Misanthropie zum Sonntag: Warum es keine Hoffnung gibt

„So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Leere und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab.“

Arthur Schopenhauer

Gibt es Anlass zur Hoffnung? Mich beschleicht das Gefühl: Nein!
Geschichte als voranschreitender Prozess des Fortschritts scheitert an ihren Protagonisten: den Menschen.
Es gibt kaum ein Feld, auf dem die Lügen und der Glaube an die Vernunft und der daraus resultierenden Moral nicht ad absurdum geführt werden.Über allem thront natürlich der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, der selbst die letzten Illusionen von der besseren Welt von der Landkarte fegt. Ein Krieg, der logische Konsequenz davon ist, wenn kapitalistische Marktlogik Autokraten mit genügend Geld versorgt, um ihren Rüstungs- und Propaganda-Apparat unter den Augen der Weltöffentlichkeit aufzurüsten. Da sind all die Russen, die nicht aufbegehren, weil sie lieber der Lügenpropaganda des russischen Regimes glauben, in deren alternativen Version der Wirklichkeit, die Ukraine von einer korrupten faschistischen Elite befreit werden müsse. Die Selbstvergewisserung im Kreise gleich Agierender zu verlassen wäre doch töricht im Angesicht erheblicher persönlicher Konsequenzen. Menschen wie Marina Owsjannikowa gibt es kaum in Russland, sonst wäre der Spuk Putin schneller zu Ende. Aber es gibt sie auch kaum in der Welt. Und die erschreckende Wahrheit über mich selbst und meine Blödheit ist, dass ich auch erst später auf diesen Zug aufspringen würde. Wenn auch der Zweifel nagen würde, ich wäre kaum mutiger als die russische Bevölkerung. Insgeheim hege ich die Hoffnung, dass es in Russland der Markt schon machen wird und die Sanktionen den Leidensdruck dort so erhöhen, dass die falsche Wirklichkeit dort so oft in Frage gestellt wird, bis das Fass überläuft und der Widerstand zum Umsturz führt.


Wohlweislich heize ich derweil mit Erdgas die Wohnung und fahre mit fossilem Brennstoff spazieren. Das tue ich seit mittlerweile über 30 Jahren in verschiedenen Kontexten und bin mir der Problematik seit 25 Jahren ungefähr bewusst. Dabei speist sich meine Wirklichkeit daraus, dass ich ja im Kleinen meinen Beitrag leiste: Gebäudedämmung, Solaranlage auf dem Balkon, häufiges Radfahren und als LPG-Tanker etwas „umweltfreundlicher“ unterwegs als der Schnitt. Damit befinde ich mich innerhalb meiner kritischen Blase in bester Gesellschaft. Das Unbehagen meiner Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen blende ich regelmäßig aus. Dabei sind die Lieferanten in keinem Fall mit meinem Weltbild vereinbar. Glaube ich tatsächlich an Wandel durch Handel?
Der Einzelne ist halt machtlos, so flüchte ich mich in Floskeln und betreibe meinen Ablasshandel mit kleinen Spenden an Greenpeace und den BUND sowie Campact-Onlinepetitionen weiter und warte auf den rettenden Leviathan. Nur kommt der nicht. Die Welt wird sich nicht ändern, weil wir uns nicht ändern können. Wir werden das Gas und Öl erst abdrehen, wenn nichts mehr geht. Wie es dann aussieht? Keine Ahnung, aber es wird schon irgendwie weitergehen.
Die Wahrheit ist doch, dass eine Änderung Wohlstandsverlust für uns alle bedeutet. Nahezu alles, was in unserem Wegwerf-Leben wert hat, ist auf Konsum und neoliberalem Wachstumsstreben aufgebaut. Aber in unserer westlichen Wirklichkeit sind wir bereit, jede andere Erzählung zu glauben. Und hilft das Bewusstsein darüber, dass man bereit wäre, würde nur ein Erlöser voranschreiten und uns alle hinausführen?
Da sind noch all die Anderen, die gar keinen Erlöser wollen. Da ist der Querdenker, der jeden Samstag im Fitnessstudio rumkrakelt, dass Olaf Scholz ins Gefängnis gehöre und Lauterbach völlig unqualifiziert für den Posten des Gesundheitsministers wäre, während alles betreten zur Seite guckt. Seine Verlautbarungen zum Thema Krieg erspare ich dem Leser hier lieber. Da sind all die Eltern meiner Schüler, die denken, es wäre eine gute Idee, ihre Kinder nächtelang zocken zu lassen und sie ohne Frühstück in die Schule zu schicken. All die Leute, für die ein Nutriscore auf Lebensmittel gedruckt wird, damit sie wissen, dass Chips fett machen. Oder diejenigen, denen die Warnhinweise auf Zigarettenpackungen gedruckt werden und die sich über die Impfnebenwirkungen sorgen. Was soll man mit denen machen, die sich über 2 Euro Spritpreis aufregen und ihre Kinder mit dem Panzer zur Schule fahren, weil sie das als Sorgepflicht verstehen. Was soll man mit jenen anfangen, die nichtmal mit Hilfe der Autokorrektur lesbare Nachrichten schreiben können, geschweige denn einen Fließtext lesen können? Die Mehrheit unserer Bevölkerung liest keine Zeitung mehr und kriegt Kopfschmerzen, wenn öffentlich-rechtliche Medien aufklären. Wie blöd muss man sein, wenn man keine Maske in geschlossenen Räumen mit unbekannten anderen Menschen mehr trägt, weil es keine Pflicht mehr dazu gibt, wenn die Inzidenzen derart hoch wie momentan sind. Die vielbeschworene Mehrheit ist doch viel zu dumm, um ihnen den Hauch von Freiheit zu geben. Die Kompetenzorientierung der Schulen höhlt seit den 90er Jahren jeden Ansatz von klugen Gedanken aus. Hat man vor 15 Jahren Idiocracy noch für eine Komödie gehalten, so muss man sie für weite Teile der Gesellschaft als selbsterfüllte dystopische Prophezeiung sehen.
Wenn ich in der letzten ZEIT lese, dass es eine Politik braucht, die die Menschen auf eine Zeit des Verlustes und der Entbehrung ehrlich einstellt, um den Umbau in eine nachhaltige postkapitalistische Gesellschaft einzustellen, anstatt mit einem „Irgendwie-immer-weiter-so“ in weitere Katastrophen zu stürzen, dann nicke ich bereitwillig. Im Supermarkt sehe ich dann die leeren Mehl- und Ölregale und weiß, dass ich es mir von der Backe schmieren kann. Wenn in irgendeiner Telegram-Gruppe steht, dass jetzt Prepperzeit ist, dann wird gepreppert. Oder kaufen die das alles, um damit Flüchtenden aus der Ukraine zu helfen? Wohl kaum: Alle gegen alle schlägt alle für alle.
Die Zusammenhänge für Lösungen sind so dermaßen Komplex und leider auch nicht so modellierbar, dass alle Unabwägbarkeiten absehbar sind und alles zur Rettung dieser Welt nötige auch teilweise gehörig schief gehen kann, dass es nie Mehrheiten geben wird. Wenn ich schon lese, dass der Versuch einer autarken Versorgung in der EU daran scheiten wird, dass Schlüsselindustrien wie die Autoindustrie dann in die Knie gehen, kotze ich. Natürlich hängt der scheiß Wohlstand an den täglich produzierten und konsumierten Müllbergen aus Blech, aber ist das nicht eine gute Gelegenheit, endlich Mobilität anders zu denken? Kurzfristiger Einbruch der Wirtschaft um 20% sind eine größere Katastrophe als nachhaltige Zerstörungen der Lebensgrundlagen. Hm, klar! Lieber weiter machen und das Öl und Gas in zwei Jahren wieder von Russland kaufen, wenn man eine von Russland gestaltete „neutrale“ Ukraine akzeptiert hat. Solange suhlen wir uns in unserer Hilfsbereitschaft, wenn wir die Klamotten, die sonst in den Altkleidercontainer kämen, spenden. Wie lange wird es übrigens dieses Mal dauern, bis unsere Hilfsbereitschaft ins Gegenteil umschlägt? Wenn wir merken, dass nicht alle, die da jetzt kommen, fröhlich für Mindestlohn den Pflegenotstand beheben werden wollen?
Anstatt jetzt die Krisen produktiv zu nutzen, zu helfen, wo wir helfen können und positive Vorbilder zu schaffen, verfallen wir ihn Kriegsrethorik und rüsten kräftig auf. Wir gefallen uns darin, den tapferen Ukrainischen Soldaten zuzujubeln und die russischen Soldaten zu verurteilen. Dabei übersehen wir, dass das auf beiden Seiten nicht alle freiwillig machen. Und ich kann nur von mir sprechen: Ich würde wegrennen und desertieren, wenn ich wirklich töten müsste. Aber hätte ich wirklich die Wahl?
Der einzelne Mensch mag zwar gut sein wollen, aber in jeglichem gehäuften Vorkommen, ob nun in autokratischen oder demokratischen Diktaturen, ist er zu dumm, um es zu sein. Vermeintlicher Eigennutz, Faulheit zum Denken und Handeln sowie seine Angst vor Veränderung und der Verlust des Status quo stehen ihm im Weg.

 

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