Ein Märchen von Liebe, die alles aushält

Symbolbild für unser Pärchen aus dem Märchen (Dank an Claude für das Bild)

Trink aus! Wir müssen gehen

Es begab sich einmal vor nicht allzu langer Zeit, da lebte ein sympathisches Pärchen in einer Metropole am wunderschönen Rhein. Noch viel früher wären sie sicher Königin und König gewesen. Mindestens. Beide liebten sie die Kultur oder was sie dafür hielten. Sie war natürlich wunderschön anzuschauen, klug und guten Herzens. Er war hingegen manchmal grummelig und um den einen oder anderen schlecht gelaunten Kommentar nicht verlegen. Ein nachsichtiges Lächeln von ihr oder ein ebenso vorgetragener Tadel vertrieb aber die Regenwolken und zauberte leichten Sonnenschein in ihr Leben.

Nun war es so, dass man im Freundeskreis manchmal den Kopf schüttelte, über all die Garstigkeit, die der Mann so über kulturelle Darbietungen in einem Blog oder auch Gespräch losließ. Er verfügte nämlich über die Gabe, Gutes unbedingt vom Schlechten trennen zu können. Darum war er auf einer einsamen Mission unterwegs, die hieß, über den guten Geschmack das einzig wahrhaftige Urteil fällen zu müssen. Und da wir wissen, dass einzig und wahr nicht beliebig und unwahr sein können, aber Viel sich für einzig und wahr hält, und schlimmer noch, dafür von Vielen und nicht von Wenigen gehalten wird, war es ein steter Kampf gegen Windmühlen.

Glücklicherweise waren sich beide in wesentlichen Dingen einig. Während ihr Urteil aber häufig von Milde und Nachsicht geprägt war, wenn es einmal zuvor gefällt worden war, war seine Erwartung stets hoch: Was einmal gut war, musste nicht für immer gut befunden werden. Manches überschritt zuweilen seine Halbwertszeit über Gebühr. Und dies zu benennen seine Pflicht.

Stets war er also auf der Suche nach dem Guten und fand es immer seltener bei dem Alten. So nahm ihre Begeisterung in zunehmende und abnehmende Richtung Witterung auf. Das geschah in gegenseitiger Rücksichtnahme, so dass sie beide bestimmte Themen vermieden oder elegant umschifften.

Da geschah es eines Tages, dass eine Band, die ebendiese Metropole in frühen Tagen einmal geboren hatte, deren Kopf aber schon lange nur sporadisch anwesend war, um andernorts mehr als nur Fortuna zu finden, was er im Portfolio der Fenway Sports Group, nämlich in Liverpool fand, sich folgerichtig endgültig vom Schaffen verabschieden wollte.

Schaffen war auch das große Problem der Band. Die Band hatte also lange Jahre schon nichts mehr gemacht, was zu den Dingen gehörte, die wohl einen glücklichen Umstand für unser Pärchen genannt werden konnten. Der Mann mit dem exquisiten Musikgeschmack konnte den Themenkomplex geschickt umgehen, indem er auf die Frühphase der Band und öffentlichen Vollzug in einer bekannten Parkanlage referierte, denn schließlich wollte er das Herz seiner Liebsten nicht betrüben. In der Metropole war es zudem justiziabel, sich negativ über das Werk zu äußern.

Da sich die Band aber mit Claqueuren umgab und jedermann, ob Filmschaffender, Sportler, Politiker, Rapper oder Pennerpunk, sich gerne in ihrem Licht sonnte, war ihr kreativer Schaffensprozess an irgendeinem verregneten Tag wie diesem vor zwanzig oder dreißig Jahren hängen geblieben.

Das war so weit nicht schlimm, denn unter diesen Umständen konnte auch nichts Neues entstehen.

 Als der Abschied dann aber überall verkündet wurde, stürzte die Frau darüber in tiefe Trauer, was den Mann einigermaßen ratlos zurückließ. Einzig, dass sie noch einmal neue Songs veröffentlichen wollten, konnte die Frau zurück ins Leben rufen.

Sie frohlockte über jeden neuen Ton und stimmte ein in den Chor der Vielen, die ihre Freude teilten.

Aber mit Argusaugen beobachtete sie nun ihren Mann. Der sollte sich gefälligst auch freuen, denn das ist kein zu geringer Preis für den ewigen Liebesschwur. War da ein verräterisches Zucken, war das Lachen verächtlicher Spott oder fröhliche Zustimmung? Überhaupt, nie hatte er sich bemüht, ihren Stern in der Gegenwart der berühmtesten Söhne der Stadt leuchten zu lassen. Und nochmal überhaupt, wo war seine Empathie, wo doch bald das letzte Glas geleert werden würde?

In ihm aber sperrte sich alles, wie konnte es nach dem letzten Walgesang von Timmy jetzt auch noch das geben? Obwohl er sich bemühte, er lobte sogar einen Text ein wenig. Das war in seinen Ohren das Schlimmste, was er je gehört hatte. Ihm lagen die lustigsten Verrisse auf der Zunge. Das Traurige war nur, sie würden nie gehört oder gelesen werden, denn er liebte sie über alles, und er wusste, dass das vorübergehen gehen würde. Also schwieg er beharrlich und lächelte, wenn er darauf angesprochen wurde. Die Leute würden aufhören, ihn danach zu fragen und sie würden sich lieben und gemeinsam irgendwann über die letzte Platte der Broilers lästern. Denn eins ist gewiss: Schlimmer wird’s immer!

So lebten sie glücklich, bis ans Ende ihrer Tage.

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