Buchstabiertafel – Vorschlag zur gütlichen Einigung

Da die Buchstabiertafel zu viele Männernamen erhielt, die allesamt altertümlich daherkamen, fühlten sich selbstverständlich alle Nichtgenannten diskriminiert. Das Deutsche Institut für Normung hat dafür Städte, die keiner kennt genommen. Jetzt fühlen sich natürlich jetzt alle anderen Städte ausgeschlossen. Mein Vorschlag zur Güte: Eine Buchstabiertafel, die alle ausschließt und beleidigt. Ich denke, da die Buchstabiertafel vor allem in Berufs- und Verwaltungsangelegenheiten genutzt wird, sollte ich das Problem damit gelöst haben.

A – Arschloch

B – Backpfeiffengesicht

C – Chauvinist

D – Doofie

E – Ekel

F – Fettsack

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Drei Thesen zur aktuellen Corona-Situation

Da sich unter meinen Bekannten einige befinden, die sich nicht impfen lassen wollen, und es in meinem “Facebook-Freundeskreis” doch etliche nach “Normalität” verlangt, was manche gar dazu treibt, noch mehr Lockerungen zu fordern und die Abkehr von den Inzidenzen als Richtwert zu begrüßen, hier 3 Thesen zur aktuellen Corona-Situation. Die Begründung findet sich dann darunter.
1. Wer sich ohne Not nicht impfen lässt, handelt irrational, unsolidarisch, letztlich asozial.
2. Wer die steigende Inzidenz ignoriert, Schutzmaßnahmen aufhebt, Schulen voller ungeimpfter Kinder und Jugendlicher ohne Belüftungsanlagen in den Vollbetrieb schickt und so gleichzeitig wieder für überfüllte Busse und Bahnen sorgt, agiert irrational, verantwortungslos, ja gemeingefährlich.
3. Wer am Patentschutz für lebenswichtige (mit staatlichen Fördergeldern entwickelte) Impfstoffe festhält und so eine zügigere Durchimpfung der Weltbevölkerung verhindert, handelt im Sinne der Profitmaximierung rational, jedoch nicht vernünftig, sondern völlig verantwortungslos und ebenfalls gemeingefährlich.


Warum das so ist, kann heute jeder wissen:
Lassen wir zu, dass die Inzidenzen wieder steigen und das Virus in großem Umfang weiterhin in der Gesellschaft präsent ist, werden sich umso schneller impfresistente Mutationen bilden. Geschieht dies, wird es wiederum viele Monate dauern, bis mit einem neuen Impfstoff vergleichbar viele Menschen geschützt werden können und es wird erneut ein Massensterben geben. Mit diesem Virus einfach zu leben, das heißt seine Ausbreitung zu akzeptieren und zur “Normalität” zurückzukehren, wie es Neoliberale und andere verwirrte Egomanen gern immer wieder vorschlagen, ist nicht möglich, weil man es mehrfach bekommen kann, es sehr schnell mutiert, es sich auch in Geimpften breitmachen kann (je älter, desto leichter) und es nicht nur Millionen tötet, sondern noch weit mehr Menschen dauerhaft krank macht, ihr Leben ruiniert und sie, nebenbei bemerkt, auch arbeitsunfähig werden lässt. Es muss also (auch global!) eingedämmt werden, was wiederum 2 Prioritäten nach sich zieht, ungeachtet aller anderen Probleme (Depressionen, Online-Unterricht etc.). Erstens muss die (Welt)Bevölkerung weitestgehend durchgeimpft werden und zweitens muss die Inzidenz dabei möglichst niedrig gehalten werden (s. a. den Artikel des MDR).
Diese Kausalität ist leicht zu begreifen. Wer sie ignoriert, weil er u. a. um jeden Preis eine ohnehin schon asoziale (und noch umweltschädlichere) kapitalistische “Normalität” wiederherstellen will, sagt damit eigentlich nur: “Millionen Tote, dann auch noch jüngeren Alters, das mittelfristige vorzeitige Verrecken aller Graumützen und irgendwie Geschwächten oder Pechvögel, das furchtbar eingeschränkte Leben vieler Long-Covid-Patienten und -innen, das Leiden der Angehörigen, all das kümmert mich nicht.” Denn: Impfbescheinigungen und Tests lösen das Problem der Verbreitung keineswegs. Ein Mensch ist bis zu 4 Tage infektiös, bis der Test überhaupt reagiert. Auch Geimpfte werden teilweise krank oder tragen das Virus zumindest weiter. Also:
Lieber noch 6 Monate keine Festivals, richtigen Konzerte, Discos, Präsenzunterricht in voller Klassenstärke etc. als noch einmal zigtausend Tote und 3 bis 4 mal mehr Langzeitkranke allein in diesem Land. Und gerne eine Impflicht. Es ist leider nicht mehr euer gutes Recht über euren Scheiß-Körper zu bestimmen, wenn ihr damit so viel Leid verursachen und eine Pandemie am Laufen halten könnt.
Hinweise aus Wissenschaft und Medizin:
“Wenn sich tatsächlich ein derart großer Teil der Bevölkerung nicht impfen lassen würde, könnte das zu einer schwierigen Situation führen, warnen Expertinnen und Experten. Denn eine Umgebung, in der die eine Hälfte der Population immunisiert ist und die andere nicht, könnte in ihren Augen weitere problematische Mutationen des SARS-CoV-2-Virus begünstigen. Und tatsächlich wäre das auch im Forschungslabor genau die Umgebung, die man schaffen würde, um ein Virus zum Mutieren zu bewegen. (…) Der wesentliche Faktor hier sei, wie viel Virus zirkuliere, erläutert der Spezialist für Virus-Evolution Richard Neher von der Universität Basel. `Wir sollten die aktuell niedrige Inzidenz nutzen, um so viele Menschen wie möglich zu impfen.´”

Gefangen in der BRD

Meine am häufigsten gehörten deutschsprachigen Platten

Versuchsaufbau: Welche Platten hast du am häufigsten gehört? Und warum eigentlich und wie haben sie dich beeinflusst? Schummeln ist dabei strengstens untersagt. Du hübschst deine Biografie nicht nachträglich auf und behauptest, dass du mit 9 schon Kraftwerk entdeckt und mit 13 bereits hinter dir gelassen hast. Leichen im Keller werden nicht verschwiegen und dass du irgendwann mal falsch abgebogen bist, sollte dir nicht peinlich sein. Berücksichtige bei deiner Auswahl den sinkenden Hörintensitäts-Level einzelner Platten, der mit dem Anwachsen deiner Plattensammlung zusammenhängt. Versuche möglichst chronologisch vorzugehen.

Hui Buh das Schloßgespenst

“Natürlich bin ich ein Gespenst, mit einer rostigen Rasselkette …” Laut meiner Mami nach der Rückkehr aus dem Kindergarten täglich mehrfach aufgelegt, was sie fast in den Wahnsinn trieb. Vermutlich hat sich die sonore Stimme von Hans Paetsch in die Gehirne von Millionen Kindern, die in den 60ern und 70ern in die Welt gekommen sind, gefräst. Und vermutlich verschaffte mir die hundertfach gehörte Geschichte von Hui Buh Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit. Fast sicher ist, dass dies die Platte ist, die ich am häufigsten gehört habe.

Gesehen, als es passiert ist? Entfällt.

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Wohin mit dem Gefühl?

Pogendroblem im FZW

Mein erstes Livekonzert mit Zuschauern seit Monaten! In einer Halle! Ich spüre etwas, was ich schon lange nicht mehr gespürt habe: Ein Hochgefühl freudigster Erwartung. Freund Swen kommt auch mit, eine gute Gelegenheit unsere zahlreichen Meinungsverschiedenheiten ausgiebigst auf der Hinfahrt zu verhandeln. Eine Triggervokabel, wie “Identitätspolitik” reicht vollkommen für den gemeinsamen Wortschwall aus. Herrlich! Für uns jedenfalls. Weitere Mitfahrer hätten die Walldorf & Stadler – Nummer vielleicht eher befremdlich gefunden.

Das Setting vor Ort im FZW weckt dann das Trotzköpfchen in mir. Die zwei Wochen Wartezeit nach der zweiten Impfung habe ich um 3 Tage gerissen, was dem aufmerksamen Mann am Eingang bei der Impfpasskontrolle nicht verborgen bleibt. Mein Fehler, aber ich kann vor Ort direkt einen Schnelltest machen und komme so halt 20 Minuten später rein. Ein Fragebogen zur Rückverfolgbarkeit ist mit der Eintrittskarte abzugeben. Die bekannte Adresse-Telefonnummer-E-Mail-Routine. Reingehen dann bitte rechts, um zu den fest vergebenen Sitzpätzen geführt zu werden. Hinsetzen. Stehen ist möglich, aber bitte kein zu großer Abstand zum Stuhl, sonst kommt ein  Aufpasser und es gibt eine Rüge. Beim Bierholen bitte immer von rechts die Theke ansteuern und nach links den Thekenbereich verlassen. Freund Swen versucht es an der menschenleeren Theke von links und bleibt so leider ohne Getränk. Zwischendurchermahnungen wegen “wenn weg vom Stuhl, dann Maske” sind obligatorisch. Rausgehen zum Rauchen bitte wieder rechts. Ein- und Ausgang auf keinen Fall verwechseln.

Keine Frage, ich bin ein 100-%-Pro-Corona-Maßnahmen-Team-Merkel-Lauterbach-Drosten-Schlafschaf, ich bin ja nicht blöd und natürlich sagt mir mein Verstand, dass das alles so richtig und wichtig ist, wie es gerade halt laufen muss und ja, ja, die Security macht nur ihren Job, trotzdem steigt im Laufe des Abends mein Aggressionspegel ob des Sackes voller Regeln bedenklich.

Denn, hier sind wir Genesenen, Getesteten und Geimpften versammelt, um Punkrock zu hören und wir werden gegängelt und gleichzeitig findet das Super-Spreader-Event namens Europameisterschaft statt, wo all diese Regeln keine Rolle zu spielen scheinen. Warum macht man mein Spielfeld kaputt, während sich woanders 20.000 Leute versammeln dürfen, die auf die Regeln scheißen? Ich fühle mich extremst ungerecht behandelt.

Und dann sind Pogendroblem auch noch besser als je zuvor und machen trotz der beschissenen Umstände großen Spaß und ich würde gerne Swen, Matt und Vasco schubsen, darf aber nicht. Beim nächsten Mal will ich Schwimmnudeln, die ich den Nachbarn unter Wahrung des Mindestabstandes vor Begeisterung über den Schädel ziehen kann. Und besorgt unkaputtbare, federleichte Plastikstühle, die ich im Überschwang werfen kann. Von mir aus stelle ich sie danach auch unter Aufsicht artig wieder auf.

Natürlich Dank & Respekt an das FZW. Ich weiß ja, dass die die Regeln nicht machen. Nächstes Mal bringe ich eine Schwimmnudel mit. Okay?

 

 

 

 

 

Einkaufen bei Primus: Zombie-Apokalypse in den 80ern

Mein Stiefvater war ein Mann mit unerschütterlichen Ritualen und Einstellungen. Als Feuerwehrbeamter hatte man die CDU zu wählen und das Mittagessen sollte um pünktlich 12.00 Uhr serviert werden. Als Mann hatte er natürlich das Grundrecht, von meiner Mutter zu Hause bedient zu werden, wofür er im Gegenzug als Alleinverdiener die beengte 3 Zimmer Wohnung für die vierköpfige Familie und die Zigaretten für das Ehepaar, eine Schachtel HB für ihn und für Mama Ernte 23, finanzierte. Aber selbstverständlich war auch er bereit dazu, sein Privileg als Autofahrer für die Familie gewinnbringend einzubringen. Dazu gehörte es, wenn es der Schichtdienst zuließ, einmal die Woche zum Einkaufsparadies Primus zu fahren.

Duisburg Großenbaum war zu diesem Zeitpunkt noch Dorf ohne ausufernde Industriegebiete und Autobahnanschluss an die A59. Ein kleiner Lebensmittelmarkt lag direkt an der Haustür am Reiserweg, die Bild wurde am Büdchen erworben und es gab exakt einen Old-School-Aldi ohne Lametta… und eben diesen riesigen Primus am Ende der Welt zwischen Minigolf-Platz, Rahmer Baggerloch und Großenbaumer See gelegen.

Wir legten die 950 Meter standesgemäß im Familienfahrzeug, einem gelben Ford Taunus zurück. Zeit genug für eine schnelle Zigarette, die üblicherweise bei geschlossenem Fenster konsumiert. wurde. Ihr wisst schon: Das hat uns nicht getötet!

Auf dem riesigen Areal gab es auch eine Tankstelle,  die de Sprit immer gut 2-5 Pfennig billiger anbot. Ein Wert, den mein Vater schätzte, und der überhaupt gerne Gesprächsthema war. Der interessante Teil des Marktes war der im Erdgeschoss. Dort gab es neben allerlei Kleidung eben auch eine Spielzeug-, Hifi- und Plattenabteilung. AC/DC und  Pink Floyd gehörten zu den Schätzen der großen Welt, die ich dort Abgriff und mein Bruder ergatterte dort Mike Oldfield  und Styx, wenn ich mich recht erinnere.  20 Mark Taschengeld pro Monat mussten gut investiert werden. Häufig kauften wir darum auch Leerkassetten, um uns gegenseitig unsere Schätze aufzunehmen. Sich die Platte einfach auszuleihen, weil man auf 10 Quadratmetern  eh zusammenhockte, war  natürlich  tabu!

Meine Eltern hingegen kauften Fleisch an einer riesigen Fleischertheke. Auch das war übrigens ein Wert in unserer Familie.Wenn die Laune gut war, wurde dort ein Fleischwurstring gekauft, von dem mein Bruder und ich jeweils ein riesiges Stück zum Rohverzehr bekamen. Ansonsten gab es die Tüte Mr. Softy Milch, die an der A59 stand in klein.  In dem angeschlossenen Getränkemarkt gab es einen Kasten Brohler mit Orangengeschmack und für Papa eine Kiste Diebels Alt.

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The big Four: Der große Fanzine-Vergleich: Ox#156, Plastic Bomb #115, Trust #208 und ZAP #156

Vor Kurzem stellte ich mir in meiner Facebook-Blase die Frage, welches der Hefte ich zunächst besprechen sollte. Ziemlich schnell kristallisierte sich heraus, dass es wohl alle zusammen werden würden. Lange Texte sind ja gerade im Internet en vogue.

Und natürlich eignen sich alle vier Hefte ja auch für Totalverisse, was tatsächlich in den Fingern juckt.

„Ich fände eine Sammelbesprechung gut. Kategorien: Die langweiligste Kolumne. Die dümmste Kolumne. Das langweiligste Interview. Die flachste Tonträger-Besprechung. Die offensichtlichste Vetternwirtschaft … die Wucht deiner Besprechung wird anschließend in FB-Entfreundungen gemessen. “ (Schippy auf Facebook)

 

Das Feld scheint ja auch total abgesteckt zu sein. Irgendwie ist klar, wer wofür steht.

 

„Kommt drauf an was du suchst. Information: dann OX, Weisheiten von früher: dann ZAP, Spaß und Lebensfreude: dann Plastic Bomb. “ (Micha Will auf Facebook)

 

 

So sind ziemlich viele Reviews fast schon automatisiert geschrieben. Die Fülle der Informationen beim Ox können zu einem „Für jeden etwas dabei“-Review Resümee führen (siehe unten), wenn man es sich mit Buddy Joachim Hiller nicht verscherzen will oder zu einem „Zu wenig Frauen werden in diesem weißen CIS-Mann-Heft gefördert und außerdem wurde Binchen von Black Square nicht als Sängerin der gleichnamigen Band vorgestellt“-Verriss führen, wenn frau große Kämpfe für die unglaublichen Benachteiligungen von FLINTA* im Punk führt. Der wird nämlich in der Punkrock-Fachzeitschrift for all gender geführt. Hier wird der wohlgesonnene Rezensent festhalten, dass sich die Zahl der alten weißen CIS-Männer glücklicherweise deutlich reduziert hat und durch Frauen substituiert wurde, was wohl mal ein tolles Zeichen ist und dafür Herzchen in der #punktoo-Gruppe ernten. Wer keine Angst vorm

Manchmal sind E-Mail-Interviews doch besser!

Canceln hat, wird hingegen feststellen, dass die Interviews teilweise unlesbar sind. Dafür mag das Dachlawine-Interview herhalten, das sowohl Interviewer*in als auch Interviewer*inte überfordert. Auch mag man feststellen, dass der relative Frauenanteil auf 48 Seiten zwar hoch ist, aber die produzierte Textmenge von Frauen auf 164 Seiten Ox vermutlich die deutlich höhere ist.

Vier Konzerte und ein Schmähgesang – 3 Tage Moers Festival

Wach bleiben

Mein Abschied von Livegigs fand im Februar 2020 statt. Es war ein würdiger Abschied, denn ich sah PISSE im Gebäude 9. Danach war Sendepause. Es ist dann gar nicht so einfach nach fast 15monatiger unfreiwilliger Abstinenz gleich mit einem ganzen Festival in die Welt der Livekonzerte zurückzukehren. Diese Welt ist nicht mehr so, wie sie vor der Pandemie einmal war. Ein ganzer Sack voller Regeln ist zu beachten und fehlende Praxis führt zu Konditionsprobleme. Gleich vier Tage am Stück nach Mitternacht noch auf den Beinen zu sein, ist eine Herausforderung, wenn im Pandemietrott oftmals schon um 9 die Leselampe ausgeknipst wird.

Improvisieren

Es ist eine enorme Leistung, ein solches Festival unter Pandemiebedingungen überhaupt Wirklichkeit werden zu lassen. Sich ständig verändernde Ein- und Ausreisebestimmungen, Inzidenzwerte und Virenmutationen machen eine Planung fast unmöglich. Kurzfristige Absagen, fehlende Einreisegenehmigungen, Quarantäneregelungen, ständige Kontakte zu Gesundheitsbehörden, der Lokal-, Landes- und Bundespolitik und dem Auswärtigen Amt sind die Rahmenbedingungen unter denen die Festivalmacher*innen vor und noch während des Festivals ihr Programm organisieren. BLACK COUNTRY, NEW ROAD aus London zum Beispiel sagen ihren Auftritt kurzfristig ab, weil ihr Erscheinen in Moers eine anschließende 14tägige Quarantäne für die Band nach sich gezogen hätte. Tim Isfort, der künstlerische Leiter des Moers Festival berichtet in der Pressekonferenz von dem ursprünglichen Plan 2021 einen künstlerischen Schwerpunkt auf den Kongo, Uganda und Äthiopien zu legen. Das ist unter den jeztigen Bedingungen nicht möglich. Das Vorhaben wird nun vielleicht 2022 umgesetzt.

 

Mein Kippe-Pulle-Maske-Problem in Moers

Wie macht man ein Festival mitten in einer Pandemie?

Das Moers Festival Team muss ein paar fähige Jurist*innen in seinen Reihen haben, denn trotz Lockdown werden Open-Air-Konzerte mit Zuschauern in einem Festivalrahmen möglich gemacht. Dabei sind Festivals grundsätzlich gar nicht erlaubt. “Juristische Feinheiten, Verordnungslücken, Tricks” raunt mir ein Insider ob meiner schwer investigativen Fragen zu diesem gelungen Coup nicht ohne Stolz zu. Mir reicht das völlig als Information, denn ich bin nicht Bob Woodward sondern nur ein mäßig ambitionierter Neu-Blogger mit Hang zur Gästelistenerschleichung. Wir freuen uns einfach gemeinsam, dass der Coup gelungen ist.

Der Schnelltest

Am Anfang steht ein QR-Code und ein Smartphone und damit wäre die skurille Minderheit der Nicht-Smartphonebesitzer*innen an dieser Stelle auch schon raus. Tschüss und viel Spaß mit eurem Videorecorder daheim.  Wir modernen Menschen scannen den QR-Code, geben unsere persönlichen Daten in ein Online-Formular ein und betreten das Schnelltestzelt. Die Wartezeit bis zum Testergebnis verbringen wir mit der Installation einer App, um das Testergebnis online abzurufen. Ein paar persönliche Daten, ein Passwort und ein zusätzliches “Superpasswort” später ist das Testergebnis auch schon da. Glücklicherweise negativ und wir bekommen dafür zwei Bändchen für den ersten und zweiten Festivaltag, die uns als negativ getestete Personen mit Zugangsberechtigung ausweisen. Am dritten Tag wird ein weiterer Test fällig. Für den eigentlichen Zutritt zum Ort des Geschehens ist dann ein weiteres Bändchen erforderlich. “Guck mal, mein Wolfgang-Petry-Arm” ist hier der naheliegende Witz. Ein Impfausweis mit zwei gültigen Impfungen tut es natürlich auch, aber nur wenige Imfplinge können den bereits vorweisen und drei Bändchen gibt es trotzdem.

 

Sahra Wagenknecht – Die Selbstgerechten (Teil 2)

Während ich im ersten Teil von Frau Wagenknechts Buch noch weitestgehend die Aufregung nicht nachvollziehen konnte, weil ihre Analysen der Probleme zutreffend waren, geht es im zweiten um ihren Ansatz Probleme zu lösen. Vorweg gesagt, es gibt hier einige Stolpersteine, die mich an ihrer Problemlösekompetenz zweifeln lassen.

Zunächst einmal beschreibt sie die Notwendigkeit eines Grundvertrauens der Bevölkerung, das durch das Zugehörigkeitsgefühl entsteht. Je größer dieses ist, desto eher besteht die Bereitschaft, sich dafür einzusetzen. So wird die Infrastruktur eher gepflegt und man ist bereit, nach dem Prinzip des reziproken Altruismus zu handeln, also erst einmal Gutes zu tun, ohne dafür eine direkte Gegenleistung zu erwarten. 

Gemeingüter können so erhalten werden und werden nicht ausgeplündert, weil jeder das Vertrauen darauf besitzt, dass er nicht raffen muss. Sofort ploppt bei mir das Bild der vollen Einkaufswagen und leeren Klopapierregale vom Beginn der Corona-Pandemie  auf. Dieses Grundvertrauen herrscht also in Deutschland nicht. Dies liegt laut Frau Wagenknecht an der Heterogenität in unseren Breitengraden, die   dem Wir-Gefühl entgegenstehen. Gemeingüter sind zum Verfallen verurteilt und die Antwort des Marktes ist die Privatisierung. So hängt das Wohlergehen von der Macht der unsichtbaren Hand des Marktes ab. Sozialstaaten werden also aufgelöst, wenn das Gemeinschaftsgefühl fehlt.

Wie dann rassistische Ressentiments geschürt werden, um neoliberalem Denken Vorschub zu leisten, belegt sie an der Legende der „Welfare Queen“ in den 50er-Jahren der USA. Damit wurden Alleinerziehende dunkelhäutige Frauen gemeint, die von Sozialhilfe lebten. Diese Form von Rassismus sorgte dafür, dass selbst Mittelschichtler, die von einem besseren Sozialstaat profitiert hätten, gegen den Sozialstaat stimmten.

Zunächst einmal scheinen wir solche Art von Agitation kennen, denn AfD und andere rechte neoliberale Kreise schüren ja ähnlich Ängste, um Zuspruch zu bekommen. Jetzt macht Frau Wagenknecht aber einen Move, der für mich gänzlich unverständlich ist. 

 

Das nicht veröffentlichte Vorwort aus Plastic Bomb 115

Ein Gift schleicht sich in die Punkszene ein, ein Gift, das gerne Gespenst wäre, aber mit dem Kommunismus nur gemein hat, sich des Mittels der Identitätspolitik zu bedienen. Aber im Gegensatz zum Kollektiv des Arbeiters, das Marx dem der Unterdrücker entgegen setzte, findet Identitätspolitik heute als Verabsolutierung von Partikularinteressen und Gefühlen statt. Dass diese Interessengruppen vorzugsweise gebildet wurden, weil sie auf erfahrenen Diskriminierungen zurückgreifen, ist einerseits moralische Legitimation und somit Waffe gegen jegliche Kritik sowie andererseits der große Geburtsfehler, denn häufig sind es rassistische, misogyne und homophobe  Zuschreibungen, die diese Gruppen definieren.

Moralisch bewegt sich derjenige auf dünnen Eis, der sich hiergegen wehrt. Denn wer wir dem Diskriminierten das Recht absprechen wollen, dass er sein Unrecht thematisiert? Und wer wird nicht zustimmen und unterstützen wollen, wenn es darum geht Unrecht und Diskriminierung zu bekämpfen? In diesem Sinn war es bisher großer Konsens in der Punkszene, sich für die Rechte von Minderheiten einzusetzen und ich glaube / hoffe, dass dies immer noch so ist.

Allerdings funktioniert die Zustimmung nur noch in einem Abnicken, gerade dann, wenn man selber zur Gruppe der weißen CIS-Männer gehört. Diese, von der selbstgerechten Linken so definierte,  Gruppe, gehört nämlich zu den Bösen, wenn sie sich nicht der Katharsis hingibt und für jegliches Unrecht büßt, was der Gruppe der Unterdrückten, den selbsternannten FLINTA-Personen, geschieht.

Die Karthasis besteht darin, die Fresse zu halten (alles andere ist im besten Fall Mansplaining) und alles dafür zu tun, dass künftig FLINTA-Personen sichtbar werden. Reden darüber darf man nur in wohlfeil gewählten Worten in perfekt gegendeter Sprache. Natürlich muss ich mir dabei der ganzen Privilegien bewusst sein, die ich als CIS-Mann hatte. Das Narrativ, das ich dazu beten darf, ist schnell erzählt. Als weiß geborenes männliches Kind in Essen Kray war ich qua Geburt auf der Siegerstraße und diesen Weg schlug ich im Leben auch in der Punkszene ein. Dabei habe ich Queere, POC und Frauen links liegen lassen und mich daran beteiligt, mich sichtbar auf Kosten der genannten Gruppe zu machen und tue dies heute noch. Und durch dieses Tun bin ich gerade erst Legitimation für die Aktivisit:innen.