Oi! The LyriK: ARTLESS – Wozu auch

Artless Tanzparty Deutschland

Ein Klassiker des Deutschpunks von ARTLESS  aus dem Jahr 1980 ist 2016 von Teenage Rebel Records als Vinyl wiederveröffentlicht worden. Durch ihre Teilnahme am NO FUTURE – Film haben sie sich vermutlich den Ruf erworben, eine Duisburger Punkband zu sein, was auch damals schon einem Adelstitel gleichkam. Bekannter sind sicher ‚Großstadt‘ oder das dadaistische ‚Donnerwetter‘. Für mich war natürlich ‚Mein Bruder ist ein Popper‘ wichtiger, denn meiner war einer, wenn eine hellblaue Lederjacke ein Beweis dafür ist. Mit ‚Wozu auch‘ haben sie sicher eine Hymne auf das Dagegensein geschrieben. Der Song ist klassisch in drei Strophen und drei Refrains aufgebaut. In der ersten Strophe wird der Zeitgeist mit der Antithese ‚Die Einen machen dies, die Anderen machen das‘ beschrieben. Das lyrische Ich hat daran keine Freude. Es reagiert ablehnend auf die ungefragten Versuche, diese Lebensentwürfe lobzupreisen. Sie sind nichts wert, denn sie sind für ‚lau‘. Die Anderen ‚quatschen‘, eine Konversion des Nomens Quatsch, dass ursprünglich für Matsch und Dreck steht, aber auch 1980 schon als ‚Unsinn von sich geben‘ verwendet wird. Konkretisiert wird das am Ende der Strophe mit der Zweckhandlung, Überstunden für den Kauf eines neuen Autos zu machen.

Im Refrain rahmt das lyrische Ich mit der Frage ‚Wozu?‘ den Vers ‚Alle quatschen auf mich ein, nimm dies, nimm das‘ ein. Die anonyme Masse wird mit dem Indefinitpronomen ‚alle‘ gekennzeichnet, dem das Reflexivpronomen ‚mich‘ passiv gegenüber steht. Zwei Befehle ‚Nimm dies, nimm das‘ prasseln gleichfalls anonym auf ihn ein.

In der zweiten Strophe wird die Herkunft der (Konsum)werte Mode, schöne Autos, Disco und Parfum mit Werbung und Fernsehen ausgemacht. Auch hier handelt es sich wieder um das ‚Gequatsche der Leute‘, was nochmals eine Abwertung des Quatschs darstellt. Mit der nächsten Antithese ‚Ich hab meine Meinung, doch ich hab kein Ziel‘ tritt das lyrische Ich aktiv dagegen an. Dem Credo ‚No Future‘ folgend, setzt es die Ziellosigkeit als existenzialistische Grundhaltung entgegen. Und ein zweites und letztes Mal folgt der Refrain ‚wozu?‘.

Dem folgt mit der finalen Strophe das geballte Ich. Gleich fünf Verse beginnen mit dem Personalpronomen im Nominativ also Subjekt im Satz. Das lyrische Ich schmettert dem Hörer seine Konsumverweigerung ‚Ich brauch nicht jeden Monat neue Schuhe, neue Jeans‘ entgegen. Stattdessen spart es Geld beim Frisör, um sich davon Bier zu kaufen. Hiermit werden natürlich klassische Punkthemen angesprochen, wie dem Hass auf Konformität und Uniformität ‚Ich hasse Uniformen, Fahnen und Parolen‘ womit auch gleich noch ein weiterer schädlicher Feind ausgemacht ist. Und um das gegen Ende zu brechen, schreibt das Ich im letzten Vers ‚Ich weiß nicht was ich will, aber das krieg ich bestimmt noch raus‘. Damit bricht der Texter dann auch das bis dato streng eingehaltene Paarreimschema, um die Verweigerungshaltung und Zerstörungswut zu zelebrieren.

Im finalen Refrain gibt es dann auch die Antwort. Der Imperativ ‚Hör zu!‘ rahmt die wunderschöne Antithese ‚Ich weiß nicht, was ich will, aber ich weiß, was ich nicht will‘. Gleich viermal ‚Ich‘ in einem Vers. Das lyrische Ich scheint sich recht sicher zu sein, durch pure Verweigerung das Richtige zu tun. Insofern kann man das schon als prototypischen Punksong aus einer längst vergangenen Zeit ansehen, der im Spiegel der heutigen Zeit durchaus mit einer Neuinterpretation zu glänzen wüsste.

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*