Versuch einer Liebeserklärung: Kommando Marlies – Schöner scheitern LP
Wie macht der Uwe das nur? Er packt mich jedes Mal, obwohl ich das Pathetische ebenso hasse wie das Nostalgische. Dieser debile Blick in den Rückspiegel, der verklärend das eigene Dasein überhöht, diese Sing-meinen-Song-Besoffenheit, all das findet sich doch in solchen Versen wie „Wir waren wild und unsterblich, als Helden geboren“, „Ja wir fahrn los, komm, wir fahrn zurück nach Teenage Wasteland“ oder „Sie drehte sich nicht um, sah nicht mehr zurück, es war wie in einem traurigen Theaterstück, wir hatten nur diesen einen Augenblick“. Dazu das nölige Plärren von Uwe, das den Raum dominiert, dann auch noch diese Anspielung an den schrecklichsten Song von The Cure überhaupt: „Boys don’t cry“… ey, das kann Swen Bock doch nicht allen Ernstes gut finden. Wie hört er das? Heimlich im stillen Kämmerlein? Steht es gar im Giftschrank oder ist in seiner Blackpool-Lieblingsliste? Oder hat er gar etwas Laufen mit den kleinen Schnuckies von Kommando Marlies?
Nun übertreib mal nicht! Okay, süß sind sie ja, aber das ist es nicht. Wahrscheinlicher: Ist es der ewig ausbleibende kommerzielle Erfolg? Ich habe mich tatsächlich immer gefragt, was so anderen im Genre des Pathos verschmiert das Gehör so denken, wenn sie diese Songs von Kommando Marlies hören. Ich meine, wenn man in Stadien spielt und zig Millionen Klicks bei Spotify hat. Wäre es mir nicht so unangenehm, dass ich dann, wenn ich selbst so eine Grütze machen würde, diese Songs hier von Uwe, Eric, Andi und Krolle hören würde, fortan immer an Imposter denken müsste? Jedes Mal, wenn ich eine Bühne entern würde, ich hätte Angst, dass irgendwo im Publikum jemand das Schild hochhalten würde, auf dem steht „Ich weiß, dass es Kommando Marlies gibt“ oder der Spiegel in der Umkleide flüstern würde: „Du machst die schönste rührselige Mucke im Land, aber Kommando Marlies hinter den sieben Brücken sind tausend Mal besser als wie du!“
Der Titel „Schöner scheitern!“ ist eindeutig Understatement, hier sollte es heißen „Am schönsten scheitern“. Während andere am Schönsten scheitern und dem stumpfen Stadionrock-Pöbel die Antennen fehlen, dies wahrzunehmen, beherrschen Kommando Marlies das Spiel mit dem Pathos perfekt. Während andere nur suven, gibt es hier elegantes, abwechslungsreiches Songwriting mit dieser süßen Orgel: dem kann man nur widerstehen, wenn man kein Herz hat. Und dann ist da immer der Moment, wo der eigene Pathos richtig schön zerpflückt wird, wie in Versen des Schlages „Und wenn wir uns so dann und wann wieder sehen, dann weiss ich nie so genau, erkennt er mich nun wirklich oder ist er einfach nur blau“. Tack, das Spiel mit dem Pathos entlarvt sich als Illusion, der wir uns natürlich hingeben, aber mit Kommando Marlies ersticken wir nicht daran. Der Hustenreiz erstickt das süße Gift.
Manchmal meint man, herauszuhören, wie Uwe selbst schmunzelt und dann fast an einer Parodie seiner selbst dran ist. Aber eben nur fast, denn er macht sich eben nicht lustig darüber, er ist hin und her gerissen. Und diese Offenheit, die mit dem Totschlagwort Authentizität nur unzureichend beschrieben ist, die macht dieses Album aus. Bakraufarfita

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