Erinnerungen aus der BRD zum Tag der deutschen Einheit
Es ist irgendwann Ende der 80er, Anfang der 90er. Ich habe mich immer geweigert, mir die konkreten Daten des Mauerfalls und der Deutschen Einheit zu merken. Ich habe sie tatsächlich auch innerlich nie vollzogen. Es mag kindisch
sein, aber ich bin 1969 in West-Deutschland geboren und habe das auch immer auf die Briefe geschrieben, die ich von der BRD ins Ausland oder aus dem Urlaub zurückgeschrieben habe.
Da meine Großeltern früh nach der Gründung der BRD aus Sachsen-Anhalt und Thüringen geflohen waren, hätte es eigentlich anders sein sollen. Regelmäßig kam Tante Anna aus Wittenberg zu Besuch zu meinen Großeltern. Eine toughe aber liebenswürdige Frau, die zwar verhärmt wirkte, aber meinem Opa ordentlich kontra gab, wenn der mal wieder gegen die Kommunistenbande drüben zu Felde zog.
Auch Pakete packten wir fleißig mit dem guten Westkaffee und bekamen frisch gebackenen Christstollen aus der Zone zurück.
Das Fahrradfahren habe ich in den letzten Sommerferien vor der Schule von Maik und Rainer gelernt, die den Kopf schüttelten über den ungeschickten Wessi, der aber trotz Blessuren immer wieder aufstieg. So blieb mir die Schande erspart, zur Einschulung nicht auf zwei Rädern unterwegs sein zu können.
Trotzdem hat der Gedanke der Einheit nie eine Rolle gespielt. Das war ein anderes Land und bei aller familiären Nähe waren mir die Menschen dort auch fremd.
Später wurde Typen wie mir natürlich ständig an den Kopf geschmissen, sie sollen doch nach Drüben gehen. Drüben, das war der Ort, wo Andersdenkende mal sehen würden, wie es sich ohne die westdeutschen Errungenschaften so leben würde, unter der Knute der Russen.
Auf Klassenfahrt in Berlin machten wir natürlich auch eine Stippvisite in den Ostteil und kamen uns so vor wie Aliens. Den Zwangsumtausch legte ich in den Schriften von Engels und Karl Marx an, hatte aber noch genügend Geld, mir ordentlich einen hinter die Binde zu gießen und den Schnorrern an der Grenze vor dem Tränenpalast was zu lassen. Den ganzen Tag hatte ich Angst, meinen Reisepass gestohlen zu bekommen und für immer da bleiben zu müssen.
Im Westen war ich dann Antifaschist, oder ich hielt mich dafür, und redete vom Kommunismus, der nur von der Blödheit der Menschen verhindert wurde, weswegen das super okay wäre, wenn es eine Diktatur des Proletariats gäbe. Die wäre ja nur vorübergehend.
Westdeutschland war in dieser Zeit gelähmt von einem Helmut Kohl, dessen geistig-moralische Wende wie ein schwerer schwarzer Vorhang sämtliche Visionen jenseits der spießigen Piefigkeit verdeckte. Man konnte, man mag es sich nicht vorstellen, als Punker Mitmenschen erschrecken oder zur Weißglut bringen. Songtexte wurden verboten und Filme wurden auf den Index für jugendgefährdende Schriften gesetzt. Man konnte mit relativ wenig provozieren, Null-Bock-Mentalität und No Future gehörten dazu. Gleichzeitig erstarkte die DVU, die Deutsche Volksunion, und grub der CDU erstmals den rechten Rand ab. Irgendwann holten sie in Bremen über 6% der Stimmen und begannen auch ziemlich schnell von der Deutschen Einheit zu reden.
Und mit dem Mauerfall, dem walking-dead‘schen Sturm auf Videorekorder und andere Konsumgüter, begann ich mich zu fürchten, dass es mit dem großdeutschen Reich, von dem die Nazis fabulierten, etwas werden könnte.
So beschissen ich die BRD auch fand, schlimmer ging es in
Gedanken
immer.
Die Medien waren voll von Montagsprotesten und ich schaute es mit Befremden. Ich kann mich an keine einzige Demo im Westen für die Deutsche Einheit erinnern. Unter uns jüngeren Menschen war dies unvorstellbar. Zwar fanden wir es gut, dass der Ostblock seinen Schrecken verlor, aber darum gleich eine Einheit? Nein, das ging zu weit. Manchmal hegte ich die Hoffnung, dass man in der DDR aus den Fehlern der Geschichte lernen würde und vielleicht doch eine Parallelwelt zum kapitalistischen Westen entstehen könne. Dass man vielleicht gerne nach Drüben gehen würde.
Naiv? Ja, und? Ich war gerade 18 Jahre alt.
Aber als Helmut Kohl seine letzte Chance witterte, setzte er auf die Deutsche Einheit und versprach den Zonis die blühenden Landschaften, über die wir nur lachen konnten, denn die Stahlindustrie starb, womit der Wohlstand im Ruhrgebiet auch weg war. Massenarbeitslosigkeit stand eher an.
Im Stadion sangen wir, wenn es gegen die Hertha ging, dass wir Berlin der DDR schenken würden. Ich bemalte die Wände in meinem Zimmer mit den Slogans „Baut die Mauer wieder auf!“ und „Nie wieder Deutschland!“. Und der Besuch aus dem Osten, der erstmals zu uns kam, war nicht schockiert, sondern sagte mir, dass man den Einigungsprozess auch befremdlich sah. Ups! Dann kamen die ersten Punkkontakte in der Zone zustande. Geile Typen, echt keine negativen Erfahrungen gemacht, aber Einheit? Nein Danke!
Aber wer fragte schon einen kleinen unzufriedenen dicken Jungen aus dem Westen, der eine Ausbildung bei der Stadtsparkasse Duisburg machen musste und nicht die Eier hatte, seinen Eltern „fuck off!“ entgegenzuschreien. Ich schrieb stattdessen eine Kurzgeschichte von einem Mann aus dem Westen, der alleine mit seinem LKW an die Zonengrenze fährt und mit einer Ladung Mauersteinen beginnt die Mauer eigenhändig wieder aufzubauen. Er bleibt dabei nicht alleine, und aus den helfenden Händen wird eine Massenbewegung.
Es kam anders, wie wir heute wissen. Die DDR wurde geschluckt, Helmut Kohl konnte sich weitere acht Jahre austoben, Berlin wurde wieder Hauptstadt. Die Angst vor dem vierten Reich ist immer noch da, aber den Weg dahin hatte ich mir anders vorgestellt.

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