Swen liest langsam: Jenseits der Brandmauer – Monchi (Feine Sahne Fischfilet)

Da isses nun das Buch, über das ziemlich viel in meiner Bubble geredet wird. Bei mir ist es die Hörbuchvariante vom Autor selbst gesprochen. Die evidenzbasierte Analyse des Buches lässt sich dahingehend zusammenfassen, dass die Brandmauer gescheitert ist und vermutlich maßgeblich für das Erstarken der autoritären Rechten, insbesondere in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands, verantwortlich ist. Besonders auch deswegen, weil die politischen Entscheidungsträger mit zunehmender Entfernung zu wenig von den Menschen wissen und darum Entscheidungen am Bürger vorbei treffen. Viel hat dies auch mit den linken Eliten aus urbanen Millieus zu tun, deren Lebenswelt eine völlig andere ist. So verwundern Monchi die Ergebnisse der letzten Bundestagswahl, in der die AfD in Jarmen über 50% der Stimmen bekam, nicht. Sie erschrecken ihn aber sehr. Er ist durch seine Band Feine Sahne Fischfilet, von der er sehr viel redet, aber in Kontakt mit den urbanen Millieus und durch seinen Umzug nach Jarmen in Kontakt mit der ländlichen Bevölkerung. Zu beiden Seiten hegt er ausgesprochene Sympathien und ist ein wenig in der Rolle eines Scheidungskindes zwischen getrenntlebenden Eltern. Er mag sie beide sehr, findet aber, dass sich der stärkere Teil zu wenig und zu falsch um den anderen kümmert, obwohl die Unterhaltszahlungen ganz gut sind.

Er analysiert zunächst mit anekdotischer Evidenz seine nächste Umgebung und findet dort viele verschiedene Typen von AfD-Wählern, die sich in grob in Wutbürger, Mitläufer und Erfolgsfans sowie einem Teil Überzeugungstäter zusammensetzen. Der letzte Teil ist allerdings der geringste Teil. Die meisten sind eben eher typische Opfer oder sehen sich als solche. Und um die muss man kämpfen, bzw. die muss die Politik wieder abholen. Komischerweise tut dies die Lokalpolitik das zwar oft, wie Monchi an mehreren Stellen betont, aber auch die Lokalpolitiker werden durch den Erfolg der AfD abgestraft. Gegen die ganzen Fehler im Umgang mit der AfD und ihren Anhängern kann gute Lokalpolitik alleine nichts machen.

Anhand seiner eigenen Biografie versucht Monchi zu erklären, warum aus so vielen anderen Nazis, nur aus ihm zunächst ein Linker geworden ist. So würde er sich heute nicht mehr sehen, weil er schlechte Erfahrungen gemacht hat. Aber lange Zeit war er so eine Art Daffyd Thomas, sprich der einzig Linke im ganzen Dorf. Dabei startete er wie jeder anständige Junge im Dorf mit Saufen, Ärzten, Hosen und Landser. Abhitlern gehörte zum Partyprogramm. Nur so zum Spaß, versteht sich. Aber weil er eben kein richtiger Nazi war, ist er ordentlich verprügelt worden. Und glücklicherweise geriet er zu der Zeit in die Ultragefilde von Hansa Rostock, wo ihn einige stabile Typen unter die Fittiche nahmen und zeigten, dass man auch erlebnisorientierter Jugendlicher sein kann, ohne Nazi zu sein.

Das Gemeinschaftsgefühl begeistert ihn schnell und er findet immer wieder andere stabile Typen, die ihm Vorbild sind und dafür sorgen, dass er jetzt so einen geraden Rücken hat. Diese Typen tauchen immer wieder auf und gehören zur (Wahl)familie und heißen Lars, Axel und Eiche. In der Regel echte Kerle mit dem Herz am rechten Fleck, die wissen, wie Gemeinschaft und Kameradschaft geht und auch mal fünfe gerade sein lassen. Genauso einer will Monchi auch sein. Er erzählt, dass seine Fans auch solche Leute lieben und ihr Geburtstag oder Tod auf Konzerten von ihnen mit Sprechchören zelebriert wird. Das treibt ihm die Tränen der Rührung in die Augen und ist Bestätigung für die richtige Ausrichtung seines Radars.

Darum engagiert er sich auch genauso für alle Leute, unabhängig von ihrer momentanen politischen Gesinnung, wenn sie eben keine richtigen Nazis sind. Das heißt aber nicht, dass er rechte Gesinnung nicht verurteilt und das nicht anspricht. Klare Kante ist angesagt. Er organisiert ein Festival in Jarmen, spielt Benefitkonzerte und steckt Herz in seine Aktionen. Und er findet immer wieder Mitstreiter. Dabei ist Pragmatismus immer vor irgendwelchen politischen Idealen zu sehen, denn der Mensch steht im Mittelpunkt seiner Betrachtung. Dabei feiert er das Handeln der Skatekinder, die sonst am Netto rumhängen und AfD-Parolen nachplappern, wenn sie später auf seinem Festival richtig mithelfen. Kleine Erfolge sind es, aber es sind eben welche, die es bei konsequenter Brandmauer nicht geben würde. Seine Band dient dabei als Anker und kleinster gemeinsamer Nenner. Feine Sahne Fischfilet-Lieder grölen dabei alle zusammen. Seine Vorgehensweise erinnert dabei an die in den 90er-Jahren gescheiterte akzeptierende Jugendarbeit, in der rechte Wohlfühloasen für Jugendliche geschaffen wurden.

Volksmund: „Wer mit 20 kein Sozialist ist, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch Sozialist ist, hat keinen Verstand.“

Monchi arbeitet in dem Buch hart daran, einen unpolitischen Wohlfühlort für alle deprivierten Ost- und Westverlierer zu etablieren. Er betont, dass er zwar mit den menschlichen Zielen der Linken durchaus sympathisiert, aber mittlerweile die radikale Vorgehensweise der Antifa ablehnt. Mit der wiederholt vorgetragenen Ablehnung aktivistischen Verhaltens baut er eine Brücke und schafft einem Raum, der es ihm ermöglicht, mit den Menschen zu reden. Gleichzeitig holt ihn eine solche offen zur Schau gestellte Haltung auch aus dem Fadenkreuz rechter Aktivisten. Nur zu verständlich, dass der bekannte Sänger einer Punkband, der mittendrin lebt, seine Familie nicht noch größerer Gefahr aussetzen will. Dieses Motiv deutet Monchi aber nur kurz an.

Gewalt lehnt der frühere gewaltbereite Jugendliche auch ab. ACAB war gestern, mittlerweile freut er sich, dass auch gute Menschen dort arbeiten.

Als bei dem AfD-Bundestagsabgeordneten Leif-Erik Holm bei einer Bürgersprechstunde der AfD im Ort die Reifen plattgestochen werden, geht ihm die Hutschnur hoch. Er selbst wird via soziale Medien heftig bedroht und sieht auch sein Projekt des kritisch-akzeptierenden Dialogs gefährdet. Dass die AfD sich so auch wieder als Opfer inszenieren kann, ist der Begleiteffekt. Bessere Werbung gibt es nicht. Da schüttelt es Monchi vor Wut, denn er macht die Täter in irgendwelchen auswärtigen, womöglich städtischen Antifa-Gruppen ausfindig. Seine Toleranz gegen diese Art von Gewalt geht gegen Null. So nachsichtig wie bei den eigenen Gewalttaten und denen der Kids vom Land gibt er sich hier nicht.

Anmerkung am Rande: Der Fall war der AfD keine Anzeige wert und der oder die Täter sind nicht bekannt. Und hier sind wir bei der Kritik. Er romantisiert und verklärt im Buch sämtlichen Scheißdreck, der von ihm früher und von den Kindern heute angestellt wird, als Jugendsünden, die sich im Idealfall auswachsen, wenn man die Türen nur offenlässt. Antifas und Linke aus städtischen Millieus sind dagegen völlig verwahrlost. Über die schmunzelt er selten gnädig. Genussvoll zelebriert er die Selbstzerlegung, die Linke betreiben, wenn sie beispielsweise über den Nahostkonflikt streiten. Probleme, die keine Probleme der Menschen in Jarmen sind.

Der Sound des Buches ist dabei so eine Mischung zwischen JD Vances „Hillbilly elegie“ und Juli Zehs „Unter Leuten“, hinterlegt mit der politischen Analysefähigkeit von Sahra Wagenknecht. Dabei kaut er offenbar das erpodcastete Wissen aus der „Wir waren früher auch mal links und sind es jetzt nicht mehr“-Bubble durch und fügt ihm seine Erzählung zu. Das Selbstbewusstsein, mit dem er sich als Heiland, seine Mitstreiter, Fans und die Band als Jünger inszeniert, ist teilweise unerträglich. Gerne erwähnt er, dass er die Grünen auch nicht mag, Ronzheimer bringt ihn aber auf neue Gedanken. Für mich ist das der unpolitische Mainstream, der denen ein Fundament bietet, die alles ablehnen.

Aber so einfach macht es Monchi dem Leser / Zuhörer nicht. Nachdem er vom erfolgreichen Skatepark-Projekt in seinem Dorf berichtet hat, spricht er genau meine Kritik auch selbstkritisch an. Er schreibt von den Gefahren, denen er selbst ausgesetzt ist. Und damit meint er diesmal keine körperlichen Gewalterfahrungen, sondern die Gefahren, die einen selbst in diese schwarz-weiß gefärbte Falle ziehen. Auch davon, wie schwer es ist, sich immer wieder selbst zu hinterfragen und die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, auch falsch liegen zu können. Und genau an diesem Punkt kann ich nicht anders, als mich aus dem Verrissszenario zu entfernen. Man kann dieses Buch ausschnittsweise lesen, um seine Urteile über Monchi und die Band bestätigt zu sehen, aber das wäre sicher auch so eine Falle, vor der Monchi in seinem Buch warnt.

Mag mir auch die Sprache und die Musik zuwider sein, so würde ich dieses Buch, dass die Sprache des Dorfes/der Straße spricht, empfehlen. Sein Weg des sozialen Engagements ist sicher mit dem Risiko des Scheiterns verbunden, aber selbst dann, wenn es am Ende Scheitern bedeutet, ist der Weg mit Sicherheit ein Gewinn. Seine Bilanz in Jarmen kann sich auf jeden Fall sehen lassen.

Vielleicht kann man das den Igbo zugeschriebene Sprichwort, dass man ein Dorf brauche, um ein Kind zu erziehen umdrehen und sagen:

Es braucht ein Kind (in diesem Fall Monchi) um ein Dorf (hier Jarmen) zu erziehen.

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1 Kommentar

  1. Ich kann diese Gedanken auch völlig nachvollziehen.

    Das Problem ist das viele die sich als Links definieren, oft in einer absoluten Welt des richtig und falsch leben wollen. Dabei wird völlig vergessen das es immer mehrere Ansichten, Wahrheiten oder einfach nur unterschiedliche Einordnung gibt. Und wenn es um das konkrete Leben geht, dann übersehen die meisten in der linken Bubble in welchem unglaublichen Überfluss sie leben. Der vor allem durch die Arbeit anderer Menschen entsteht und da sind wir bei dieser Definition von Links und Rechts. Wenn Marx und dessen Grundlagen als Ausgangspunkt dafür gilt. Dann ist Links vor allem die Forderungen der Werktätigen gegenüber den Besitzenden. Heute wird aber Linker Aktivismus vor allem als eine Art Mildtätigkeit für die Armen gesehen. Und wenn man dazu die Verachtung vieler Linker für „einfache“ Menschen kennt und deren Kultur, kann man sich genau vorstellen welche Stimmung mittlerweile in bestimmten Kreisen herrscht. (ich mag auch keine Helene Fischer, aber deshalb werte ich nicht die Menschen ab, die sie gut finden) Bei Menschen, die nicht auf staatlich finanzierten Posten sitzen und eventuell eine Familie versorgen wollen. Die Verachtung durch gewisse bürgerliche Schichten und die rigorose Politik der letzten 20 Jahre, die für das Leben auf allen Ebenen schwerer gemacht hat und das immer wieder ohne Veränderung – egal was du gewählt hast – muss dazu führen das andere Kräfte an die Macht kommen. Was sollen die Menschen den anderes machen, wenn ihnen SPD/FPD/CDU/Grüne – und im Osten auch Linke – keine Verbesserung bringen (wollen)?
    Die Naivität einer „sauberen“ Welt in der es nur eine Meinung und die ist dann natürlich wissenschaftlich überprüft und vom Verfassungsschutz abgestempelt, klappt vielleicht bei den behüteten Bürgern in den Suburbs. Aber der Realschüler findet sich in diesen Erzählungen nicht wieder. Ich bin Realschüler, habe aber auch keine Hoffnung das die Afd etwas ändert, weil längst die meisten Entscheidungen in der EU ohne Abstimmungen und Debatten gefällt werden. Gegen Abbau der Rente, Krankenversicherung, der Verfall von Schulen und Strassen, immer mehr Regeln und Überwachung hilft kein Ortsbeirat.

    Was aber hilft und da ist das Buch sicher eine gute Beschreibung, ist die Kommunikation und der Gedanke, zumindest verstehen zu wollen, was andere meinen könnten. Ich sehe ein grosses Problem in der Medienwelt bzw. im „Journalismus“, dort ist mittlerweile die Wahrheitsverkündigung ein Paradigma geworden und wer dem widerspricht wird schnell ausgestossen. Dagegen muss etwas gemacht werden und das versucht das Buch.

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