Svenja Flaßpöhlers „Sensibel“

Eigentlich bin ich ja langsam mit dem Thema durch, habe mich genug daran abgearbeitet. Aber das ist mit Corona auch so und trotzdem ist es das Thema der Zeit. Also noch einmal ran an die Snowflake-OK Boomer-Front: Als Herausgeberin des Philosophie-Magazins genießt Svenja Faßpöhler schließlich bei mir eh einen Vertrauensvorschuss, denn sie bringt dort regelmäßig gelungene philosophische Reflexionen der zeitaktuellen Diskurse an die geneigte Leserschaft. Und genau das was ich erwarte, bekomme ich mit ihrem erfrischenden Buch.
Mit ‚Sensibel‘ versucht sie sich also den Konfliktlinien in identitätspolitischen Debatten zu nähern, indem sie sich die Sensibilität im historischen, kulturellen und philosophischen Kontext anschaut. Und das ist in diesem Bereich auch dringend notwendig, denn allzu leicht findet man sich in seinem Schützengraben wieder. In meinem Fall wäre es der Graben der Resilienz. Um aus diesem heraus ein Verstehen für die Sensibilität zu erlangen arbeitet Svenja Faßpöhler zunächst einmal begrifflich und unterscheidet zwischen aktiver und passiver Sensibilität, also aktiv als Partner der Moral und passiv als unmittelbare Reaktion. Ferner unterscheidet sie vier Dimensionen der Sensibilität in die leibliche (Gefühl für körperliche Übergriffigkeit), psychische (Sprachsensibilität), ethische (Solidarität mit marginalisierten Gruppen) und zuletzt in die ästhetische  (Resonanzerfahrung auf das Schöne / Hässliche).
Danach begibt sie sich auf die Spurensuche des Prozesses der Sensibilisierung mit dem Soziologen Norbert Elias, der die fortschreitende Empfindsamkeit als Zivilisationserrungenschaft beschreibt. Ausgehend vom stumpfen Ritter Jonathan, dem Gefühle in jeder Hinsicht fern waren, bis zum woken Jan, dem seine Überzeugungen zutiefst verinnerlicht als ethischer Kompass dienen, wird dieser Prozess als aktiver Akt der Selbstdisziplinierung zunächst durch den Adel und dann durch das Bürgertum durchschritten. Affektneutralisierung brachten entscheidende Vorteile im Zusammenleben und damit einherging eine Steigerung der Empfindsamkeit. Den Einlang zwischen den Begehren des Einzelnen und der Gesellschaft auszutarieren ist hier von entscheidender Rolle. Momentan befinden wir uns hier an dem Punkt, an dem Gefühle handlungsleitend werden. Das Private oder das Intime gerät so in den Fokus des Handelns und dadurch werden Grenzen der Verletzlichkeit verschoben, womit wir beim Punkt der Auseinandersetzung sind.


Diesen läßt Svenja Flaßpöhler in ein fiktives Streitgespräch zwischen Nietzsche und Levninas kulminieren: „Alles was nicht tötet, härtet ab!“ versus Sinn für die Verletzung des Opfers. Es zeigt sich einmal mehr: In den Verabsolutierungen liegt das Problem. Flaßpöhlers Antwort ist die resiliente Sensibilität. Offene Wunden müssen zu aktivem Handeln führen und der Empfindlichkeit kommt eine wichtige Signalwirkung zu.
Die Antenne dafür wurde durch die Literatur geschaffen, die im 18. Jahrhundert beispielsweise durch Briefromane das positive Mitgefühl für gänzlich andere Menschen in breiten Bevölkerungsgruppen schuf. Hume sprach von der Gefühlsansteckung  und Rousseau von der positiven Weiblichkeit, die sich im sittsamen Naturzustand zeige. Dem setzt sie aber auch das negative Empfinden von Sade entgegen und stellt die einengende Sicht von Rousseau noch mal heraus, die die Frau doch sehr reduziert.
Mit dem 20. Jahrhundert tritt nun die Gewalt durch blutige Kriege auf eine neue Stufe. Während sie zivilgesellschaftlich immer mehr geächtet wird, was sich in Abschaffung grausamer Strafen und Folter zeigt, finden die Gräueltaten jetzt auf dem Schlachtfeld statt. Der Soldat begegnet dieser mit Disziplin, wie es in Ernst Jüngers Stahlgewittern nachzulesen ist. Gleichzeitig beginnt der Begriff der posttraumatischen Belastungsstörung Einzug zu halten. Opfer sind nicht nur noch die Toten, sondern auch die innerlich Verletzten. Und auch hier verschieben sich die Grenzen, denn die Opfer erzählen von ihren Verletzungen.
Mit der linguistischen Wende bekommt der Sprache damit auch eine besondere Rolle zu. Die willkürliche Setzung von Laut und Vorstellung öffnet die Tür für das Änderungspotenzial von Sprache: nämlich dass Strukturen nicht vom Himmel gefallen sind sondern ein Beispiel für Machtgefälle. Sprechen ist eine Handlung. Und mit zunehmender Sensibilität  wird das Verletzende spürbar und diese Spürbarkeit wird auch kommuniziert. Hier plädiert Flaßpöhler für eine Kontextsensivität. Ich denke, man hätte an dieser Stelle zur Stützung durchaus auch noch auf Wittgensteins Sprachspiele eingehen können, mit der er ja auf seine eigenen einengenden Versuche reagierte, eine einfache allgemeinverbindliche Sprache zu finden. Die Unmöglichkeit eine Sprache zu finden, die alle Identitäten abbildet, wird mit der Abschaffung des generischen Maskulinums, auf eine Spitze getrieben, die erst recht verletzt. Wer möchte Bitteschön schon durch einen Glottislaut zwischen männlicher und weiblicher Identität aufgerieben werden?
Und überhaupt: Die Gesellschaft neigt zu einer Gesellschaft der Singularitäten. Sie wissen schon: WIR SIND ALLE INDIVIDUEN! Dazu schotten wir uns ab und wahren großstädtische Distanz. Dabei könnte uns Takt (Plessner) helfen, was für mich  in leichter Sprache nur heißt: Einfach mal schauen, was das Gesagte beim Anderen anrichtet. Zugegeben, das ist schwer, vor Allem, wenn es irgendwie eine Einbahnstraße zu sein scheint. Die Tendenz der Hypersensibilität wird ja noch fortschreiten, wenn das Tocqueville-Paradox auch weiterhin zu einer Erhöhung der Sensibilität trotz Abnahme von Benachteiligungen führt.
Svenja Flaßpöhler ist ja, wie eingangs erwähnt, ein Brückenbauer. Und natürlich ist klar, dass sie sich selbst nicht dem Snowflake-Lager zurechnet, aber sie zeigt mit diesem Buch schon, wie eine produktive Auseinandersetzung laufen kann, die Gesichtswahrung und gesellschaftlichen Fortschritt zur Folge haben könnte. Nicht zuletzt entzaubert sie die daraus resultierenden Konflikte auch ein wenig als Produkt eines dialektisch erwachsenen Prozess’. Aus diesem Grund kann ich das Buch nur wärmstens empfehlen, da es sehr klar ist und sämtliche Feuer such so zu ihren Schützengräben zurückverfolgen lässt. Bleibt zu hoffen, dass das Angebot fruchtet. Klett-Cotta

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