Oi! – Das Wörterbuch: suven [ˈsjuːfən]

Spaß mit Neologismen: Lebst du noch oder suvst du schon?

suven – ein neues Wort für eine alte Unart
Oi! – Das Wörterbuch
suven [ˈsjuːfən]
V. schwaches Verb, intransitiv & transitiv · reg. · Präs.: suvt · Part. II: gesuvt

Etym. Abgeleitet vom Akronym SUV (engl. Sport Utility Vehicle). Übertragung zur Verhaltensbezeichnung, ca. 2020er. Vgl. engl. to mansplain, to gatekeep — Verbalisierung sozialer Muster.
1. (urspr. Verkehr) Mit einem Fahrzeug — insb. einem SUV — selbstverständlich und ohne erkennbares Unrechtsbewusstsein überproportional viel des gemeinsam genutzten Straßen- oder Parkraums beanspruchen, dabei in Kauf nehmend, dass andere Verkehrsteilnehmer gestört, eingeschränkt oder verdrängt werden.
Er hatte wieder auf zwei Parkplätzen geparkt — er suvte einfach.
Der Transporter suvte halb auf dem Radweg, halb auf der Fahrspur.
2. (übertr., allg.) In einem geteilten, knappen Raum — physisch oder sozial — mehr Platz einnehmen als der eigene Anteil, ohne Böswilligkeit, aber mit struktureller Gleichgültigkeit gegenüber den Raumansprüchen anderer.
Das E-Lastenrad suvte über den Bürgersteig, als wäre er eine Privatstraße.
Er suvte mit gespreizten Beinen zwei Sitzplätze im vollbesetzten Abteil.
Wer den Liegesitz im Flieger zurückdrückt, suvt auf Kosten des Hintermanns.

Lautschrift aufgeschlüsselt
[ˈ]Hauptbetonung auf der ersten Silbe [s]stimmloser alveolarer Frikativ [j]Palatalgleitlaut — wie »j« in ja [uː]langer geschlossener Hinterzungenvokal [f]stimmloser labiodentaler Frikativ [ə]Schwa — reduzierter Endvokal [n]alveolarer Nasallaut
Konjugation – Präsens
ich suve [ˈsjuːfə]
du suvst [ˈsjuːfst]
er/sie/es suvt [ˈsjuːft]
wir suven [ˈsjuːfən]
ihr suvt [ˈsjuːft]
sie/Sie suven [ˈsjuːfən]
Abgeleitete Formen
der/die Suvende — Person, die (gerade) suvt
die Suverei — das habituelle Suven; das Raumgreifmuster
das Suven — Verbalsubstantiv; der Vorgang selbst
gesuvt — Partizip II; „das war jetzt aber gesuvt“
→ Vgl. Manspreading, Handtuchlegen (am Pool), Ghostparken, Radwegsurfen

Das Besondere an suven ist, dass es eine Haltung beschreibt, kein Fahrzeug. Wer suvt, handelt nicht aus Bösartigkeit, sondern aus einer eingeübten Selbstverständlichkeit des Platzbeanspruchens: Der Raum anderer erscheint schlicht nicht als schützenswerter Raum.

Das Einkalkulieren der Störung anderer ist dabei keine bewusste Böswilligkeit, sondern strukturelle Gleichgültigkeit: Man suvt einfach.

Die Zahlen geben dem Wort Recht. 2024 waren 42 Prozent aller Neuwagen in Deutschland SUVs — 1.168.322 Fahrzeuge. Gleichzeitig stieg die Pkw-Dichte auf 590 Autos pro 1.000 Einwohner, ein historischer Rekord. Der Raum wächst nicht mit. Die Parkplatz-Norm wurde deshalb auf 2,65 Meter erhöht — 15 Zentimeter mehr als bisher. Die Straßen blieben gleich breit.

Das Konzept lässt sich auf nahezu alle geteilten Räume ausweiten: den Radweg, das Zugabteil, den Strand, das Großraumbüro, das Fitnessstudio. Das E-Lastenrad auf dem viel zu engen Radweg oder gar dem Bürgersteig. Der breitbeinige Mann, der gleich zwei Sitze im ÖPNV beansprucht. Die Frau, die ihre Tasche auf den leeren Platz legt, auch wenn es rappelvoll ist. Suven ist es auch, Handtücher auf Liegen zu legen, den Sitz im Flieger in die Liegeposition zu bringen. Laut in Gegenwart anderer zu telefonieren gehört dazu, wie im Fitnessstudio stundenlang ein Gerät zu blockieren, weil man auf dem Handy daddelt.

Wer suvt, dringt selbstverständlich in den Raum anderer ein. Widerspruch erfordert Kraft. Oft fehlt den Betroffenen diese Kraft. Platz wird, wenn überhaupt, nur widerwillig mit einer Note Empörung eingeräumt — so dass man selbst das Gefühl hat, kleinlich zu sein.

Die Verbform erlaubt dabei auch die Selbstreflexion: Habe ich gerade gesuvt? — eine Frage, die das Wort erst nötig macht.

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