Peppone, Madgeburg, die Wahl und ich

Die Veranstaltung in Haldensleben wurde heftig von rechten Youtubern gestört

Die lähmende Kraft der Realität

Die Wahl vom Sonntag hat mich ziemlich angegriffen. Vierzigirgendwas Prozent ist eine Zahl, die mein Vertrauen in die Menschheit endgültig weggefegt hat. Damit hat sich die ästhetische Misanthropie, die latent in mir steckt, über alles Denken gelegt. Das mag altersbedingt sein, aber Wut kann ich schon lange nicht mehr empfinden. Wütend war ich als junger Mensch, als ich der festen Überzeugung war, dass eine Deutsche Einheit zwangsläufig zum Vierten Reich führen würde. Damals waren es die Republikaner, die als erstes für die Einheit trommelten. Als dann CDU/CSU und SPD ebenfalls einstimmten, fühlte ich mich komplett von der Geschichte überrannt. Das Gefühl löste unbändige Wut in mir aus. Dass das denn keiner sah? Oder wollte das keiner sehen?

 

Ostzonenschlägerbanden, der Umzug nach Berlin, all das bestätigte mich in meinen Überzeugungen. Im Großen und Ganzen gehörte ich mit damit zu einer kleinen Gruppe, die das hier vielleicht auch noch liest. Die Zivilgesellschaft war größer und schüttelte eher den Kopf über solche kleinen Spinner.

 

Mit den Jahren näherte ich mich der Zivilgesellschaft und sie sich meinen Überzeugungen an. Dabei etablierte sich ein gewisser Gleichmut zu den Institutionen, die zwar in meinen Augen viel zu langsam agierten (vor allem, was den Klimaschutz angeht), aber angesichts der Bedrohungen, denen Demokratien in anderen Ländern  ausgesetzt sind, doch einigermaßen geschützt sind. Und, dafür mag man mich steinigen, ich bin der Überzeugung, dass jeder in diesem Land recht gute Chancen hatte, seine persönliche Situation durch Leistung und Eigeninitiative sowie der Solidarität durch den Sozialstaat zu verbessern. Natürlich nicht jeder in gleichem Maß, weil das Schicksal der Geburt nun mal maßgeblich dafür sorgt, welche Startvoraussetzungen du hast.

 

In meinen Augen kann man auch viel für seine Überzeugungen tun, indem man sich einsetzt. Leider fordern viele aber nur, dass sich der Staat bitte schön für seine Überzeugungen einsetzt. Da vieles davon auch ziemlich teuer ist, sollen im besten Fall andere dafür zahlen und ich nicht weniger dafür bekommen. Die Zeche soll entweder der über mir in der Nahrungskette oder die ganz unten bezahlen.

 

Letztere Denke und das Ressentiment haben Überhand genommen, Sachsen-Anhalt hat gewählt. Und auch mein Frisör, migrantische Wurzeln, selbstständig und einigermaßen gut situiert/etabliert klagt darüber, dass die Ukrainer hier Sozialleistungen beantragen, die in die Ukraine fließen.

 Es sei ja selbstverständlich, dass die da oben einen Denkzettel bekommen würden. Wenn wir Deutschen wüssten, wie Ausländer über uns reden, er weiß das, weil er selbst einer ist, dann wüssten wir, dass alle über unsere Gutmütigkeit lachen, die der Welt und den Flüchtlingen, aber nie uns selbst, zugutekommt.

 

Ja, Sachsen-Anhalt ist schon lange hier.  Wo will man da anfangen? Beim Rock gegen Rechts-Festival sehe ich auch nur die üblichen Gesichter: wenige sehen davon migrantisch aus. Man istpro-Palästina, aber der Teil, der gegen Antisemitismus ist, ist nicht sichtbar. Vermutlich ist es deswegen so friedlich. Selbstvergewisserung duldet keine Störung. Wenn so ein AfD-Wähler uns so sieht, dann wählt er erst recht die AfD, denke ich resigniert. Es geht kein Aufbruch von dieser Veranstaltung aus. Bräsiges Biertrinken gegen rechts.

 

Alles gute Menschen, ich bin froh hier zu sein, hier, wo so viele Menschen so harmlos sind. Aber das Pfeifen im Walde muss schon ziemlich laut werden.

 

Währenddessen streitet die Zivilgesellschaft darüber, wie man die AfD zerlegt und zerlegt sich selbst im Klein-Klein. Ich sehe entsetzt, wie sich Linke, SPD und CDU in Gegenwart des lächelnden Tino Chrupalla mit Vorwürfen überschütten. Der muss gar nichts machen, das machen die doch selbst.

 

Ich überlege, mit wem ich darüber reden kann, der mir nicht so nahesteht. Mir fallen Peppone aus Magdeburg ein, die ich in den kurzen Begegnungen sehr zu schätzen gelernt habe. Keine Spinner, das Herz am rechten Fleck. Mit denen konnte man schöne Ost-West-Späße machen, die ich mir aber ersparen wollte, denn nach lachen ist mir nicht zumute. Auch keine Analyse sollte es werden, einfach mal reden, mit denen, die jetzt mittendrin im Schlamassel stecken, irgendwie rauskommen aus der Schockstarre.

 

Im Gespräch fällt mir auf, es geht ihnen sehr ähnlich. Das Bewusstsein für das, was da noch kommen kann, ist noch gar nicht da. Die Realität ist Hendrik, Normen, Tuba und mir noch ein ganzes Stück voraus.

 

 

Subscribe to our newsletter!

1 Kommentar

  1. Lieber Swen,
    Du sprichst mir aus der Seele.
    Ich versuche meine Gedanken mithilfe der Philosophie zu sortieren und auch zu überprüfen. Momentan ist es die Negative Dialektik, ein Buch, welches ich mittlerweile zum dritten Mal lese und mir langsam einbilde, den Inhalt wenigstens einigermaßen nachvollziehen zu können. Wir müssen das Nichtidentische analysieren und auf diesem Weg, wenn nicht die Irrtümer der Anderen, wenigstens unsere eigenen zu erkennen. Ohne dabei wahnsinnig zu werden oder schlimmstenfalls zu verzweifeln.
    Ich finde Deine „Bekenntnisse“ toll. Bleib bitte so!
    Herzliche Grüße

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*