Angewandte Misanthropie in zart und hart: HAMMERHEAD vs. ILLEGALE FARBEN

Harmonieren perfekt.

Nachdenken über Deutschland und den Monte Fiasko

Zwei Bands, die auf den ersten Blick überhaupt nicht zusammenpassen, in ihrer gemeinsamen Misanthropie aber durch praktische und ästhetische Zugänge verbunden sind. So eignen sich beide Platten ideal zur Selbsttherapie, was in Zeiten von überbordendem „Thearapy speak“ ja gar nicht verkehrt sein kann.  

HAMMERHEAD aus Neuwied sind ein Phänomen, das anders kaum zu erklären ist. Normalerweise machen sie Töne und Geräusche, die nur einem kleinen Zirkel von Prügelfreunden zugänglich sein sollten. Aber ihr schlecht gelaunter Hass scheint über jegliche Genregrenzen hinweg beliebt zu sein. Sie treffen mit ihrer praktischen Misanthropie offenbar genau den einen gemeinsamen Nerv, der momentan permanent gereizt zu sein scheint. Irgendwie scheint momentan alles gegen die Wand zu fahren, so dass die Autofahrerhose sinnbildlich genommen werden kann.  Und in letzter Konsequenz gäbe es eigentlich nur eine Konsequenz für all die Täter. Das haben all die Skinheadbands schon in schönen Melodien besungen. Bei HAMMERHEAD klingt es so, wie es sich anfühlt. So sieht Nachdenken über Deutschland also bei ihnen aus:  Schnauze kann man auch voll haben, ohne gegen die ewigen Feindbilder der asozialen Medien zu hetzen. Hier bekommen also weder Klimakleber noch ominöse linksgrün versiffte, woke Politikerkasten ihr Fett weg. Nein, der Hass trifft die, die sich den Backlash auf die Fahnen geschrieben haben (Götz Kubitschek) und auch uns selbst: all die kleinkarierten Musiksortierer und Punkkaufmänner. Ja, sie kacken eben gerne auch ins eigene Nest. Das ist nicht nur sympathisch, sondern richtig. Dieser grundrichtige Ton, dass alles scheiße ist und verloren, bringt keine Band auf den Punkt, wie HAMMERHEAD es tun. All der Ratlosigkeit, der Hilflosigkeit gegenüber all den Fehlentwicklungen, setzen sie Spott entgegen. Das mit solcher Inbrunst rausgepustet: Bang! Treffer! Versenkt! Das tut so (Tobias) scheiße gut, diese 25 Minuten, die mit dem Mantra ‚Gib auf!‘ enden, immer und immer wieder zu hören. Keine beschissenen selbstironischen Texte, die nach Konsens schielen. Wenn ich es schon vergessen hatte, warum die so geil sind, jetzt weiß ich es wieder.

Bestmöglicher Start ins Jahr 2024.

ILLEGALE FARBEN aus Köln nähern sich mit ‚Monte Fiasko‘ auf eher ästhetisch-misanthropischen Pfaden dem Scheitern auf eine eher abgewandte Art. Der Hass ist einem resignierenden Eskapismus gewichen. Schöne Töne und Worte beschreiben das Dahinsiechen. Wunderschöne Songs, die eine spürbare Nähe zur Romantik aufweisen. Fand die Band auf den Vorgängern bisher eher so lalla statt, finden sie hier ihren Weg, ohne das Postpunkthema totzureiten. Ähnlich wie bei LOVE A denke ich, sehr schön und genieße das Album. Einziger Malus das Duett mit Cecilia Boström. Ihr Part ist kaum erträglich: Die rockröhrige Tonlage, die sie kann, passt einfach überhaupt nicht zum Kosmos der ILLEGALEN FARBEN. Das kontrastiert auch nicht, sondern es ist nur ein Fremdkörper. Das Gespinst der ILLEGALEN FARBEN ist dafür zu zart und zerbrechlich. Gekonnt harmonieren die Texte mit den Harmonien und sie sparen sich auch sonst jedwedes Overacting. Soundtrack zur Zeit und zum Regen.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*