Gefangen in der BRD

Meine am häufigsten gehörten deutschsprachigen Platten

Versuchsaufbau: Welche Platten hast du am häufigsten gehört? Und warum eigentlich und wie haben sie dich beeinflusst? Schummeln ist dabei strengstens untersagt. Du hübschst deine Biografie nicht nachträglich auf und behauptest, dass du mit 9 schon Kraftwerk entdeckt und mit 13 bereits hinter dir gelassen hast. Leichen im Keller werden nicht verschwiegen und dass du irgendwann mal falsch abgebogen bist, sollte dir nicht peinlich sein. Berücksichtige bei deiner Auswahl den sinkenden Hörintensitäts-Level einzelner Platten, der mit dem Anwachsen deiner Plattensammlung zusammenhängt. Versuche möglichst chronologisch vorzugehen.

Hui Buh das Schloßgespenst

“Natürlich bin ich ein Gespenst, mit einer rostigen Rasselkette …” Laut meiner Mami nach der Rückkehr aus dem Kindergarten täglich mehrfach aufgelegt, was sie fast in den Wahnsinn trieb. Vermutlich hat sich die sonore Stimme von Hans Paetsch in die Gehirne von Millionen Kindern, die in den 60ern und 70ern in die Welt gekommen sind, gefräst. Und vermutlich verschaffte mir die hundertfach gehörte Geschichte von Hui Buh Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit. Fast sicher ist, dass dies die Platte ist, die ich am häufigsten gehört habe.

Gesehen, als es passiert ist? Entfällt.

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Bernd Stegemann – Die Öffentlichkeit und ihre Feinde

Ein Buch, das in seiner Analyse der Probleme öffentlicher Kommunikation so klug und überzeugend ist, dass es mich mehrfach innehalten lässt, um über eigene festgefahrene Kommunikationsmuster nachzudenken. Denn wie so oft wiederholen sich immer die gleichen Debatten, in denen ich mich im Recht wähne, die aber hoffnungslos in der eigenen Echokammer endlos widerhallen. Auch das Unbehagen, das mich immer wieder angesichts meiner sozialen Blase ergreift, bekommt hier ein theoretisches Fundament. Wie schnell mich beispielsweise Bilder vom lachenden Laschet anöden oder auch die Regenbogendebatte rund um die Fußball-EM in ihrem bildgewaltigen Internet-Empörungssturm einfach nur noch abschalten lassen, all diese Phänomene lassen sich nun mit Bernd Stegemann rechtfertigen. Das diffuse Unwohlsein angesichts der Kulturkämpfe und der Empörungskultur bekommt hier Worte. Populismus auf der einen Seite und Identitätspolitik auf der anderen Seite, das sind die beiden Lager, die über den „Diskurs“ bestimmen. In Anführungsstrichen deswegen, weil es eigentlich nur um die Bedingungen geht, die von beiden Seiten definiert werden. Grenzen zwischen Meinungen und Tatsachen werden beinahe willkürlich nach eigenen Machtinteressen verschoben. So bestimmt die jeweilige Seite jeweils die Regeln, so dass keine gemeinsame offene Öffentlichkeit besteht. Auf diese Weise wird man aber den komplexen Herausforderungen nicht Herr, sondern man verliert sich in Rechthaberei, ohne dadurch einen Widerspruch zu lösen oder einen gesellschaftlichen Fortschritt zu erreichen. Und der ist dringend notwendig. Die Probleme des Anthropozäns sind dermaßen herausfordernd, dass wir es uns nicht erlauben können, dass durch solche Grenzverschiebungen Tatsachen zu Meinungen verkommen und wir billigend in Kauf nehmen, dass sich Wissenschaften rechtfertigen müssen. Dazu gehört nach Bernd Stegemann eine demütigere Haltung und die Bereitschaft der Welt mit Fragen zu begegnen, anstatt sie mit Antworten festzumauern. Die Ökologie gerät damit zum Transzendenten, dem man sich gemeinsam als Gesellschaft nähern muss.

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