Ich will keinen Krieg!

Irgendwie fühle ich mich seltsam machtlos, klein und dumm, wenn ich die folgenden Zeilen lese. Das große Gerede in einem kleinen Blog, der sich sonst mit kleinkarierten Debatten und Subkultur beschäftigt. Hört doch sowieso keiner zu! Und ich denke an Oma, die immer zu sagen pflegte, dass, wenn die hohen Tiere Krieg wollten, sie ihn auch bekämen. Tja, ich bin mir meiner Lächerlichkeit bewusst, wenn ich das hier schreibe.
Vielleicht haben die scheiß Hippie-Lehrer doch mehr Einfluss auf mich gehabt, als ich zugeben wollte, denn ich blicke mit Befremden auf die der Logik des Krieges geschuldeten Kriegsgeilheit der Deutschen; nein besser: mit Angst blicke ich darauf.
Schon längst ist die Spirale der Eskalation weit fortgeschritten. Die einen befinden sich noch, wie ich, dort, wo es darum geht, dass man mit weitreichenden wirtschaftlichen Sanktionen Russland den Geldhahn zudrehen sollte, wohlwissend, dass man dann auch über China und die Golfstaaten nachdenken muss. Die Mehrheit aber ist ja mittlerweile schon bei direkten Waffenlieferungen oder gar der Vorbereitung auf eine direkte Beteiligung. Ich weiß nicht, ob ich der einzige bin, der angesichts des betroffen-zustimmenden Nickens vieler westlicher Staatsmänner und Staatsfrauen auf die täglichen Appelle von Selenskyi mit Panikattacken reagiert. Müssen nicht zwangsläufig auf eine solche Zustimmung auch Taten folgen. Und folgen diese Taten nicht bereits?
Ja, und natürlich weiß ich, dass es gute Gründe gibt, die Ukraine mit Waffen zu unterstützen. Ich bin angesichts der Greueltaten unbedingt dafür, dass Putins Russland das gleiche Schicksal ereilt, wie es andere völkermordende Länder ereilen soll. Und wenn ich davon überzeugt wäre, dass dies mit Waffengewalt machbar wäre, dann würde ich dieser Logik zustimmen. Wenn das Unrecht dazu führen würde, dass ein größeres Unrecht verhindert würde, wäre ich gerne Verantwortungsethiker. Aber ist die Gefahr, dass ein größeres Unrecht geschehen kann als die Eroberung der Ukraine durch Russland, nicht gegeben? Und ist es nicht ein viel größeres Unrecht, wenn sich Putin dazu genötigt fühlt, auf seine Drohungen auch Taten folgen zu lassen und dann unter Umständen der Bündnisfall eintritt? Wenn dann viele weitere junge Menschen in den Krieg ziehen müssen, um dort zu sterben, ist das nicht ein größeres Unrecht? Die Vorbereitung darauf ist der Bundesregierung immerhin 100 Milliarden wert, scheint also nicht ganz so unrealistisch. Und wird das dann dazu führen, dass die militärische Übermacht der Nato wenigstens für eine schnelle Beendigung des Putin-Spuks sorgen wird?
Macht Putin wirklich den Eindruck, dass er dann sagen wird: „Ja, okay, ich gebe auf!“?
Steht nicht vielmehr eine nächste Eskalationsstufe an? Ist es nicht viel realistischer, dass dieser Spinner auch zum letzten Mittel greifen wird? Ich frage also: Wieviel Unrecht ist es also wert, dieses aktuelle Unrecht, das in der Ukraine geschieht, zu ertragen?
Und natürlich weiß ich auch, dass es naiv ist, zu glauben, Putin wäre mit der Ukraine zufrieden. Die imperialen Großmachtsfantasien solcher Männer kennen üblicherweise kein Ende. Da besteht natürlich auch die Gefahr, dass der Bündnisfall dann verzögert eintritt. Ich halte sie unter derzeitigen Bedingungen sogar für ziemlich real. Damit wäre dann der fahrlässigen Duldung eines großrussischen Reiches Vorschub geleistet worden, wie es durch die Appeasement-Politik bereits einmal geschah. Ein klassisches Dilemma also. Aber deswegen dem berechtigten Werben Selenskyis um Unterstützung bedingungslos nachgeben, weil Ernst Reuter das einst genauso rhetorisch aufgerüstet vorgemacht hat? Der Glaube, dass man sich der Logik der Machiavellis und von Clausewitz‘ unterwerfen muss, um die besseren Interessen durchsetzen zu können, führt nur zu dem Schwarzweißdenken, dass uns in die Katastrophen führt. Oder sind wir gar so blauäugig, es von oben herab als dem Menschen innenwohnend zu betrachten, der dies auf dem Weg zu Nietzsches Übermenschen halt tun muss? Dem ist mit Mitteln der Vernunft entgegenzutreten. Der sogenannte freie Westen muss die Freiheit mit fortschrittlichem Denken entgegentreten und die postkapitalistische Welt jenseits des unendlichen Wachstums schaffen und eine nachhaltige Welt denken und schaffen. Jedes Kriegsgeschrei zögert dies nur um Jahrzehnte hinaus. Nein, es ist nicht zynisch, darüber nachzudenken, dass eine militärische Kapitulation zwar eine Niederlage auf dem Schlachtfeld bedeutet. Alles ist besser als schlafwandlerisch in den dritten Weltkrieg einzutreten. Das heißt nicht, dass man gleich Appeasement betreiben muss.
Der Krieg mag ein Akt sein, um den Gegner zur Erfüllung unseres Willens zu zwingen, der in diesem Fall Frieden in der Ukraine heißen würde. Aber es gibt andere Akte, um dies zu erreichen, denn zu einem Krieg gehören mindestens zwei Parteien. Wenn eine davon die Energie nutzt, den Flüchtenden zu helfen und gleichzeitig konsequent sämtliche Wirtschaftsbeziehungen abzubrechen, schrittweise autark zu werden und nachhaltige Strukturen aufzubauen, kann sie selbst vorbildhaft handeln und so lassen sich langfristig Alternativen für autokratische Systeme aufbauen. So sind wir einfach nur Konkurrent. Wir haben hier im Westen noch einiges an Speck und Potenzial, das wir ausschöpfen können. Aber in jedem Krieg, im gerechten wie ungerechten, können wir unsere Zukunft nur verlieren.

 

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