Fanzine-Quartalsvergleich

In dieser sich dann ergebenen Stille, könnte man sich dann mal hinterfragen oder einfach mal zuhören, wenn Menschen Leid widerfährt. Vielleicht hätte Sabrina dann im neuen Trust nicht so einen grausamen Relativismus in Bezug auf FLINTA* und Othering sowie den Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan begangen. Aber natürlich ist das auch unfair, denn Selbiges sollte ich manchmal auch tun. Das Spannungsfeld in unserer Szene ist halt auch extrem groß. Highlights in dieser Ausgabe des Trusts sind das Vorwort von Dolf, der mal neben dem Bodyshaming den gesundheitlichen Aspekt von Übergewicht anspricht und das lange AK 47-Interview, das ein großer Spaß ist und viel von dem spontanen Geist, der da hinten in Flingern noch herrscht, transportiert.

„Aber dabei liebe ich euch beide!“ Andrea Jürgens

ZAP und Ox jeweils mit ihrer #158 bilden die jeweiligen Gegenpole der derzeitigen Fanzinelandschaft. 

Für das Ox und das ZAP schreibe ich ja scheinbar selbst jetzt regelmäßig. Meine Geschichte „Bildungsland“ erzählt die Geschichte eines Lehrers in Nöten aus Sachzwängen, Absurditäten und den nicht immer richtigen Entscheidungen und Joachim lässt mir etwas des kostbaren Platzes in seinem Telefonbuch der Subkultur. Im Zap habe ich jetzt auch schon zweimal schreiben dürfen, was sicher der höheren Risikofreude von Moses geschuldet ist, der ja eine gewisse Freude am dialektisch geschulten Trash besitzt. Und so stehen diese beiden Hefte auch an den jeweiligen Rändern diametral zueinander. Auf der einen Seite eine solide Verlässlichkeit mit wohl kalkulierten Streitthemen, die sich in Pro- und Kontra zu Vinylvorbestellungen begnügen, und auf dann ein ZAP, das in völliger finanzieller Unabhängigkeit das derzeit spannendste Heft ist. Nicht alles ist hier geschmackvoll und schon gar nicht alles gelungen, da die Grenzen des Ertragbaren auch schon mal überschritten werden, wie in den Praxisgeschichten vom Chef selbst. Aber die Provokation bringt nunmal auch bitterbösen Humor im selben Arztroman auf der Seite zuvor in die Welt. So beispielsweise auch die Titel zu Biografien, die noch geschrieben werden sollte, die Atakeks in bester Titanic-Tradition raushaut. Dazu gibt es Fußballfankultur von  den Kölner Ultras Coloniacs (neumodisch) bis zu Offenbacher Klopperschule Anti Social Front (altmodisch) von Rainer Raffel inszeniert. Mit Stewart Home darf dann auch das literarische Vorbild von Moses‘ Chaostage-Roman einmal Einblicke in sein Künstler-Dasein geben. Dass das ganze Heft dann auch sehr bildgewaltig daher kommt, grenzt es auch deutlich von allen anderen Heften ab. Diese dadurch erzeugte Sprache sorgt für Zugänglichkeit, die hinter Bleiwüsten sonst eher gesucht werden muss.

 Menscheln tut es aber auch: Micha von Smegma bekommt eine Bühne, die ihm Nils bereitet. Ein anderer Mehrfachtäter, der im Ox und Zap schrebt, ist Karl-Heinz Stille, der unnachahmlich über eine neue Facebookliebe schreibt. Im Ox ist er ja der Meister des sachkundigen Verrisses, der allerdings an mir vorbeiläuft, da ich die Band Editors gar nicht kenne (eine kurze Recherche sagt mir aber sofort, dass ich sie auch keinesfalls kennen möchte!). Mit den Monsters ist dort auch mal wieder eine Band auf dem Cover, die soviel Aufmerksamkeit verdient hat. Im Heft wird dem Schaffen des Berner Kollektivs und des dazugehörigen Labels Voodoo Rythm auch ordentlich Platz eingeräumt. Interessant allemal, auch wenn mich die Musik nie so richtig packen konnte. Der zweite Teil des Interviews mit dem NoMeansNo-Drummer Rob ist ebenfalls für Fans auf dem Trockenen sehr lesenswert. Vielleicht fange ich doch bald mit dem Bierbrauen an. Tom ist glücklicherweise schon bei zwei trockenen Tagen in der Woche und macht sich in seinem Tagebuch angesichts des Tods eines Nachbarn so seine Gedanken. Ja, da ist viel drin. Viel Lesenswertes und der informative Charakter macht das Ox unverzichtbar (auch wenn Schippy das nicht hören mag!). Aber in dem Bemühen bloß nicht anzuecken, muss Wolfram Hanke dort schon die Schere im Kopf im Dauerbetrieb haben. Welchen hanebüchenen Unsinn beispielsweise T.C.H.I.K. von sich geben dürfen: Auf der einen Seite hauen sie Songs wie Jobcenterfotzen raus, was natürlich ironisch und lustig ist, aber auf der anderen Seite jammern sie rum, dass sie mit ähnlichen Verbalien zu kämpfen haben. Da die Platte ‚Mama, ich blute!‘ zuvor ja wohl verrissen wurde, wird hier Buße getan. Nicht ohne unwidersprochen betonen zu können, dass ja sowas heute im Ox nicht mehr möglich wäre. An solchen Punkten sollten auch männliche Schreiber widersprechen müssen. Aber Empfindlichkeit wird bei Sendern und Empfängern wohl zu unterschiedlich vorausgesetzt. Während von der Bühne herunter ohne Ende gekeult werden kann, hat sich das Publikum und die Kritik bitte an den woken Knigge zu halten, denn auf der Bühne stehen schließlich Damen.

Um das aushalten zu können werde ich dafür mit den Nightwatchers belohnt, mit der Joachim eine der für mich interessantesten Bands der Postpunk-Szenerie pusht. Und das mache ich an dieser Stelle auch!

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