Ox #157: Besprechung aus der Rubrik „Opa halt‘s Maul“

Die „Opa, erzähl mal von früher“-Abteilung wird auch immer größer. Bespielt wird diese im Wesentlichen diesmal von Triebi Instabil. Das TOXOPLASMA-Interview ist die Langeweile pur, etwas interessanter das mit ARTLESS. Fragen aus dem Baukasten der Ideenlosigkeit, die demnächst auch für das HoA- oder Canalterror-Feature wiederverwertet werden können: Wie bist du auf Punk aufmerksam geworden? Wie war die Szene damals? Wo ist der Unterschied zwischen früher und heute? Sind eure Texte auch heute noch relevant? Hast du heute auch Probleme mit dem nächtlichen Blasendruck? Etc. pp… Der Halbseiter mit den RAZORS aus der Abteilung „Opa, erzähl von heute“gelingt Triebi da schon besser.

Helge Schreiber geht mit seinem SCHWEDISCHEN HARDCORE-PUNK IN DEN ACHTZIGERN die Veteranengeschichte aus einer Vogelperspektive an und gewinnt so natürlich schon mal einen Preis für akribisches Puzzeln. Dummerweise finde ich beinahe alle darin vorkommenden Bands wie Rösvett, Crude SS oder Anti-Cimex ausnahmslos schrecklich.

Und richtig gut ist hingegen das Gespräch mit John Wright, der als Drummer von NOMEANSNO und Sänger der HANSON BROTHERS natürlich jemand ist, der den Fanboy Swen zum Lesen reizt.

Eindeutig einer der Vorteile des Drucks durch die zweimonatliche Erscheinungsweise ist aber die Wiederaufnahme älterer Gespräche. Hier am Beispiel von JOEY CAPE, dessen Solosachen ich echt gruselig finde, der aber als Interviewter von Frank Weiffen schon einen gewissen Unterhaltungswert an den Tag legen kann. Gleiches gilt für DIE LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMANN, die einfach wissen, dass der Unterhaltungswert auch neben der Bühne notwendig ist.

Die Geschmacks-Kontrolle weißt diesmal erhebliche Verirrungen und Verwirrungen auf. Da Platz 10 nicht zweimal vergeben werden konnte, finden sich Akne Kid Joe auf Platz zwei wieder. Ups, und da fällt es mir auf, auf dem Cover ist die Band mit 50%-bärtiger-Zausel-Quote ebenso zu finden wie im Interview. Ist das jetzt Anbiederung an die Generation Feine Sahne 100 Kilo Herz? Der subtile Humor ist wahrscheinlich so doppelt- und dreifach verspiegelt, dass er mir verlustig geht. Und gehört das immer häufiger anzutreffende Gendern in den Texten auch dazu? Ich höre auf jeden Fall sofort auf zu lesen, wenn ich einen Doppelpunkt sehe.

Toll hingegen, natürlich die vielen Fortsetzungsgeschichten, die hier zu finden sind. Da ist für jeden was dabei, unter Anderem auch für Menschen, die auf misanthropische und kulturpessimistische Lehrergeschichten stehen: Mit der regelmäßigen Veröffentlichung von ‚Bildungsland‘ gibt Joachim mir eine Chance, mich einem größeren Publikum zu zeigen und mich dazu zu bringen, meine Skizzen in Buchform zu bringen. Dafür verzeihe ich ihm auch so manchen Doppelpunkt.

Buchstabiertafel – Vorschlag zur gütlichen Einigung

Da die Buchstabiertafel zu viele Männernamen erhielt, die allesamt altertümlich daherkamen, fühlten sich selbstverständlich alle Nichtgenannten diskriminiert. Das Deutsche Institut für Normung hat dafür Städte, die keiner kennt genommen. Jetzt fühlen sich natürlich jetzt alle anderen Städte ausgeschlossen. Mein Vorschlag zur Güte: Eine Buchstabiertafel, die alle ausschließt und beleidigt. Ich denke, da die Buchstabiertafel vor allem in Berufs- und Verwaltungsangelegenheiten genutzt wird, sollte ich das Problem damit gelöst haben.

A – Arschloch

B – Backpfeiffengesicht

C – Chauvinist

D – Doofie

E – Ekel

F – Fettsack

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Drei Thesen zur aktuellen Corona-Situation

Da sich unter meinen Bekannten einige befinden, die sich nicht impfen lassen wollen, und es in meinem “Facebook-Freundeskreis” doch etliche nach “Normalität” verlangt, was manche gar dazu treibt, noch mehr Lockerungen zu fordern und die Abkehr von den Inzidenzen als Richtwert zu begrüßen, hier 3 Thesen zur aktuellen Corona-Situation. Die Begründung findet sich dann darunter.
1. Wer sich ohne Not nicht impfen lässt, handelt irrational, unsolidarisch, letztlich asozial.
2. Wer die steigende Inzidenz ignoriert, Schutzmaßnahmen aufhebt, Schulen voller ungeimpfter Kinder und Jugendlicher ohne Belüftungsanlagen in den Vollbetrieb schickt und so gleichzeitig wieder für überfüllte Busse und Bahnen sorgt, agiert irrational, verantwortungslos, ja gemeingefährlich.
3. Wer am Patentschutz für lebenswichtige (mit staatlichen Fördergeldern entwickelte) Impfstoffe festhält und so eine zügigere Durchimpfung der Weltbevölkerung verhindert, handelt im Sinne der Profitmaximierung rational, jedoch nicht vernünftig, sondern völlig verantwortungslos und ebenfalls gemeingefährlich.


Warum das so ist, kann heute jeder wissen:
Lassen wir zu, dass die Inzidenzen wieder steigen und das Virus in großem Umfang weiterhin in der Gesellschaft präsent ist, werden sich umso schneller impfresistente Mutationen bilden. Geschieht dies, wird es wiederum viele Monate dauern, bis mit einem neuen Impfstoff vergleichbar viele Menschen geschützt werden können und es wird erneut ein Massensterben geben. Mit diesem Virus einfach zu leben, das heißt seine Ausbreitung zu akzeptieren und zur “Normalität” zurückzukehren, wie es Neoliberale und andere verwirrte Egomanen gern immer wieder vorschlagen, ist nicht möglich, weil man es mehrfach bekommen kann, es sehr schnell mutiert, es sich auch in Geimpften breitmachen kann (je älter, desto leichter) und es nicht nur Millionen tötet, sondern noch weit mehr Menschen dauerhaft krank macht, ihr Leben ruiniert und sie, nebenbei bemerkt, auch arbeitsunfähig werden lässt. Es muss also (auch global!) eingedämmt werden, was wiederum 2 Prioritäten nach sich zieht, ungeachtet aller anderen Probleme (Depressionen, Online-Unterricht etc.). Erstens muss die (Welt)Bevölkerung weitestgehend durchgeimpft werden und zweitens muss die Inzidenz dabei möglichst niedrig gehalten werden (s. a. den Artikel des MDR).
Diese Kausalität ist leicht zu begreifen. Wer sie ignoriert, weil er u. a. um jeden Preis eine ohnehin schon asoziale (und noch umweltschädlichere) kapitalistische “Normalität” wiederherstellen will, sagt damit eigentlich nur: “Millionen Tote, dann auch noch jüngeren Alters, das mittelfristige vorzeitige Verrecken aller Graumützen und irgendwie Geschwächten oder Pechvögel, das furchtbar eingeschränkte Leben vieler Long-Covid-Patienten und -innen, das Leiden der Angehörigen, all das kümmert mich nicht.” Denn: Impfbescheinigungen und Tests lösen das Problem der Verbreitung keineswegs. Ein Mensch ist bis zu 4 Tage infektiös, bis der Test überhaupt reagiert. Auch Geimpfte werden teilweise krank oder tragen das Virus zumindest weiter. Also:
Lieber noch 6 Monate keine Festivals, richtigen Konzerte, Discos, Präsenzunterricht in voller Klassenstärke etc. als noch einmal zigtausend Tote und 3 bis 4 mal mehr Langzeitkranke allein in diesem Land. Und gerne eine Impflicht. Es ist leider nicht mehr euer gutes Recht über euren Scheiß-Körper zu bestimmen, wenn ihr damit so viel Leid verursachen und eine Pandemie am Laufen halten könnt.
Hinweise aus Wissenschaft und Medizin:
“Wenn sich tatsächlich ein derart großer Teil der Bevölkerung nicht impfen lassen würde, könnte das zu einer schwierigen Situation führen, warnen Expertinnen und Experten. Denn eine Umgebung, in der die eine Hälfte der Population immunisiert ist und die andere nicht, könnte in ihren Augen weitere problematische Mutationen des SARS-CoV-2-Virus begünstigen. Und tatsächlich wäre das auch im Forschungslabor genau die Umgebung, die man schaffen würde, um ein Virus zum Mutieren zu bewegen. (…) Der wesentliche Faktor hier sei, wie viel Virus zirkuliere, erläutert der Spezialist für Virus-Evolution Richard Neher von der Universität Basel. `Wir sollten die aktuell niedrige Inzidenz nutzen, um so viele Menschen wie möglich zu impfen.´”

Kabul

Wer zur Waffe greift
Wird bald zum Mörder
Manchmal
Das kleinere Übel, denn
Das bessere Argument
Zwingt die Barbaren nicht

Wer nie zur Waffe gegriffen
Bleibt Zuschauer
Im klügsten Falle
Des Grauens Analyst, denn
Das bess´re Argument
Zwingt die Barbaren nicht

Nirgends

Punk und Bundeswehrsoldat
Vereint für einen Augenblick
In Abscheu
Und ohnmächtiger Wut
Ehe der eine
Über was and´res schreibt
Und man dem zweiten
Neue Feinde gibt

Der Humanismus aber blutet aus
Heute in Kabul

Gefangen in der BRD

Meine am häufigsten gehörten deutschsprachigen Platten

Versuchsaufbau: Welche Platten hast du am häufigsten gehört? Und warum eigentlich und wie haben sie dich beeinflusst? Schummeln ist dabei strengstens untersagt. Du hübschst deine Biografie nicht nachträglich auf und behauptest, dass du mit 9 schon Kraftwerk entdeckt und mit 13 bereits hinter dir gelassen hast. Leichen im Keller werden nicht verschwiegen und dass du irgendwann mal falsch abgebogen bist, sollte dir nicht peinlich sein. Berücksichtige bei deiner Auswahl den sinkenden Hörintensitäts-Level einzelner Platten, der mit dem Anwachsen deiner Plattensammlung zusammenhängt. Versuche möglichst chronologisch vorzugehen.

Hui Buh das Schloßgespenst

“Natürlich bin ich ein Gespenst, mit einer rostigen Rasselkette …” Laut meiner Mami nach der Rückkehr aus dem Kindergarten täglich mehrfach aufgelegt, was sie fast in den Wahnsinn trieb. Vermutlich hat sich die sonore Stimme von Hans Paetsch in die Gehirne von Millionen Kindern, die in den 60ern und 70ern in die Welt gekommen sind, gefräst. Und vermutlich verschaffte mir die hundertfach gehörte Geschichte von Hui Buh Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit. Fast sicher ist, dass dies die Platte ist, die ich am häufigsten gehört habe.

Gesehen, als es passiert ist? Entfällt.

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Bernd Stegemann – Die Öffentlichkeit und ihre Feinde

Ein Buch, das in seiner Analyse der Probleme öffentlicher Kommunikation so klug und überzeugend ist, dass es mich mehrfach innehalten lässt, um über eigene festgefahrene Kommunikationsmuster nachzudenken. Denn wie so oft wiederholen sich immer die gleichen Debatten, in denen ich mich im Recht wähne, die aber hoffnungslos in der eigenen Echokammer endlos widerhallen. Auch das Unbehagen, das mich immer wieder angesichts meiner sozialen Blase ergreift, bekommt hier ein theoretisches Fundament. Wie schnell mich beispielsweise Bilder vom lachenden Laschet anöden oder auch die Regenbogendebatte rund um die Fußball-EM in ihrem bildgewaltigen Internet-Empörungssturm einfach nur noch abschalten lassen, all diese Phänomene lassen sich nun mit Bernd Stegemann rechtfertigen. Das diffuse Unwohlsein angesichts der Kulturkämpfe und der Empörungskultur bekommt hier Worte. Populismus auf der einen Seite und Identitätspolitik auf der anderen Seite, das sind die beiden Lager, die über den „Diskurs“ bestimmen. In Anführungsstrichen deswegen, weil es eigentlich nur um die Bedingungen geht, die von beiden Seiten definiert werden. Grenzen zwischen Meinungen und Tatsachen werden beinahe willkürlich nach eigenen Machtinteressen verschoben. So bestimmt die jeweilige Seite jeweils die Regeln, so dass keine gemeinsame offene Öffentlichkeit besteht. Auf diese Weise wird man aber den komplexen Herausforderungen nicht Herr, sondern man verliert sich in Rechthaberei, ohne dadurch einen Widerspruch zu lösen oder einen gesellschaftlichen Fortschritt zu erreichen. Und der ist dringend notwendig. Die Probleme des Anthropozäns sind dermaßen herausfordernd, dass wir es uns nicht erlauben können, dass durch solche Grenzverschiebungen Tatsachen zu Meinungen verkommen und wir billigend in Kauf nehmen, dass sich Wissenschaften rechtfertigen müssen. Dazu gehört nach Bernd Stegemann eine demütigere Haltung und die Bereitschaft der Welt mit Fragen zu begegnen, anstatt sie mit Antworten festzumauern. Die Ökologie gerät damit zum Transzendenten, dem man sich gemeinsam als Gesellschaft nähern muss.

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Wohin mit dem Gefühl?

Pogendroblem im FZW

Mein erstes Livekonzert mit Zuschauern seit Monaten! In einer Halle! Ich spüre etwas, was ich schon lange nicht mehr gespürt habe: Ein Hochgefühl freudigster Erwartung. Freund Swen kommt auch mit, eine gute Gelegenheit unsere zahlreichen Meinungsverschiedenheiten ausgiebigst auf der Hinfahrt zu verhandeln. Eine Triggervokabel, wie “Identitätspolitik” reicht vollkommen für den gemeinsamen Wortschwall aus. Herrlich! Für uns jedenfalls. Weitere Mitfahrer hätten die Walldorf & Stadler – Nummer vielleicht eher befremdlich gefunden.

Das Setting vor Ort im FZW weckt dann das Trotzköpfchen in mir. Die zwei Wochen Wartezeit nach der zweiten Impfung habe ich um 3 Tage gerissen, was dem aufmerksamen Mann am Eingang bei der Impfpasskontrolle nicht verborgen bleibt. Mein Fehler, aber ich kann vor Ort direkt einen Schnelltest machen und komme so halt 20 Minuten später rein. Ein Fragebogen zur Rückverfolgbarkeit ist mit der Eintrittskarte abzugeben. Die bekannte Adresse-Telefonnummer-E-Mail-Routine. Reingehen dann bitte rechts, um zu den fest vergebenen Sitzpätzen geführt zu werden. Hinsetzen. Stehen ist möglich, aber bitte kein zu großer Abstand zum Stuhl, sonst kommt ein  Aufpasser und es gibt eine Rüge. Beim Bierholen bitte immer von rechts die Theke ansteuern und nach links den Thekenbereich verlassen. Freund Swen versucht es an der menschenleeren Theke von links und bleibt so leider ohne Getränk. Zwischendurchermahnungen wegen “wenn weg vom Stuhl, dann Maske” sind obligatorisch. Rausgehen zum Rauchen bitte wieder rechts. Ein- und Ausgang auf keinen Fall verwechseln.

Keine Frage, ich bin ein 100-%-Pro-Corona-Maßnahmen-Team-Merkel-Lauterbach-Drosten-Schlafschaf, ich bin ja nicht blöd und natürlich sagt mir mein Verstand, dass das alles so richtig und wichtig ist, wie es gerade halt laufen muss und ja, ja, die Security macht nur ihren Job, trotzdem steigt im Laufe des Abends mein Aggressionspegel ob des Sackes voller Regeln bedenklich.

Denn, hier sind wir Genesenen, Getesteten und Geimpften versammelt, um Punkrock zu hören und wir werden gegängelt und gleichzeitig findet das Super-Spreader-Event namens Europameisterschaft statt, wo all diese Regeln keine Rolle zu spielen scheinen. Warum macht man mein Spielfeld kaputt, während sich woanders 20.000 Leute versammeln dürfen, die auf die Regeln scheißen? Ich fühle mich extremst ungerecht behandelt.

Und dann sind Pogendroblem auch noch besser als je zuvor und machen trotz der beschissenen Umstände großen Spaß und ich würde gerne Swen, Matt und Vasco schubsen, darf aber nicht. Beim nächsten Mal will ich Schwimmnudeln, die ich den Nachbarn unter Wahrung des Mindestabstandes vor Begeisterung über den Schädel ziehen kann. Und besorgt unkaputtbare, federleichte Plastikstühle, die ich im Überschwang werfen kann. Von mir aus stelle ich sie danach auch unter Aufsicht artig wieder auf.

Natürlich Dank & Respekt an das FZW. Ich weiß ja, dass die die Regeln nicht machen. Nächstes Mal bringe ich eine Schwimmnudel mit. Okay?

 

 

 

 

 

Einkaufen bei Primus: Zombie-Apokalypse in den 80ern

Mein Stiefvater war ein Mann mit unerschütterlichen Ritualen und Einstellungen. Als Feuerwehrbeamter hatte man die CDU zu wählen und das Mittagessen sollte um pünktlich 12.00 Uhr serviert werden. Als Mann hatte er natürlich das Grundrecht, von meiner Mutter zu Hause bedient zu werden, wofür er im Gegenzug als Alleinverdiener die beengte 3 Zimmer Wohnung für die vierköpfige Familie und die Zigaretten für das Ehepaar, eine Schachtel HB für ihn und für Mama Ernte 23, finanzierte. Aber selbstverständlich war auch er bereit dazu, sein Privileg als Autofahrer für die Familie gewinnbringend einzubringen. Dazu gehörte es, wenn es der Schichtdienst zuließ, einmal die Woche zum Einkaufsparadies Primus zu fahren.

Duisburg Großenbaum war zu diesem Zeitpunkt noch Dorf ohne ausufernde Industriegebiete und Autobahnanschluss an die A59. Ein kleiner Lebensmittelmarkt lag direkt an der Haustür am Reiserweg, die Bild wurde am Büdchen erworben und es gab exakt einen Old-School-Aldi ohne Lametta… und eben diesen riesigen Primus am Ende der Welt zwischen Minigolf-Platz, Rahmer Baggerloch und Großenbaumer See gelegen.

Wir legten die 950 Meter standesgemäß im Familienfahrzeug, einem gelben Ford Taunus zurück. Zeit genug für eine schnelle Zigarette, die üblicherweise bei geschlossenem Fenster konsumiert. wurde. Ihr wisst schon: Das hat uns nicht getötet!

Auf dem riesigen Areal gab es auch eine Tankstelle,  die de Sprit immer gut 2-5 Pfennig billiger anbot. Ein Wert, den mein Vater schätzte, und der überhaupt gerne Gesprächsthema war. Der interessante Teil des Marktes war der im Erdgeschoss. Dort gab es neben allerlei Kleidung eben auch eine Spielzeug-, Hifi- und Plattenabteilung. AC/DC und  Pink Floyd gehörten zu den Schätzen der großen Welt, die ich dort Abgriff und mein Bruder ergatterte dort Mike Oldfield  und Styx, wenn ich mich recht erinnere.  20 Mark Taschengeld pro Monat mussten gut investiert werden. Häufig kauften wir darum auch Leerkassetten, um uns gegenseitig unsere Schätze aufzunehmen. Sich die Platte einfach auszuleihen, weil man auf 10 Quadratmetern  eh zusammenhockte, war  natürlich  tabu!

Meine Eltern hingegen kauften Fleisch an einer riesigen Fleischertheke. Auch das war übrigens ein Wert in unserer Familie.Wenn die Laune gut war, wurde dort ein Fleischwurstring gekauft, von dem mein Bruder und ich jeweils ein riesiges Stück zum Rohverzehr bekamen. Ansonsten gab es die Tüte Mr. Softy Milch, die an der A59 stand in klein.  In dem angeschlossenen Getränkemarkt gab es einen Kasten Brohler mit Orangengeschmack und für Papa eine Kiste Diebels Alt.

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Die Karawane der Papiertiger von Christian Friedrich Sölter

Endlich mal was ganz Unverfängliches: Das Buch des Hammerhai-Sängers Sölti ist für mich die logische Konsequenz seiner Texte für die Hannoveraner Band. Wie, die habt ihr vergessen? Kann gar nicht sein, bzw. ist nicht gut, denn für mich ist beispielsweise die ‚Erledigt‘-LP eine der Wiederentdeckungen dieser Tage: Feinste Mischung aus Novotny TV, Madness und Bosstones.

Aber das nur am Rande. In dieser kleinen Sammlung sind wohl Poetry-Slam-Beiträge von ihm zu finden. Und ich denke mal, dass sie mindestens autobiografische Züge haben. Der Blick des ewig dahin slackernden Landeis, das irgendwann in die Welt der Stadt geworfen wurde und immer irgendwo und irgendwie hängengeblieben ist, ist es, den wir als Leser gezwungen sind, einzunehmen. Dabei hilft es, dass die Helden der Geschichten der Welt nicht mit Hass sondern mit Staunen begegnen.

‚Die Revolution frisst ihre Kinder‘ ist so eine Geschichte: Der Dauerstudent Franz nervt eigentlich alle nur mit seinen selbstgedrehten Filmchen, ist sonst aber kein Böser, bis er sich den schlimmsten aller möglichen Fehltritte leistet. Eine böse Geschichte, die aber nicht so erzählt wird.

Kleine Geschichten Geschichten der Kindheit und Adoleszens auf dem Land. Die Begeisterung für das Mofafahren versteht man wohl nur, wenn man seine Kindheit in den 70ern hatte. Heute freut man sich als Radfahrer immer, wenn man diese Nähmaschinen auf zwei Rädern lässig überholt. Fußball ist auf dem Acker kein Zuckerschlecken, vor allem wenn man gegen vermeintlich Berühmtheiten ran muss, die sich dann als ehrliche Arschlöcher entpuppen.

Der Besuch beim Metzgereifachverkauf treibt in mir als ethisch korrekte Instanz natürlich normalerweise die Wut, hier zaubert sie aber ein Schmunzeln  her. Überhaupt weitet dieses Büchlein wieder die Grenzen der Toleranz, weil Sölti beim ganzen Hass, zum Beispiel auf die Kaufhaus-Dudelei, nie den Pfad der bedingungslos akzeptierten Gegebenheiten verlässt. Und da seine Geschichten auch so schön kurz sind, ließen sie sich exzellent vorm Schlafen lesen, ohne dass ich immer die letzten fünf Seiten neu lesen musste. Das muss man erst einmal schaffen.

Ein Buch, das unterhält, und ein Autor, der glücklicherweise nie den großen Hammer dafür rausholen muss.

Ob es das Buch noch gibt? Fragt mal bei Blaulicht-Verlag nach!

The big Four: Der große Fanzine-Vergleich: Ox#156, Plastic Bomb #115, Trust #208 und ZAP #156

Vor Kurzem stellte ich mir in meiner Facebook-Blase die Frage, welches der Hefte ich zunächst besprechen sollte. Ziemlich schnell kristallisierte sich heraus, dass es wohl alle zusammen werden würden. Lange Texte sind ja gerade im Internet en vogue.

Und natürlich eignen sich alle vier Hefte ja auch für Totalverisse, was tatsächlich in den Fingern juckt.

„Ich fände eine Sammelbesprechung gut. Kategorien: Die langweiligste Kolumne. Die dümmste Kolumne. Das langweiligste Interview. Die flachste Tonträger-Besprechung. Die offensichtlichste Vetternwirtschaft … die Wucht deiner Besprechung wird anschließend in FB-Entfreundungen gemessen. “ (Schippy auf Facebook)

 

Das Feld scheint ja auch total abgesteckt zu sein. Irgendwie ist klar, wer wofür steht.

 

„Kommt drauf an was du suchst. Information: dann OX, Weisheiten von früher: dann ZAP, Spaß und Lebensfreude: dann Plastic Bomb. “ (Micha Will auf Facebook)

 

 

So sind ziemlich viele Reviews fast schon automatisiert geschrieben. Die Fülle der Informationen beim Ox können zu einem „Für jeden etwas dabei“-Review Resümee führen (siehe unten), wenn man es sich mit Buddy Joachim Hiller nicht verscherzen will oder zu einem „Zu wenig Frauen werden in diesem weißen CIS-Mann-Heft gefördert und außerdem wurde Binchen von Black Square nicht als Sängerin der gleichnamigen Band vorgestellt“-Verriss führen, wenn frau große Kämpfe für die unglaublichen Benachteiligungen von FLINTA* im Punk führt. Der wird nämlich in der Punkrock-Fachzeitschrift for all gender geführt. Hier wird der wohlgesonnene Rezensent festhalten, dass sich die Zahl der alten weißen CIS-Männer glücklicherweise deutlich reduziert hat und durch Frauen substituiert wurde, was wohl mal ein tolles Zeichen ist und dafür Herzchen in der #punktoo-Gruppe ernten. Wer keine Angst vorm

Manchmal sind E-Mail-Interviews doch besser!

Canceln hat, wird hingegen feststellen, dass die Interviews teilweise unlesbar sind. Dafür mag das Dachlawine-Interview herhalten, das sowohl Interviewer*in als auch Interviewer*inte überfordert. Auch mag man feststellen, dass der relative Frauenanteil auf 48 Seiten zwar hoch ist, aber die produzierte Textmenge von Frauen auf 164 Seiten Ox vermutlich die deutlich höhere ist.