Ein Impfbericht


Sogleich meldete sich mein ältester Feind, der Minderwertigkeitskomplex, blies mir kalte Luft durch den Bauchraum und schnürte meine Kehle mit Kindheitsbändern. Gerade noch bekam ich ein „Nein…“ heraus, flüsternd und dem Worte dankbar, dass es nicht mehr Silben sein eigen nennt, denn andernfalls hätte ich, Angst-Stotterer seit dem achten Lebensjahr, wohl mehrere Anläufe dafür gebraucht.
„Coole Frise“, kicherte sein neben mich getretener, krummer Untergebener, der augenscheinlich mit der Drecksarbeit betraut war und eben meinen Hemdsärmel hochkrempelte. Verzweifelt suchte ich nach einer geistreichen Antwort auf sein substanzloses Kauderwelsch, denn mein Ende vor Augen, wollte ich zumindest nicht widerspruchlos abtreten und mir einen Rest Würde bewahren. „Nun…“ hob ich also an, wurde jedoch erbarmungslos vom geschäftigen Sprachkrüppel abgewürgt. „Schon feddich. Bitte noch ne Viertelstunde in den Wartebereich. Da geht´s lang!“ Ich hatte das Eindringen der Giftspritze nicht einmal bemerkt. Dafür spürte ich jetzt umso deutlicher das Fremde, das in mich geflossen war und unwiderruflich zu wirken begann. Ich wankte aus dem weißen Zelt, unbemerkt vom untätigen Kurpfuscher, der längst wieder stumpf auf sein Smartphone starrte, und folgte erneut Pfeilen und Schild gewordenen Anweisungen, gepeinigt von der Erinnerung an meine Unaufmerksamkeit und mein rhetorisches Versagen sowie der bibbernden Erwartung des anaphylaktischen Schocks und ähnlicher Scheußlichkeiten. Bald gelangte ich in den großen Musicalsaal, in dem bereits hunderte Schafe jeglichen Alters und Geschlechts angstvoll der Dinge harrten, die da kommen sollten. Von vermutlich wunderschönen, leider ebenfalls maskierten Servicekräften wurde mir ein mit Plastikfolie überzogener Platz in einer mittleren Sitzreihe zugeteilt. Unfreiwillig und schockierend plötzlich stellte sich bei mir die Erinnerung an einen alten Scorsese-Film ein, dann an einen Viurus-Schocker mit Dustin Hoffman, endlich an sämtliche Ebola-Nachrichten, die ich einst aus Zeitungen ausgeschnitten und in finsteren Alben gesammelt hatte. Ich zeigte mich folgsam und setzte mich, ging aber felsenfest davon aus, die vorgeschrieben 15 Minuten nicht mehr in Gänze erdulden zu müssen, sondern bereits in wenigen Augenblicken, zunächst aus allen Poren blutend, die Welt in einer fleischigen Explosion von meiner kümmerliche Existenz zu befreien.

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