Zebracore – Hannes Siaminos im Interview

Was hat es eigentlich mit dem Namen „Zebracore“ an sich? Was steckt dahinter?

Wie der Name halt sagt, waren wir alle aktive MSV-Fans. Das Wort ZEBRACORE taucht erstmalig im Jahre ´92 auf. Auf wessen Mist das gewachsen ist, kann ich heute nicht mehr sagen. Da ist vieles im Alkheimer- und THC-Nebel versackt. Ich kenne auch niemanden, der das für sich proklamiert. Wir waren ein loser Zusammenhang von ca. 50-70 Leuten aus einem breiten linken Spektrum aus DU & OB. Das Punkzebra vom ZEBRACORE-Logo ist so um ´93/´94 entstanden. Unser Treffpunkt war ein Kiosk, das MSV-Büdchen, auf dem Weg von Hochfeld zum Stadion. Von dort dann in die Nordgrade, Fluchttor 13. Das war unser Stammplatz. Das Wort war in unserem Zusammenhang halt erstmal ne nette Wortspielerei und verband unseren Lieblingsverein und meine Lieblingsmusik HC sowie im weiteren Sinne unsere Gesänge beim Fußball ideal. Besser hätte ich meine Vorlieben nicht benennen können. Als dann ´94 die zweite Konzertgruppe startete, haben wir den Namen kurzer Hand übernommen.

Seit 1998 gehe ich nicht mehr zum Fußball, aber im Herzen bleibe ich immer nur MSV Fan. Aber wie beim Metal geht mir auch im Fußball die Kommerzialisierung auf den Sack. Warum soll ich diese verwöhnten Millionarios finanzieren? Ich verdiene nur noch durch Fußball, wenn ich da arbeite.

Wie kam es dann dazu, dass Konzerte in der FABRIK in Duisburg stattfinden konnten? Was war das für eine Hütte – wie muss man sich die Fabrik vorstellen?

Wie bereits oben erwähnt, wurde die Fabrik, offizieller Name KULTURZENTRUM FABRIK e. V., 1978 aus der linkspolitischen Studentenszene gegründet. Das Gebäude lag in einem Hinterhof an der Grabenstraße in Neudorf. Rundherum nur Wohnhäuser. Die hatten aber alle keine grünen Gärten hinter dem Haus, sondern nur kleine Höfe, weil Neudorf tatsächlich eine industriell geprägte Hinterhofbebauung hat. Im 19. Jahrhundert gab es in Neudorf viele kleine Fabriken in den Höfen und in so einem Bau waren wir halt drin. Eigentlich bestand die ehemalige Fabrik aus zwei Gebäuden. Ein Teil war an eine Kampfsportschule vermietet, der andere an uns. Der Komplex gehörte einem alten Mann, der viele Immobilien im Umfeld besaß. Der Fabrikkomplex war sein Herzstück, weil erste eigene Immobilie. Da er „die jungen Leute gut leiden“ konnte, hat er uns immer in Ruhe gelassen, auch wenn mal doch eine Beschwerde rein kam. Wir konnten auch mal in schlechten Zeiten zwei Mieten im Rückstand sein, der hat immer abgewunken und gesagt, wir sollen halt kommen, wenn wir´s haben. Lustiger Weise hat auch noch meine Tante bei ihm Buchhaltung gemacht. Das war so entspannt. Als er Ende der 90er verstarb, erbte der Schwiegersohn den Komplex. Und vorbei war es mit der Ruhe. Die Miete wurde immer teurer, wir mussten immer wieder mit neuen Schikanen kämpfen, die Nachbarschaft fing auch an, Terror zu machen. Anfang der 2000er wurde es immer schlimmer, vor allem finanziell. Das schlägt auf´s Gemüt und so wurde es auch hausintern immer frostiger. Sowas ist dann der Anfang vom Ende. Ich zog mich 2001 zurück, hatte ab da andere Prioritäten.

Das Gebäude war 3-geschossig, im EG war ein Autoschrauber beheimatet. Unsere Räume waren die oberen. Der Veranstaltungsraum war in der ersten Etage und zum Eingang führte eine Rampe, über die auch Autos in eine weitere benachbarte Werkstatt fuhren. Die Rampe war das eigentliche Herzstück des Ladens. Im Sommer lud sie zum rumgammeln ein, im Winter war sie bei Eis und Schnee eine stetige Herausforderung und die Bands haben meist gekotzt. Nicht jede Handbremse hat es geschafft, den Van samt Equipment zu halten, und so mussten einige ihr ganzes Equipment die Rampe rauf schleppen und rollen. Und ich würde der Rampe mal bequeme 35° Neigung bescheinigen.

Der Konzertraum war ein sehr langer Raum mit Holzboden – und Decke, was für eine brauchbare Akustik sorgte. Allerdings hatte der Raum so gut wie keine Schallisolierung nach außen, sondern doppelt verglaste Plastikfenster, in meinen Anfängen sogar noch die originale Einfachverglasung. Dass da die Nachbarn nicht sofort auf die Barrikaden gegangen sind, wundert mich bis heute. Sowieso, dass der Laden unter den Umständen 25 Jahre überlebt hat, grenzt für mich heute an ein Wunder. Wenn man rein kam, war gleich am Anfang ein kleiner Vorraum, dahinter die Kneipe mit Bühne am Ende und Theke am Anfang. Insgesamt so 40 – 50 m lang und 5 m breit. Über eine Treppe erreichte man das 2. OG mit dem Männerklo. Das Frauenklo war unter der Treppe. Im 2. OG waren einige Büros und am Ende quasi über der Bühne der Bandraum.

Einen Eindruck bekommt man, wenn man sich dieses Video auf meinem Kanal ansieht


ZEBRACORE… du hast die Konzerte ja nicht alle alleine über die Bühne gebracht, sondern hast du bestimmt einige Leute mit dabei gehabt. Welche Halbgescheiten und gescheiterten Existenzen haben sich denn da hervorgetan und haben mitgemacht?

Sowas kannste ja gar nicht alleine machen. Das ist immer Teamwork, anders geht es nicht. Das ist ja nicht so, dass du ´ne Band anrufst, die komme, spielen, halten die Hand auf und sind weg. Das Veranstalten ergibt eine sehr umfangreiche ToDo-Liste. Da ist die Vorarbeit, Termine rechtzeitig an die Presse, nicht Fanzines sondern Coolibri und so. Rumfahren und Poster hängen. Dann Anlage leihen und aufbauen und im Idealfall auch bedienen können, Bandessen kochen, Bölkstoff besorgen, dann Kassen- und Thekenschichten bedienen, mit den Bands im Haus bleiben und am nächsten Tag Frühstück machen, Aufräumen, Anlage abbauen und dann zwei Tage pennen, weil man das Alles selten nüchtern überstanden hat.

Da braucht es viele Leute. Wie weiter oben schon erwähnt, waren wir im Kern sechs Leute, eigentlich 7, aber einer bleibt außen vor, der geht jetzt mit den IDENITÄREN. Mit dem weiteren Unterstützerumfeld würde ich auf 15 Personen kommen.

Die Punkszene in der FABRIK war immer mehr dem HC / Politpunk verschrieben. Eine Ausnahme gab es 1990, da gab es ein Konzert unter dem SCUMFUCK Banner. Es spielten THE SECT und WOMBELS. Willie hat damals eigentlich im Old Daddy seine Gigs veranstaltet, aber aus einem mir nicht mehr geläufigen Grund wollten die das bei uns machen. Ich glaube, die mussten ausweichen. Jedenfalls war das mein einziger Kontakt mit Wuchers W. bis heute. Wobei ich sagen muss, dass alles korrekt gelaufen ist. Alles war gut, aber es war nicht meine Tasse Tee. Ich stehe halt auf Bumm Bumm statt auf Gabba Gabba Hey. Von daher hat mich dieses Konzert schon eingenordet.

Aber ZEBRACORE war weit mehr als die Konzertgruppe. Wir sind unter dem Banner sehr viel in immer wechselnden Konstellationen auf Punks Picnics, D.I.Y.-Festivals und mit Bands unterwegs gewesen. Und wir haben Touren für Bands gebucht. Die längste davon war die ´96er EX-CATHEDRA / MACHINE GUN ETTIQUETTE Tour. 4 Wochen insgesamt. Das war Hölle lustig aber auch viel Arbeit. Wir wollten nix dafür, aber die haben uns dann doch kleine Beträge aufgedrängt. Aber das waren Freunde, weil wir für die Ende ´95 schon was gemacht hatten. Ich habe noch je eine Woche Tour für TOXIK BONKERS (PL) in ´96 und für INFEKCJA und ENOUGH! (beide PL) in ´98 gebucht. Danach habe ich damit aufgehört, zu anstrengend das alles. Das hatten andere Kollege besser drauf. All das hat damals unzählige Freundschaften hervor gebracht, auch wenn die meisten Kontakte heute nicht mehr da sind.

Am Lagerfeuer in Duisburg an lauen Abenden erzählt man sich so manche Anekdoten aus der ZEBRACORE Historie? Manche gelten als legendär. Was hat es mit dem CROSSBREED Konzert auf sich?

Ja, die CROSSBREED (Norwegen) Geschichte. Sehr spaßig. Das war eins der wenigen Konzerte, das wir in der Woche gemacht haben. Remember the neighborhood. Aber an diesem Tag hatten wir nur die eine Band gebucht, weil ich unbedingt die aktuelle Band von Gunnar nach SO MUCH HATE sehen wollte. Das da auch DISORDER Leute bei waren, habe ich damals gar nicht mitgeschnitten. Habe jedenfalls selten sowas tief gestimmtes gehört. Mittelschneller Metalcore würde ich jetzt mal sagen. Ungewöhnlich zu Gunnars Stimme, aber geil.

Wie vorher schon mal erwähnt, lagen wir sehr verkehrsgünstig auf der Oslo-Karlsruhe-Achse und so ergab sich das dann. Die Band war am Tag vorher in der Partyhochburg Karlsruhe und kam mit leichter Zechprellung bei uns an. Nach ein, zwei Hopfentee gegen die Schmerzen wurde erfolgreich gesoundcheckt und man harrte der Dinge, die da kommen sollten. Das Konzert sollte zeitig beginnen (Nachbarn), damit wir bis 22 Uhr fertig wären. Leider tauchten nur ca. 30-40 Leute auf, aber das tat der Stimmung keinen Abbruch. CROSSBREED legten dann auch pünktlich los, rockten das Haus und … der Schlagzeuger kotzte erstmal ordentlich ab. Essen schlecht? Nee, alle anderen waren fit. Also weiter ging es… für zwei Songs, dann war Schluss. Der Drummer kippte vom Hocker und wurde in den Bandraum gebracht. Das war es dann mit dem Konzert, welches als das kürzeste in unsere Geschichte eingehen sollte.
Wir hatten 7 DM an der Kasse aufgerufen und boten allen Gästen an, den Eintritt zu erstatten. Cooler Weise hat das aber niemand in Anspruch genommen, was für mich bis heute immer noch eins der schönsten Erlebnisse ist. Da hatten CROSSBREED wohl mit 5 Songs genug Eindruck geschunden. Spekulationen, der Drummer leide unter der Steffi-Hangover-Krankheit, sollten sich später als falsch erweisen.

Da unser Sorgenkind noch Abends Fieber bekam, wurde beschlossen, am nächsten Morgen einen Arzt zu konsultieren. Wir haben dann noch bis morgens gefeiert und gekickert. Nach ca. 1,5 Stunden Schlaf um 9 Uhr noch lattendicht mit dem Kollegen und Gunnar zum Doc gepilgert. Ich muss erwähnen, dass es der Hausarzt meiner Eltern war und ich ihn kannte. Ich habe also dort angerufen und die Situation erklärt. Der Meister gewährte uns dann eine Audienz mit dem Hinweis, es könnte Wartezeit geben. Also stratzen zwei lattendichte und ein kranker Punk Richtung Arzt, entern erfolgreich die Praxis und nehmen Platz. Es dauerte ungefähr 5 Minuten, die Tür ging auf und mein alter Herr betrat die Praxis, Kurzes stutzen, verwirrter Blick. Ich meine, du gehst zu deinem Arzt, denkst an nix böses und da sitzen dann drei nach Alk stinkende Punx vor dem Wartezimmer und einer davon ist peinlicher Weise dein Sohn!!! Geht´s noch geiler? Er ging dann mit einem knappen „Guten Morgen“ an uns vorbei ins Wartezimmer und ward nicht mehr gesehen. Ich habe Gunnar dann die Situation erklärt. Was haben wir gelacht.

Naja, der Arzt war dann auch sehr cool, genauso die Assistentin. Der Drummer sollte sich anmelden. Meldeadresse in Oslo – No, Insurance/Versicherung-No. Äh, kurzes Stirnrunzeln seitens der Empfangsdame, dann kam „Einen Moment“ und sie verschwand. Als sie wiederkam, sagte sie, wir könnten jetzt rein. Der Arzt hat ihn dann untersucht, nachdem er sich hat erzählen lassen, was so eine Horde bunte Wikinger ausgerechnet nach Duisburg verschlägt. „Ach so, die FABRIK. Na klar“. Dann hat er ernsthaft die Hand aufgehalten und gesagt „Macht 20 Mark“. Obendrauf gab es noch ein Antbiotikum. Das nenne ich echt mal korrekt und es war das zweite Positive an dem Konzert. Der Schlagzeuger hatte übrigens vereiterte Mandeln und ihm wurde nahegelegt, 24 h das Bett zu hüten, bevor es weitergeht. Die Band sollte aber abends in Hamburg spielen. Also absagen? No way, it´s Rock´n´Roll Baby und so verabschiedeten sich die Norweger mit krankem Drummer, aber auch mit passenden Medis gen Norden.

Mein Vater hat übrigens auch danach weiter mit mir gesprochen. Hat ihn auch amüsiert, aber die Situation war ja sowas von drehbuchhaft.

Ich erinnere mich, dass Ihr von ZEBRACORE auch mal ganz gerne unterwegs wart. Wart Ihr nicht sogar mal zum PUNX PICNIC nach Edinburgh in Schottland gefahren?

Klassenfahrt nach Edinburgh, jaaa!!! Das haben wir sogar zweimal gemacht. Die OI POLLOI PUNX PICNIC PROPAGANDA MACHINE hat ja ´95/´96 so viel Action gemacht, das war echt bemerkenswert. Die lokale Szene in Edinburgh hat ´95 und ´96 ein PUNX PICNINC organisiert, das es in sich hatte. Wir beschlossen also schon ´95, dorthin zu fahren. Ich habe mich auf meinen Bock geschmissen, um solo dahin zu fahren und die Anderen dort zu treffen. Ich bin über die Autobahn zur Fähre und wollte dann auf der Insel nur Landstraße fahren. Ohne Hetze hatte ich zwei Übernachtungen geplant. Nach der zweiten Nacht musste ich leider morgens feststellen, dass mein Mopped geklaut worden war. Jetzt stand ich also mit Helm, aber ohne Gefährt an der schottischen Grenze in einem Fischerkaff, wo nie was passiert, und musste kurz mal explodieren. Also zum nächsten Bahnhof und den Rest der Strecke mit ´nem Zug gemacht. Ich habe das Wochenende dann in Edinburgh verbracht, aber die Luft war raus, obwohl es eigentlich geil war. Ich wurde bekannt als „the guy with the stolen bike“. Ständig mit dem ADAC telefoniert, die mich dann nach Hause geholt haben. Aus ´nem 10 Tage Fest wurden also 2,5.

Ein Jahr später konnte ich das PICNIC dann in voller Länge genießen. Wir als Reisegruppe waren ca. 10 Leute, insgesamt mögen dort bestimmt 800 – 1000 dauerhaft gewesen sein. Die Leute vor Ort hatten das dermaßen geil geplant, das kann man kaum beschreiben. Bis zu 3 Konzerte jeden Tag, teilweise zeitversetzt, so dass man auch mehrere Sachen sehen konnte. Leere Häuser wurden zum Besetzen ausgespäht als Pennplatz, teilweise sogar mit Klärung der Eigentumsverhältnisse. Ist der Besitzer nicht eindeutig zu ermitteln, dürfen die Cops nämlich nicht räumen. Oder PUNX IN TRUNX, 400 Punker stürmen die lokale Schwimmanstalt zur kollektiven Reinigung und um ein Bad zu nehmen. Haste ´ne Ahnung, wie so viele Punks nach 5 Tagen Dauerfeuer aromatisiert sind? Jedenfalls waren die lokalen Käseblättchen am nächsten Tag voll davon, zum Teil Titelstorys.

Mein persönliches Highlight war das Konzert auf Cramond Island. Zwei Flüsse münden bei Edinburgh in einer großen Bucht in den Ärmelkanal. Die Zugänge wurden im 2. Weltkrieg durch Bunkeranlagen, die auf kleinen Inseln gebaut wurden, geschützt. Die Bunker wurden nach dem Krieg aufgegeben und verfielen. Irgendein genialer Kopf der Edinburgh-Szene hatte dann die Idee, auf Cramond Island ein Festival im Rahmen des PUNX PICNIC zu veranstalten. Die Besonderheit dieser Insel war, dass man sie bei Ebbe zu Fuß erreichen konnte und bei Flut eben nicht. Es wurde also überall drauf hingewiesen, dass man bis zu einer bestimmten Uhrzeit dort sein musste, sonst hatte man halt Pech gehabt. Es hatte aber auch den Vorteil, dass keine Cops kommen konnten. Und man musste seine Getränke selber organisieren. Es gab keinen Verkauf. Und wenn alle war, war alle. Es spielten 4 oder 5 Bands, ich kann aber nicht mehr sagen, welche. Wir pennten auf der Insel und wurden morgens von neugierigen Robben beäugt, weil wir vielleicht deren Plätze geklaut hatten. Und jeder, der bei Ebbe zurückging, musste Müll mit an das Festland nehmen, wo nicht die Cops, sondern die Müllabfuhr wartete. Und das Sonntags. Das nenne ich perfekt organisiert und das hat mich auch so ein bisschen für unser Open Air inspiriert.

Diese Veranstaltungen, auf denen unzählige Bands von überall her spielten, haben viel bewegt. Wir haben ´95 X-CATHEDRA kennengelernt, deren Touren wir organisieren durften. Oder andere Bands, die später in der Fabrik gespielt haben, kennen gelernt. Auch die Leute, die wir da kennengelernt haben, haben wir immer wieder überall getroffen. Am kuriosesten dabei sicher, als ich 2001 die HIATUS Crew im COVERED WAGGON SALOON beim VIBRATORS Konzert in San Francisco getroffen habe. Die Welt ist halt ein Dorf.

Irgendwann hattest du aber aufgehört Konzerte zu veranstalten. Was hat dazu geführt?

Da war zum einen der Fakt, dass ich mich nach über 20 Jahren Rock und Punk ganz schön ausgebrannt gefühlt habe. Die vielen Konzerte und Partys mit den ganzen Exzessen zehren halt irgendwann doch an dir. Ich hatte damals meine heutige Frau Pina kennengelernt, wir wurden 2001 schwanger und heirateten noch im selben Jahr. 2002 kam dann die erste Tochter, 2004 die zweite. Heute beide bildhübsch, superschlau, super zickig und mein ganzer Stolz.

Außerdem hatte ich 2000 die einmalige letzte Chance, eine Ausbildung zu machen. Damals wurde der Beruf des Veranstaltungstechnikers erschaffen und in Duisburg kam tatsächlich eine Umschulung zu Stande, die auch für Studienabbrecher angeboten wurde. Also auf den Zug aufgesprungen und im Sommer 2002, also damals schon mit Familie, den Gesellenbrief erhalten. Es war damals schon klar, dass der Weg in die Selbstständigkeit folgen muss, so ist der Markt damals gewesen. Fazit: junge Familie und Freelancer, schwierig genug.

Als dritter Faktor kam erschwerend hinzu, dass meine Eltern beide schon damals schwer von Krankheit gezeichnet waren. Deren Geschichte könnte auch Bücher füllen. Jedenfalls beide pflegebedürftig, starb meine Mutter schon 2002, mein Vater hat es danach nicht aus dem Haus geschafft, mit MS, Bechterew und Parkinson alles reingezogen, was das Leben schwer macht. 7 Jahre habe ich ihn dann neben der Familie und dem Freelancertum noch mit versorgt, bis er es dann 2009 auch hinter sich gebracht hatte.

Du bist in den letzten 2 Jahrzehnten verschwunden gewesen. Ich war mir sicher, dass du im Knast warst mit anschließender Sicherheitsverwahrung. Aber jetzt hat man dich wieder freigelassen. Wie gefällt es dir, wo du jetzt wieder Anschluss an die Hardcore Punk Szene gefunden hast?

Naja, das waren so die persönlichen Aspekte, die mich aus der Szene gezogen haben. Aber es gab schon auch andere Gründe. 2003 das Ende der FABRIK, Home of the ZEBRACORE, war sehr schmerzhaft. Da hing zu dem Zeitpunkt fast die Hälfte meines Lebens dran. Zum Glück war ich zu dem Zeitpunkt schon ein Jahr auf Distanz, so dass mich das nicht mehr zu sehr mitgenommen hat. Dann kam hinzu, dass sich Gruppe nach dem Aus der FABRIK spaltete, einige wechselten ins DRUCKLUFT, andere ins AZ Mühlheim. Die waren zum Teil auch privat zerstritten, es hatte sich einfach irgendwie erledigt. Ich habe meinen harten Schnitt nie bereut, es war richtig zu dem Zeitpunkt. Für mich. Ich habe auch damals aufgehört zu saufen und das konsequent bis heute. Tut gut sag ich dir. Und wenn ich ein Bier trinke, habe ich einen sitzen. Sehr angenehm und sehr billig.

Dann kam hinzu, dass mich neue Sachen immer seltener vom Hocker gerissen haben. Der letzte richtige Schlag in die Fresse, wo ich gesagt habe: Wow knallt das, war damals das KORT PROSESS Demo Tape anno 1995, danach hat nix mehr bei mir so eingeschlagen. Und die Digitalisierung hat den Sound einfach langweilig gemacht. Das wurde mir zu einheitlich von der Klangqualität und zu sauber. Heute kommt dann jede Novizenkombo mit mindestens einem hörbaren Sound, Bands die Ahnung haben, gar mit echten Raketen um die Ecke. Da geht der Charme ab. Musikalisch gibt es natürlich immer wieder geile Sachen, aber es ist eben anders als früher und geht mir in der Form nicht mehr so rein.

Was mir aber einen mehr als gleichwertigen Ersatz gibt, ist Youtube. Da suche ich gerne nach Perlen, die während meiner aktiven Zeit an mir vorbei gegangen sind. Damals ist ja so viel raus gekommen, das konnte man gar nicht alles kennen. Und nach coolen Videos aus den 80ern, die ich ja punkmäßig nicht selber erlebt habe. Im Grunde ist es so, während du, Helge, in den 80ern nach Winterswijk und Venlo gefahren bist, bin ich nach Eindhoven in den DYNAMO CLUB gefahren. Die haben später das bekannte Open Air begründet.

Heutzutage nutze ich tatsächlich auch Facebook, allerdings nur zum texten und nach alten Bekannten zu suchen. Bisher hatte ich das standhaft boykottiert. Schuld war der drecks Coronawinter. Ich habe den ganzen Dezember 2020 zu Hause verbracht wie die Meisten. Irgendwann kam dann im Keller rum räumen an die Reihe und dabei bin ich auf meine paar VHS Kassetten von damals gestoßen. Die sahen ungepflegt und dreckig aus und ich dachte: Jawollo, jetzt ist der Zeitpunkt zum Digitalisieren da. Gesagt, getan. Ich hatte die Gerätschaften, jetzt hatte ich auch die Zeit. Das Ganze hat zwei Tage gedauert. So jetzt hatte ich die Videos auf dem Rechner und nun? Ab nach Youtube, Kanal gestartet und angefangen, die Bands zu recherchieren. Und was ist dafür unersetzlich? Facebook. Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Leute man dort findet, von denen man das nicht erwartet hätte. Na und so frischen die Kontakte langsam wieder auf.

Du hast in den vergangenen Monaten eine Menge Liveaufnahmen der von dir veranstalteten Konzerten digitalisiert und auf Youtube eingestellt. Hattest du damals alles vorsätzlich aufnehmen lassen, oder wie kam es zu den Liveaufnahmen? Wer hatte die damals gemacht (gemischt)? Und auf welchem Youtube-Kanal kann man deine Aufnahmen finden?

Ja, nachdem ich mit den Videos fertig war, bin ich an meine Livetape Sammlung geraten. Da hatte ich die Idee, die Sachen auch zu digitalisieren, bevor die Tapes schlapp machen. Ich glaube, der Zeitpunkt hätte perfekter nicht sein können, denn das ist sehr zeitaufwendig. Eines der Tapes ist auch direkt nach der Digitalisierung gerissen. Super Timing also.

Letztendlich existieren von der FABRIK über 50 Aufnahmen, 20 Aufnahmen aus dem DRUCKLUFT und der Rest ist im Laufe der Zeit hier und da entstanden. Insgesamt über 100. Eine gute Freundin von mir hatte Anfang der 90er kurzzeitig Interessen im Bereich Filme machen und wollte sich dort auf Ton spezialisieren. Dafür hatte sie sich einen hochwertigen Aufnahmerecorder zugelegt. Nachdem ihr Interesse am Film abflaute, konnte ich mir den öfter mal ausleihen. Das war so ein tragbarer Sony-Recorder mit separaten Mikroeingängen. Dazu 2 SM 58 Mikros und die habe ich dann über der Theke, später über der Bühne vor der Anlage hängen gehabt. Da wurde gar nix gemischt, alle FABRIK Konzerte sind reine Raumaufnahmen. Da kommt auch nix vom Pult, wir hatten nur eine Gesangsanlage. Da sieht es bei den DRUCKLUFT-Aufnahmen anders aus. Da sind die meisten Pultmixe.

Ich habe früh mit Aufnahmen angefangen. Ich wollte das immer als Erinnerung bunkern, ohne weitere Hintergedanken. Konnte ja damals keiner ahnen, was heute möglich ist mit Internet und so. In der Regel habe ich es nicht mal geschafft, den Bands ´ne Kopie zu schicken. Die Tapes sind nach dem Konzert einmal angehört worden und dann in die Truhe gewandert. Ich habe die nie wieder gehört bis auf zwei, drei Ausnahmen. Meine erste Aufnahme war CELTIC FROST im Tor 3. Damals hatte ich ´nen Walkman mit Aufnahmefunktion bei Quelle gekauft extra dafür. Brauchte 6 Batterien, nach ´ner halben Stunde machte der schlapp. Dann 1990 das erste Mal in der Fabrik unser Heiligabend Konzert mit 4 Bands ANASTASIS, WINDSCALE, SPARKIN PLUGS und SEETHING FLOORS. Na und dann eben immer wieder mal. Im Laufe der Zeit hat sich dann halt einiges angesammelt.
Jetzt, wo die ganzen Tapes gerettet / digitalisiert sind, versuche ich, die klanglich noch besser hinzukriegen. Das klappt auch ganz gut mit Hilfe von Audacity, das ist ´ne freie Software, mit der man schon einiges machen kann. Aber im Grunde ist schon die Originalaufnahme entscheidend. Ohne gute Basis geht da nix. Aus Scheiße kannste halt kein Gold machen Wir hatten in der FABRIK meistens einen brauchbaren Sound, sonst wären die Aufnahmen ja auch schlecht. Ich habe z. B. die 6000 CRAZY Aufnahme von unserer 20-Jahresparty zusammen mit der DETESTATION Aufnahme aus Karlsruhe als Solitape für die KÖPI in Berlin veröffentlicht. Corinna und Roland von ASEK REC. aus DU haben das geschnitten und auf Rohling gebrannt, was für mich ´98 noch nicht möglich war. Die haben auch mal vereinzelt Konzerte quasi in Kooperation mit uns gemacht. Naja das Tape jedenfalls wurde ca.400 Mal verkauft insgesamt, 50 x von mir, 50 x von den Amis und ca. 300 Mal über TRUJACA FALA aus Polen. und es hat auch gute Kritiken bekommen, auch für den brauchbaren Sound. Der war damals direkt vom Original Tape.

Die beiden Aufnahmen habe ich jetzt leicht überarbeitet und in voller Länge auf meinem Youtubekanal ZEBRACORE FABRIK hochgeladen mit leicht überarbeitetem Sound. Dort werden alle Aufnahmen eines Tages drauf sein, auch die kleinen Bands. Ich finde, die Sachen sind einfach zu schade um inner Kiste zu verstauben und vergessen zu werden. Dann lieber für Alle für immer im www. Und der Kanal wird auch nicht monitarisiert, also vermarktet. Weiterhin im Sinne des D.I.Y.-Gedanken. Außerdem versuche ich, alle Bands irgendwie zu kontakten und Dank drecks Facebook klappt das auch nach bis zu 30 Jahren erstaunlich gut. Trotzdem bleibt Facebook Kacke.

Was die Qualität der Aufnahmen angeht, kann ich sie hörbarer machen. Wenn die Gitarre leise ist, bleibt sie leise. Ich bearbeite die Sachen mit Audacity, da geht schon was. Aber manche Sachen sind halt übersteuert oder es fehlt der Gesang komplett.

Du hast aber auch ein paar Auswärts-Spiel Aufnahmen aus Norwegen mit am Start. Was hat es damit auf sich? Sind die nicht komplett unveröffentlicht?

Ja, die Norske Connection, das war immer gut mit denen. Die ersten Norweger, die mir über den Weg liefen, waren LIFE…BUT HOW TO LIVE IT?. Die haben mich echt umgehauen. Also habe ich die nach nem Konzert in Münster einfach angehauen, ob sie nicht Bock haben bei uns zu spielen. Gesagt getan, Ende 1991 sollte es so weit sein, ich mich gefreut wie Bolle, und was passiert? Die Tour wird eine Woche vor unserem Konzert abgebrochen wegen ´nem Todesfall im Umfeld der Band. Habe ich gekotzt. Aber die Band hat versprochen uns bei der nächsten Planung zu berücksichtigen. Und so kamen sie dann im April ´92. Ein unglaublicher Abend, echt einprägsam. Da werde ich heute noch ab und an drauf angesprochen. Und ich habe das Konzert aufgenommen, das konnte ich mir ja nicht entgehen lassen. 1991 habe ich SO MUCH HATE kennengelernt, auch super Leute. Mit denen war ich 1992 sechs Tage unterwegs, ein großer Spaß. Von denen habe ich auch ne Aufnahme aus Köln, allerdings von 1996. Naja, dann haben noch zweimal KORT PROSESS bei uns geballert, DRUNK waren da, habe ich alles auf Tape. Und tatsächlich alles unveröffentlicht, ja. Aber das soll nicht so bleiben.

Hast du von irgendwelchen Bands, deren Aufnahmen du damals gemacht hast, jetzt mal eine Rückmeldung erhalten?
Gerade ganz frisch eine geile Erfahrung gemacht. Ich habe seit vorgestern Kontakt mit den INSIDE OUT (Detroit) Mädels geknüpft. Das ist eine der wenigen Bands, denen ich direkt Kopien geschickt habe damals. Offenbar bis heute die einzigen bekannten Aufnahmen von ihrer 1991 Europa-Tour. Die sind richtig happy darüber.

Was hast du für die Zukunft noch in der Planung?

Keine Ahnung. 100 Aufnahmen wollen ja auch erst mal verarbeitet werden. Das wird eine Zeit in Anspruch nehmen. Aber es ist halt auch endlich. Irgendwann ist alles drin im Netz. Aber es gibt ja noch andere Sachen neben dem FABRIK-Kosmos. Woanders haben ja auch Leute Konzerte aufgenommen. Ich habe mir vorgenommen, mich weiter auf Tonaufnahmen verbessern zu spezialisieren. Ich würde auch fremde Aufnahmen veröffentlichen, wenn es mir gefällt. Das ist die Prämisse. Denn ich bin mir sicher, dass da noch viel Material im Verborgenen schlummert. Im Speziellen bin ich mir sicher, dass es auch aus der FABRIK noch Videos geben muss. Audios wohl weniger, das habe ich ja selber gemacht. Aber ich würde mich auch sehr über Aufnahmen aus den 80ern, egal ob Audio oder Video, freuen, ins besondere auch vom ESCHHAUS. Das war zwar nicht mein Laden, aber ein Meilenstein in der Duisburger HC Geschichte und gehört damit indirekt auch zu meiner Historie.
Mit Karriere machen wird es wohl nix mehr, also mische ich weiter Audios zu Hause und verstricke mich wieder mit Leuten weltweit.

Ansonsten suche ich eigentlich alles, was die alten Tage dokumentiert, also Veranstaltungsposter, Fotos, Flyer, Zeitungsschnipsel, alles eben. Wer also Material anbieten kann, darf mich gerne kontakten auf zebracore.fabrik@web.de oder Facebook: https://www.facebook.com/profile.php?id=100009459301078 . Ich lasse mich mal überraschen, ob da was passiert. Schön wäre das.

Ich danke dir für die Gelegenheit, dass mal so runter zu schreiben. War tolles Kopfkino. Da sind Erinnerung hoch gekommen, sehr schön. Ich schreibe jetzt ein Buch.

Interview: Helge Schreiber

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