Wichtiger Song der Hosen gegen die AfD oder keulen gegen den Osten?
Da war die allgemeine Überraschung eine unerwartete Freude für viele Menschen, die auch sonst gerne mit der Düsseldorfer Punkrock-Truppe sympathisieren. Kurz vor Toresschluss haben sie nochmal einen rausgehauen. Anders als das bräsige „Die Show muss weitergehen“ ein Statement gegen die AfD, dazu noch mit ordentlich Wumms dargeboten. Zwar immer noch hochglanzpoliert produziert, aber immerhin mit runtergeregelten O-Oh-Ohhs, die fast schon die Schönheit der eleganten A-Ah-Aah-Äquivalente in sich tragen.
Der Text taugt auch bestens zur Selbstvergewisserung, was wirklich nicht schlimm ist. Gerade in Zeiten, in denen die AfD die stärkste Zustimmung bei den Meinungsumfragen in Gesamtdeutschland bekommt, ist da jedes Lied ein Trost. Vor allem, wenn es von vielen mitgesungen wird. Und das Bild der hegemonialen Geschlossenheit in einem gut situierten Milieu eines städtischen Speckgürtels taugt nicht nur in hiesigen Kreisen als gemeinsames Feindbild. Wir denken an die vielen schrecklichen Dieseldieters, die in die Städte mit ihren BMWs pendeln, die merkwürdigen Kennzeichen haben und dort den knappen Lebensraum durch ihre Karren weiter verknappen. Wenn die dann zu Hause in ihren vergleichsweise großen Behausungen das Brauchtum pflegen, dann wird das so sein, wie in der ersten Strophe besungen. Das Fest, auf dem natürlich der wirklich wahre Heino, ein Double, das es ernst meint, auftritt, der Opa als Schütze ein Waffennarr ist und die Mama die erdrückende Existenz im provinziellen Mief nur mit Promille erträgt, erzeugt in uns ein Bild. Jeder, der das schon erleben durfte und es mit den Hosen hält, weiß, dass das Fluchtreflexe auslöst. Nicht viele Punkbiografien beginnen mit der Flucht aus diesen Orten. Hier war man nicht willkommen und wollte es nicht sein, weil man sich nicht anpassen wollte. Und wenn man auf die trifft, die dort leben, ist man froh, dass man es geschafft hat. Das Dorf als verschworene Gemeinschaft mit identitätsstiftenden Merkmalen. Zugehörig ist nur, wer den Garten pflegt, den BMW als Symbol des Aufstiegs in der Garage parkt und die Toleranz lebt womöglich durch die Putzfrau, die der Wachdienst einlässt, ja eine mit migrantischen Wurzeln. Dem Sohnemann rutscht beim Besäufnis schonmal der rechte Arm nach oben. Die Tochter macht wenigstens Hoffnung, denn die wird vielleicht bald abhauen. Wenn sie bleibt, muss sie wohl so werden wie die Mama in Strophe eins. Die Strophen, die diese Zustände beschreiben, werden immer kürzer, denn es bleibt immer weniger zu sagen. Der Refrain besingt die Begründung der Nichtdazugehörigkeit „Denn wir sind schlechte Nachbarn“ und die fröhliche Antwort „Ja, wir sind schlechte Nachbarn“. Was zu Beginn des Songs gerade in zwei Versen verhalten intoniert wird, wird am Ende gleich viermal wiederholt. Ja, es ist eine Freude nicht dazuzugehören. Das ist identitätsstiftend, nur andersherum. Ist auch nicht schlimm, denn wir treten nicht nach unten, sondern nach oben. Wer so leben kann, der ist mindestens ein sozialer Aufsteiger. Und wie man aufsteigt, ist klar, dafür braucht man Ellenbogen. Und im Song wird auch beschrieben, dass man dort nicht scheut, diesen Wohlstand zu verteidigen. Opa kann gut mit Waffen ist eine latente Drohung und den Wachdienst, um den Besitzstand und die Hegemonie zu beschützen, den muss man erst einmal finanzieren können. Alles gut, denke ich mir, kann man so machen, aber natürlich stellt man beim genauen Nachdenken fest, dass das irgendwie doch anders ist, wenn man beispielsweise in Düsseldorf lebt. In den gentrifizierten Vierteln der Stadt würde die Hüpfburg eher von den Grünen sein. Und am Niederrhein finden sich in solchen Quartieren eher die Hüpfburgen der CDU. Dort würde eher die Coverband von den Toten Hosen auf der Bühne gebucht werden, um Tage wie diese zu besingen. Häuser und Garten wären ähnlich gepflegt, der BMW wäre vermutlich elektrisch vom Solardach CO2-neutral geladen. Zwar hat auch dort die AfD ihre Stimmen, aber den meisten dort ist es unter ihrer Würde, sowas offen zur Schau zu tragen, schließlich verfügt man auch über Bildung. Auch Mauern um ganze Dörfer… hm, apropos Mauer, da war doch was?
Wo gab es das? Ach ja, die DDR, früher die deutsche demokratische Republik, heute der dumme Rest. Die waren schon immer schlechte Nachbarn. Ja, da passt der Song, der BMW ist doch nur in Ostdeutschland noch Statussymbol für die wachsende Schicht von sozialen Aufsteigern (Handwerkern und Selbstständigen), die sich in eingezäunten Neubausiedlungen um Leipzig (Taucha, Borsdorf) und Dresden (Cossebaude, Gombitz) herum einigeln und Angst vor dem Wohlstandsverlust haben. Die Wachdienste kennen wir aus Bautzen und Görlitz, aber noch nicht mal aus Meerbusch. Okay, in Blankenese gibt es den auch, aber dort wäre die Hüpfburg von der FDP. Und in Köln Stammheim wird das Cologne Project I vermutlich von grünen Stadtflüchtlingen besiedelt. Irgendwann ist auch mal gut mit Ehrenfeld.
Die gefegte Auffahrt steht für den protestantischen Arbeitsethos, denn man hat es geschafft. Und die Gartenkultur war in der DDR ja extrem wichtig, um sich selbst zu versorgen. Hier kann man sich die Vorratshaltung gut vorstellen, die ja dem Sicherungsbedürfnis und der Unabhängigkeit dient.
Wird so bei diesem Song der berühmte Schuh draus? Funktioniert er so gut, weil er reiche Nazi-Realität in Ostdeutschland beschreibt und nicht ins eigene Nest kackt?
Und wie kann dann ein Song aussehen, der die AfD-Hochburgen in Westdeutschland auf’s Korn nimmt, die ja sehr häufig in eben nicht privilegierten Gegenden bestehen, ohne nach unten zu treten? Was machen wir mit Gelsenkirchen, der Nordstadt in Dortmund, Marxloh in Duisburg, dem Essener Norden und Garath in Düsseldorf? Dort wo migrantisch geprägte Milieus ebenfalls der AfD zustimmen… hier, wo die AfD auf Spaltung, statt auf Hegemonie setzt und genauso erfolgreich ist?
In meinen Augen ist dieser blinde Fleck im Song eine größere Herausforderung, der man sich als westdeutsche Band auch stellen sollte.
Macht den Song aber jetzt auch nicht zu einem schlechten, aber eben nicht zu einem herausragenden. Und das ist angesichts der vielen furchtbaren Songs gegen das Furchtbare ja gar nicht so verkehrt.

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