohnsektors nicht nur auf Gerhard Schröders Arbeitsmarktreformen zurückführt sondern auch auf Migranten, die schlecht organisiert sind, scheint ihre Rechtsnähe zu untermauern. Aber mal ehrlich, wer sind denn die unsichtbaren Heinzelmännchen, die uns die portofreien Lieferungen frei Haus liefern. Früher waren es einigermaßen gut bezahlte Postangestellte oder sogar Beamte. Das ist für arme Menschen eine reale Bedrohung, aber weit von gelungener Integration entfernt. Zudem entlarvt sie die Schwächen von Tugendethik in der Flüchtlingspolitik und plädiert für mehr Verantwortungsethik, was heißt, Hilfen vor Ort anstatt das Ausbluten vieler Gesellschaften in Kauf zu nehmen, denen die eher qualifizierten von der Fahne gehen, was vor Ort für noch mehr Armut sorgt. Gleichzeitig führt sie noch ins Feld, was rechte Parteien in Polen, USA und Frankreich an tatsächlichen positiven Veränderungen für die Armen gebracht haben, während EU-Politik diese weiter unten gehalten hat. Das klingt schon etwas nach ‚Früher war nicht alles schlecht‘, legt aber einmal mehr einen Finger in die Wunden verpasster Politik für die Abgehängten. Aber, na klar, währet den Anfängen, vielleicht ist es etwas blauäugig, den rechten Zeitgeist gleich als Mär abzutun. Das ist mir dann auch etwas zu viel, dass Menschen die Eigenverantwortung abgesprochen wird. Auch arme Menschen sind für ihr Handeln verantwortlich. Aber trotzdem ist es eine spannende Lektüre, die mutig genug ist, in die Leerstellen gesellschaftlicher Verantwortung zu gehen. Und gerade was die Entlarvung der von ihr so genannten Lifestyle-Linken  angeht, trifft sie für mich den Punkt, wie man es auch in meinem Vorwort im neuen Plastic Bomb #115 nachlesen kann, wo ich in meiner ersten Begeisterung zwei Triggerbegriffe ‚skurille Minderheiten’ und ‚Lifestyle-Linke aus ihrem Wortschatz benutze. Aber gerade letzteren hätte ich heute rausgestrichen, da ich mich dort eher gegen Linksidentitäre im Punk richte. Zur Lifestyle-Linken gehören ja auch Fridays for Future und viele Positionen, denen ich unbedingt zustimme.

Im zweiten Teil des Buches geht es dann um ihr Gegenprogramm, was ich dann demnächst in diesem Blog noch einmal besprechen werde.

Update am 22.5.2021
Anmerkung zum durchgestrichenen Teil: Das Vorwort wurde ohne Angabe von Gründen nicht im Plastic Bomb #115 veröffentlicht. Ebenso wurde ich ohne Angabe von Gründen aus dem Fanzine, das ich vor 28 Jahren mit Michael Will gründete, gecancelt. Das Vorwort kann der geneigte Leser hier nachlesen.

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