RICHIES versus LOST LYRICS: Some pet summers never change 

Zur ungefähr gleichen Zeit vor ca. 30 Jahren brachten zwei höchst unterschiedliche Bands Alben auf CD heraus, die gerade eben auf Vinyl wiederveröffentlicht wurden.

Die RICHIES waren zweifelsohne die coolste Band around und die LOST LYRICS waren … na … na, ja, sie waren vielleicht die netteste Band im Land. Dabei verbinde ich mit den LOST LYRICS einen der coolsten Abende überhaupt. Nachdem sie Tom Tonk in den Duisburger Rock Olymp ‚Großenbaumer Bahnhof‘ eingeführt hatte, spielten sie danach in der Duisburger Fabrik einen Gig eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Außer einem launischen Kuwe und mir waren vielleicht zehn andere, nennen wir sie, Interessierte anwesend. Der Abend plätscherte so dahin und der Applaus war mäßig. Dafür gab es reihenweise Schmähungen und schlechte Sprüche für die LOST LYRICS. Die spielten unbeeindruckt John Denvers ‚Leaving on a jet plane‘ vor einer Öffentlichkeit, die offenbar Hass wollte. Und mehr aus hämischer Schadenfreude heraus forderte der bösartige Mob eine Zugabe nach der anderen. Niemand wäre nochmal auf die Bühne gekommen, nur die Wolfhagener ließen sich nicht Lumpen. Allerdings bedachten sie das Publikum nun auch mit Sprüchen, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Es fielen Beleidigungen und Bösartigkeiten, es ging hin und her, aber die LOST LYRICS spielten dabei immer weiter. Und was soll man sagen, die Wirkung war, dass sich die Stimmung drehte, das Publikum immer ausgelassener wurde und sich nach weiteren endlosen Zugaben alle in den Armen lagen und gar glückselig ‚Leaving on a jet plane‘ mitsangen. Kritik an den LOST LYRICS verbietet sich seitdem in Duisburg. Die RICHIES hätten vermutlich ihre Songs in doppelter Geschwindigkeit beendet und wären wortlos gegangen.

Schließlich waren THE RICHIES mit ‚Pet summer‘ endgültig in der ersten Liga angekommen. Dass sie riesen BEACH BOYS-Fans waren, gehört zu den Dingen, für die die Punkszene seinerzeit kaum bereit war. Mit der Nachstellung des Covers der legendären Beach Boys-Scheibe  im Duisburger Streichelzoo setzten sie ein Zeichen. So cool muss man erst mal sein, sowas uncooles zu machen. Dass LAST EXIT MUSIC hier darauf angewiesen waren, das Bild vom CD-Cover einfach großzuziehen, sieht man leider deutlich. Als wir die letzte RICHIES als LP veröffentlichten, machte uns Judith darum ein neues Cover. Beide Entscheidungen haben ihre Fürs und Widers. Auf der einen Seite ist so ein Cover natürlich authentisch, aber es sieht auch aus, wie ein schlecht gemachtes Bootleg. Aber der Hang zur Perfektion ist bei den RICHIES eh schon lange aufgegeben worden. Die Geste zählt!

Das Album selbst besticht durch eine Hitdichte von zwei von drei. Das heißt, auf dem Doppelalbum ist die erste LP gnadenlos großartig: ‚Our little van‘, ‚Surfer Babe‘, ‚Target‘ und ‚She’s my summer girl‘ zum Beispiel. Am Ende gibt es aber auch einige Lückenfüller zu ertragen: ‚Rap’n’Rip‘  oder ‚Surfin with the silverfish‘ zeugen zwar von Humor und Offenheit, aber man muss schon ordentlich hacke sein, um sie zu ertragen.

Als Bonus gibt es die großartige ‚Don’t wanna know if you’re lonely‘-MCD als vierte Seite. Mit den drei Coverversionen von HÜSKER DÜ, LES SHERIFF und BANGLES sowie dem Gastauftritt von NEVRES als Duisburger Elvis zählt die Scheibe wohl zu den meistgespielten Platten auf Duisburger Punkabenden. Das Material ist allesamt komplett und unverändert in das Gatefold und Beiblatt übernommen. Weder Schreibfehler noch Peinlichkeiten werden gekittet. So ist beispielsweise Zejlko Topic auf beiden Thankslisten an erster Stelle. Die Kieler Rotlichtgröße mit Nazisympathien hatte sich in den 90er-Jahren ja mit sehr viel Geld und Kokain in die Punkszene eingekauft… und die meisten (inklusive des Autors dieser Zeilen) haben das erfolgreich verdrängt und sprechen mag da bestimmt keiner gerne von. Aber das ist wohl mal eine andere Geschichte wert, wenn ein Buch über Rock-O-Rama schon so erfolgreich ist, kann sich ja mal jemand an die Geschichte von Zejlko Topic und seiner Band V-Punk machen. Leben tut er wohl nicht mehr.

Aber zurück zur Musik: Die beiden Scheiben aus dem Hause des früheren Labels WE BITE gehören aber mit zu dem Besten, was es in der Deutschen Poppunk-Szene gab und LAST EXIT MUSIC gebührt Dank, dass sie nun für alle Spätgeborenen wieder verfügbar sind. 

Das Debut Album der LOST LYRICS ist in vieler Hinsicht anders aber auch ebenso typisch für den 90er-Aufbruch der deutschen Punkszene. Eigentlich waren viele von uns total nette Nerds, die eher durch Zufall in der Punkszene gelandet sind: so auch Holger, Karsten, Basti und ab diesem Album Stefan von den Swoons. So Typen, die einfach nirgendwo anders eine Chance gehabt hätten, aber alles andere als total destruktiv und ‚punk as fuck‘ waren. Holger erinnerte auch mit seiner Stimme eher an Reinhard Mey als an Johnny Rotten oder GG Allin. Folgerichtig ist auch ihre oben erwähnte Coverversion; und die nicht als Verballhornung.

Alle Texte waren zu diesem Zeitpunk noch in Englisch gesungen. Damals fanden wir das einen Minuspunkt, heute finde ich das besser als die Deutschen Texte (mit Ausnahme von ‚Vasco wohnt im Punkhaus‘).  

Bei dieser Doppel-LP gibt es ebenfalls jede Menge Bonus mit Tracks von Samplern, die durchaus klasse sind. Ist natürlich auch eine Zeitreise für mich, da ich jede Menge Erinnerungen mit der Band und auch Nasty Vinyl verbinde. Vor allem wird mir die Unbeschwertheit bewusst, mit der wir durch die Zeit schritten: Einfach machen war die Devise. Ganz so einfach ist es heute nicht mehr, denn diese Doppel-LP, die in Zusammenarbeit mit Hulk Räckorz erscheint, ist durchaus bearbeitet. Der Fachfrau fällt sofort auf, dass das geniale Intro zu ‚Japanese girls‘ fehlt. Ist ja auch klar: Mit Intro spielten die Lost Lyrics sofort in der Breitbach-NZZ-Ecke, was natürlich Quatsch wäre, heute aber durchaus denkbar. Aber auch ein paar alte Reviews werden ausgegraben: zum Beispiel aus Ox #13, dem ersten Plastic Bomb, dem Hullaballo oder dem großartigen Toys Move. Die Jungs waren beliebt und sind es heute noch, wenn von der Urbesetzung auch nur noch Holger übrig blieb.

Über Sinn oder Unsinn von Vinyleröffentlichungen wird an anderer Stelle gestritten. Für mich sind diese beiden Platten ein Ritt durch die Zeit, den ich gerne antrete. Wem solche Sentimentalitäten auch nicht fern liegen, der schlägt natürlich auch hier zu.

Gekauft wird die Lost Lyrics Doppel-LP natürlich bei Hulk.

Die Richies LP darfst du bei Last Exit Music ordern.

Jeweils ein Song ist natürlich auch in der Duisburch 47-Playlist gelandet.

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