JUSTIN SULLIVAN im Weltkunstzimmer (27.5.2022)

Ich geb’s ja zu: Ohne meine bessere Hälfte Marion wäre ich nicht im Weltkunstzimmer in Düsseldorf gelandet, um mir JUSTIN SULLIVAN anzuschauen. Zwar habe ich NEW MODEL ARMY in den 80ern durchaus geliebt, aber schnell wurde aus der Liebe eine heimliche. Da war dann einfach zu viel ‚Vagabonds‘, Mittelaltermarkt und BIZARRE FESTIVAL, um einen abgeklärten jungen Punk bei der Stange zu halten. Meine Verachtung für die zunächst jungen hübschen Henna-Mädchen, die bei ‚51st state‘ die Tanzflächen des OLD DADDYS stürmten, mich aber ignorierten, glich der, die ich für die überbordende Lebensfreude empfand, die sich bei ‚It’s raining men‘ auf späteren Hochzeitsfeiern und 30sten Geburtstagen ergoss.
Nun also das Abenteuer ÖPNV in Richtung des äußersten Duisburcher Süden begonnen und nach dem ersten Umstieg schon bereut, nicht das Auto genommen zu haben. Mehr als zwei kleine Bierchen vertrag ich sowieso nicht mehr!
Das WELTKUNSTZIMMER ist ein schöner Laden! Da kann man als Duisburger schon mal neidisch werden, dass die da so viel von haben. Aber dafür haben wir hier viel Natur, kontere ich im Geiste. Der BUTTERWEGGE hat schon angefangen und weiß das Publikum mit Witz und Charme auf seine Seite zu ziehen: Das ist mein New Model Arm!

Das Publikum ist ausnahmslos alt und viele Bier- und Birnenbäuche sind in New Model Army – XXXL- Shirts gepresst. Da kennen wir kaum Menschen von. Zwei, drei Leute tauchen dann doch noch auf dem Radar auf, die man von anderswo kennt. Das ist wie eine Parallelwelt. Ich vermute, alle arbeiten auch in sozialen Berufen, sind in Gewerkschaften organisiert und waren wählen. Auch die AfD mag man nicht, wie ich aus einem späteren Zwischenruf auf eine Einlassung über rechten Hass in Großbritannien von JUSTIN SULLIVAN höre. Insgesamt scheint mir das Publikum nicht ganz so zerstört, wie das Publikum auf einem Punkkonzert der gleichen Altersklasse, auf dem ich insgeheim ja immer eine Streichliste der Protagonisten im Publikum anfertige, die ich anhand der Todesmeldungen in meiner Facebook-Blase einem regelmäßigen Faktencheck unterziehe. Ach was, der war doch gerade noch zu einem Lungen-Check-Up und der Arzt hatte doch gesagt, dass das mit dem Rauchen nicht so schlimm wäre.
Hier ist es, wie gesagt, nicht so schlimm. Bei näherer Betrachtung ist sogar die Quote der New Model Army Shirts in medium und large gar nicht so niedrig. Vielleicht strahlt die offen zur Schau getragene Gesundheit des Protagonisten aus. Der Meister JUSTIN kokettiert sodann auch mit seinen 66 Jahren, betreibt nettes Fishing for compliments und sieht aus wie eine propere Mischung aus Helge Schneider und Iggy Pop. Ich kann nicht anders, als ihm dafür meine Bewunderung auszusprechen. Überhaupt, natürlich habe ich Hobbit-Musik erwartet und bekommen. Er weiß aber damit zu unterhalten und mitzunehmen, erzählt Anekdoten und begeistert die eingeschworene Fanbase. Ich vermute, er hat mit jedem schon persönlich geplauscht. Ich kenne kein Lied, erkenne aber all die typischen Elemente, die so akustisch dargeboten nicht so aufgeblasen wirken, wie das, was mir NEW MODEL ARMY so vergrätzt hat. Aber vielleicht bin ich altersmilde geworden oder JUSTINS Karma hat mich auch ergriffen. Er selbst erzählt und erklärt so schön, dabei blitzen seine Goldzähne und ich sehe nur in glückliche Gesichter. Der Bogen zwischen Plaudern und Ernsthaftigkeit wird nicht überspannt. Er kriegt das echt gut hin: Gerade eben lacht das Publikum noch, dann hat eine Schwere die Raum erobert. Ich merke, da ist jemand, der das gerne tut, was er macht. Also nicht nur, auf der Bühne zu stehen, sorry zu sitzen, sondern auch irgendwie mit jedem im Publikum anzubändeln. Irgendwann ist es vorbei, der Anschluss im ÖPNV hat auch geklappt, so dass ich mich nicht darüber ärgere, weil das dritte Bier nicht sein gemusst hätte.

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