Boomergeschichten: Record collectors are?

Die Frage hatte ich eigentlich für mich beantwortet, nämlich mit: Eigentlich ganz okay! Bis ich mich dabei ertappte, der gleichen irren Logik anheim zu fallen, wie es scheinbar in großen Teilen meiner Boomer-Bubble okay schien. Auch ich begann Vinyl-Ersteditionen vorzubestellen und mir dämliche Boxen in unsere Bude zu stellen, gerne auch zwei (eine zum Auspacken und die andere in MINT für das Regal). Ob das nun mit FLINTA-Stoffbeutel oder mit XL-T-Shirt von Tocotronic kam, interessierte mich nicht, denn gebraucht wurde der Kram nie. Produktion für die Tonne würde ich das nennen. In jedem Fall sinnlose Ressourcenverschwendung. Und jetzt steht der Scheiß in der Bude rum und bringt noch nicht einmal eine ordentliche Discogsrendite. Die Briefmarken von Pappa haben wenigstens nicht so viel Platz verbraucht, denke ich mir. Dabei fing alles so gut an:

Mangels finanzieller Privilegien konnte ich mir im Grundschulalter nur alles zwei Monate eine Langspielplatte bei Passmann in Essen Kray kaufen. So kam ich an eine krude Mischung aus Teens, Smokey, Heino (wegen ‚Wir lagen in Madagaskar‘) und AC/DC. Selbstverständlich wurden die mit Adressstempel versehen, womit meine Besitzansprüche verewigt wurden. Musik wurde sonst im Radio auf Kassette gesaugt. Mel Sondocks Hitparade und Wolfgang Neumanns Schlagerrallye war der heiße Scheiß. Auf John Peel hatte ich keinen Bock, weil der noch früher reinquatschte und ich ihn sowieso nicht verstand.

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Svenja Flaßpöhlers „Sensibel“

Eigentlich bin ich ja langsam mit dem Thema durch, habe mich genug daran abgearbeitet. Aber das ist mit Corona auch so und trotzdem ist es das Thema der Zeit. Also noch einmal ran an die Snowflake-OK Boomer-Front: Als Herausgeberin des Philosophie-Magazins genießt Svenja Faßpöhler schließlich bei mir eh einen Vertrauensvorschuss, denn sie bringt dort regelmäßig gelungene philosophische Reflexionen der zeitaktuellen Diskurse an die geneigte Leserschaft. Und genau das was ich erwarte, bekomme ich mit ihrem erfrischenden Buch.
Mit ‚Sensibel‘ versucht sie sich also den Konfliktlinien in identitätspolitischen Debatten zu nähern, indem sie sich die Sensibilität im historischen, kulturellen und philosophischen Kontext anschaut. Und das ist in diesem Bereich auch dringend notwendig, denn allzu leicht findet man sich in seinem Schützengraben wieder. In meinem Fall wäre es der Graben der Resilienz. Um aus diesem heraus ein Verstehen für die Sensibilität zu erlangen arbeitet Svenja Faßpöhler zunächst einmal begrifflich und unterscheidet zwischen aktiver und passiver Sensibilität, also aktiv als Partner der Moral und passiv als unmittelbare Reaktion. Ferner unterscheidet sie vier Dimensionen der Sensibilität in die leibliche (Gefühl für körperliche Übergriffigkeit), psychische (Sprachsensibilität), ethische (Solidarität mit marginalisierten Gruppen) und zuletzt in die ästhetische  (Resonanzerfahrung auf das Schöne / Hässliche).
Danach begibt sie sich auf die Spurensuche des Prozesses der Sensibilisierung mit dem Soziologen Norbert Elias, der die fortschreitende Empfindsamkeit als Zivilisationserrungenschaft beschreibt. Ausgehend vom stumpfen Ritter Jonathan, dem Gefühle in jeder Hinsicht fern waren, bis zum woken Jan, dem seine Überzeugungen zutiefst verinnerlicht als ethischer Kompass dienen, wird dieser Prozess als aktiver Akt der Selbstdisziplinierung zunächst durch den Adel und dann durch das Bürgertum durchschritten. Affektneutralisierung brachten entscheidende Vorteile im Zusammenleben und damit einherging eine Steigerung der Empfindsamkeit. Den Einlang zwischen den Begehren des Einzelnen und der Gesellschaft auszutarieren ist hier von entscheidender Rolle. Momentan befinden wir uns hier an dem Punkt, an dem Gefühle handlungsleitend werden. Das Private oder das Intime gerät so in den Fokus des Handelns und dadurch werden Grenzen der Verletzlichkeit verschoben, womit wir beim Punkt der Auseinandersetzung sind.

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Ein Wagen vorwärts! (Ein Fiebertraum)

Wir waren schon sehr lange in dieser Richtung unterwegs. Einer hatte sie mal als die falsche bezeichnet, doch machten ihm seine vielen Persönlichkeiten zu schaffen, sodass er bald schon Gegenteiliges behauptete, und ohnehin schenkten wir einander oft wenig Beachtung. Immer wieder mit unseren eigenen dissoziativen Identitätsstörungen beschäftigt bis zum Reizdarm, waren wir uns vor allem in einer Sache einig, dass anzuhalten das Schlimmste wäre und an Umkehr nicht zu denken sei, denn wir alle mussten ja, gottverflucht, noch irgendwohin.

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