Rage und Bait auf dem Fahrrad: Zucker, Fleisch, Zigaretten, Rente und Benzin

Ich kann mich gut daran erinnern, welche magische Anziehungskraft die Schublade mit den Süßigkeiten auf den kleinen Swen hatte. Heimlich bediente ich mich daran. Wenn dort nichts zu finden war, gab es im Küchenschrank Nutella oder Kaba-Pulver, das ich mit Löffeln in mich reinschob. Vom Taschengeld kaufte ich mir später Vitraletten, weil die ja sicher gesund waren, mit dem ganzen Obst auf der Schachtel. Am liebsten war ich bei Onkel Ulrich und Tante Renate zu besuch, weil es dort immer die ganz feinen Süßigkeiten Mon Cheri, Ferrero Roche etc. zum Naschen gab. Mein Belohnungssystem wurde früh auf extrinsische Motiviation getrimmt. Zum Essen gab es dreimal am Tag irgendwas mit Fleisch. Salami zum Frühstück, Kotelett zum Mittag und abends lecker Fleischsalat. Zigaretten wurden bei uns zu Hause permanent gequalmt. Bei Tisch, im Auto, beim Besuch bei nichtrauchenden Verwandten. Meine erste habe ich mit Freunden auf der Straße gepafft, da war ich sechs Jahre alt. Regelmäßig habe ich mit zwölf angefangen, ab 14 mit der Duldung meiner Eltern. Die Kippen habe ich aus den überallrumliegenden Schachteln meiner Eltern geklaut oder am Automaten für 3 DM gezogen. Natürlich habe ich auch gedreht, Samson, die blaue oder die beige Sorte, beides hat mir geschmeckt. Ungefähr mit 13 habe ich dann auch mit dem Alkohol angefangen. Sangria von Aldi war so schön süß und die Kassiererin hat nicht nachgefragt. Später Hansa Pils oder Karlsquell. Die Palette mit der Dose für 33 Pfennig. Weil ich nachts nicht schlafen konnte, habe ich in der Oberstufe begonnen, zwei bis drei Flachen abends für die Bettschwere zu trinken. Gerne auch mal Baileys neben dem Bett. Geil der Karamellgeschmack. An Bewegung habe ich selten gedacht. 3 Kilometer zur Schule? Die bin ich zweimal mit dem Fahrrad gefahren und war dann fix und alle. Bin lieber mit dem Bus gefahren, der 20-25 Minuten für die Strecke brauchte. Kein Wunder, dass ich einer von den zwei dicken Jungs in der Klasse war. Heute begegnen mir davon mindestens 10 pro Klasse. Denen sieht man schon an, wie kaputt sie sind.

Mit 18 machte ich den Führerschein und fuhr natürlich sofort Auto. Um das zu finanzieren, arbeitete ich sozialversicherungspflichtig neben der Schule im Briefverteilzentrum Asterlagen. Jeden Abend in der Woche von 18 bis 22 Uhr und in den Ferien Vollzeit im Schichtdienst. Seitdem habe ich entweder in abhängigen Lohnverhältnissen oder über die Künstlersozialkasse bis zu meinem 45. Lebensjahr in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt. Danach habe ich den Jackpot gezogen und bin auf den letzten Meter verbeamtet worden. Voraussichtlicher Ruhestand dann mit 67 1/2. Bekomme also aus jedem System Altersbezüge. Zusammen kann ich nicht meckern.

Dass ich überhaupt so alt werden kann, ist dabei vermutlich das Wunder. Ich habe meine ersten Kariesplomben mit 10 bekommen und bis ich dreißig war, schon reichlich Kronen im Maul. Teurer Spaß! Ab 17 musste ich meine ersten Blutdrucktabletten nehmen und Kortisonsalben für die Exeme auf der Haut. Auch meine Schilddrüse lief nicht mehr so, wie sie sollte. Regelmäßig besuchte ich nicht nur meine Ärzte, die mich mit reichlich Medizin eindeckten, sondern blieb dem Dönermann um die Ecke treu, aß Pizza aus der Tiefkühle und was es sonst noch so an Fertigplörre gab. Süßigkeiten liebte ich weiter. Da ich ja mittlerweile auch noch gerne kiffte, um schlafen zu können, wurde abends auch gerne mal eine Eisbombe mit 2l Vanilleeis gekillt. Fressflash!!!

Kaum zu glauben, aber mit 28-29 Jahren sah es so aus, als ob das nicht mehr lange gut gehen würde. Ich hatte ziemlich viel gemacht und zu mir genommen, damit es mir gut geht, nur war das alles scheiße und bewirkte genau das Gegenteil.

Sport und der Verzicht auf Alkohol und Zigaretten waren maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich heute hier sitzen kann und diese Zeilen schreibe. Beim Lungenröntgen fünf Jahre nach dem Aufhören fragte der Arzt noch, ob ich ein starker Raucher sei, was mir einen Tiefschlag versetzte. 10 Jahre später hatten es die Selbstreinigungskräfte doch noch geschafft, ein unauffälliges Bild zu schießen. Glück gehabt!

Was noch blieb? Der Bluthochdruck trotz Sport, einer weitestgehend fleischfreien Ernährung. Erklärung: Stress und Veranlagung. Mit reichlich Medikamenten ließ er sich im Schach halten. Dem Alkohol ging ich zwischendurch wieder auf dem Leim, allerdings vergleichsweise moderat. Ärzte fanden das nicht bedenklich. Außerdem konnte ich bei dem Sportprogramm nicht zuviel saufen.

Trotz mindestens 1000 Extrakalorien täglich durch Bewegungsdrang blieb allerdings ein kleines Gewichtsproblem. Immer wieder musste ich Diäten einstreuen, um nicht auseinanderzugehen. Die alte Droge Zucker hatte mich weiter im Griff, denn irgendwie musste ich mich immer belohnen. Es war ja auch zu verführerisch, dass ständig überall Süßkram rumlag. Arbeite mal in einer Schule und kriege nicht ständig irgendwelche süße Scheiße vorgesetzt. Ständig verkaufen die Blagen Waffeln, haben Kollegen Geburtstag oder es liegt auf irgendeinem Tisch im Lehrerzimmer was zu fressen. Heilige Scheiße, wie soll man da vorbeigehen?

Irgendwann vor drei Jahren beginne ich über Zucker nachzudenken. Ich lese von 25g oder 50 g, die am Tag unbedenklich sind, beginne zu lesen, wieviel Zucker in meinem Erdinger Weißbier alkoholfrei ist und wie schnell ich allein schon durch zugesetzten Zucker über den unbedenklichen Konsum raus bin. Und ich lese, dass Zucker für Typ-2-Diabetes, Adipositas (Übergewicht), Fettleber (heute meist MASLD genannt), Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gicht, Zahnkaries und Krebs verantwortlich ist.

Wow, also steht einmal mehr eine Herausforderung an. Und seit über zweieinhalb Jahren versuche ich mindestens unter 50g am Tag zu bleiben. Die Folgen? Mein Blutdruck ist immer noch erhöht, aber die Zahl der Medikamente von vier auf zwei und die Dosis davon ist halbiert. Mein langjähriger Nagelpilz ist fast verschwunden und meine Exeme auf der Haut machen sich nur sehr selten noch bemerkbar. Noch besser ist das geworden, seitdem ich den Alkoholkonsum wieder komplett eingestellt habe.

Und ja, es ist eine stete Herausforderung. Ich träume manchmal noch von einer schönen Zigarette, möchte manchmal den Jackie in mich reinschütten, um die Warme Dusche aus dem Innern zu spüren, möchte all den süßen Versuchungen erliegen, die mich ständig herausfordern. Ich kann alle verstehen, die den Drogen erliegen.

Leichter wäre es, wenn ich nicht immer nein sagen müsste, wenn ich gefragt werden würde. Man will ja auch mal ja sagen. Das sage ich, wenn ich die 20 Kilometer zur Arbeit mit dem Rad fahre. An den Tankstellen vorbei mit dem Preis von 2,20 und höher pro Liter. Wenn ich mich frage, ob alle denn nur scheiße doof sind? Sie jammern darüber, dass die Spritpreise hoch sind, könnten auch mit dem Rad fahren? Sie wären dann gesünder, nicht mehr so fett, wenn sie nicht ständig Zucker in sich reinstopfen würden. Auch ihre permanente Fleischfresserei würde sie nicht so krank sein lassen, von Alkohol und Zigaretten mal ganz abgesehen. Ja, sage ich, wenn ich die Kommentarspalten lese, man muss euch alles verbieten, weil ihr zu doof seid, selbst das richtige zu tun. Und wenn ich eure Jammerei wegen der Rente lese, dann sage ich, dass ihr selten vom Arbeiten kaputt seid, sondern viel öfter von eurem Leben. Und nein, ich möchte nicht für euren Lebensstil bezahlen müssen. Ich leide schon genug unter eurer Schwäche. Steuern für Alkohol, Tabak, Benzin, Fleisch und Zucker können gar nicht hoch genug sein, wenn ihr so blöd seid.

 

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