Die Ärzte – Dunkel DoLP

 

Dass jetzt so schnell der Nachfolger der ‚Hell‘-LP erscheint, ist wohl der Corona-Langeweile geschuldet, die die Liveaktivitäten der Band einschränkte, vermute ich. Tja, was soll ich erwarten? Warum erwarte ich überhaupt etwas? Weil das Lila Album der Terrorgruppe auch überraschend gut war? Irgendwie dachte ich, dass es ja prima wäre, wenn jetzt der Drive der drei bis vier guten Stücke der ‚Hell‘-LP aufgenommen würde und sich die Ärzte vielleicht mal wieder neu erfinden würden. Aber das ist jetzt hier ein klarer Fall für Karl-Heinz Stille, der die Platte Stück für Stück im Ox sezieren könnte. Wäre mal ein cooler Move. Potenzial zur ersten Platte mit unter drei Sternen hat das Album auf jeden Fall. Ein geeigneter Untertitel wäre vielleicht gewesen: Die Songs, die es nicht auf B-Seiten geschafft haben. Das Œuvre schwankt so zwischen Prinzen, Hosen, Wizo und Tocotronic. Kaum ein Song mit Druck oder Hitcharakter. Mit ‚Noise‘ konnte man mühevoll eine Single auskoppeln und der Song ‚Kraft‘, der als Dreifragezeichen-Video recht ansprechend ist, kann in der vertonten Version gar nichts. Dabei hätte der wirklich gute Musik verdient.

Macht sich gut als bündiges Element in der Ikea-Wand.

Weiterlesen

Such dir was aus

Gestern Morgen teilten mir die Wände einer Duisburger U-Bahn-Station gleich dreimal in blauer und roter Farbe mit, dass Osman und Tugba zurzeit Geschlechtsverkehr haben. Wenn diese simple Tatsache für bemerkenswert genug gehalten wird, alle Diskretion und Schamhaftigkeit über Bord zu werfen, muss entweder der Sex außergewöhnlich oder das Warten auf den Vollzug des Aktes geradezu unerträglich gewesen sein, so dachte ich bei mir und freute mich für die beiden, gar nicht erst ins Kalkül ziehen wollend, ein Dritter könnte die reichlich unbeholfene Sprühaktion in denunziatorischer Absicht durchgeführt haben.

Weiterlesen

Zwakkelmanns SHIT‘SINGLE

Foto von Marion H.

Bücher von Menschen zu besprechen, zu denen man ein besonderes Verhältnis hat, ist immer eine etwas gefährliche Sache: Einerseits ist die Gefahr einer Gefälligkeitsbesprechung im Raum, andererseits bin ich persönlich bei der Bewertung von Büchern, die im Freundeskreis geschrieben werden, etwas überkritisch. Das möchte ich dann Zuweilen etwas sprachlich schönen, damit es nicht zu weh tut.

Diesmal ist es aber ganz leicht, denn ich bin schlichtweg sehr angetan von Schlaffkes autobiografischem Buch. Im Titel ist es schon angelegt: Einerseits geht es um die musikalische Seite, die Single und dann um Schlaffke als (unfreiwilliger!!!) Single. Und auf dem Buchrücken wird das Spiel sogar noch weiter getrieben, denn dieses Leben kann sowohl Hit als auch Shit sein. Diese kleinen Feinheiten sind es, die den Künstler Zwakkelmann und Menschen Schlaffke ausmachen. Im Untertitel stapelt er tief, indem er von „Anekdoten eines Vollidioten“ spricht und fängt so den unbefangenen Leser. Es gibt tatsächlich zahlreiche kleine Geschichten vom Leben in der Provinz und abseits der großen Festivalbühnen. Mittelpunkt ist das niederrheinische Haminkeln, dem Ort zwischen Bauerndorf und Einfamilienreihenhausghetto, dem eigentlich kaum etwas Schönes zugeschrieben wird. Zahlreiche sympathische Spinner begegnen unserem Helden, deren Leben zwar oft nicht glamourös ist, aber denen eine erzählenswerte Eigenart zueigen ist. Interessanterweise sind beinahe alle Namen geändert, obwohl der Held selbst sich die schlimmsten Aussetzer leistet, aber durch die stete Einsamkeit, die wie Satrés Ekel omnipräsent ist, entschuldigt wird.

So könnten diese kleinen abgeschlossenen Erzählungen auch „Reflexionen aus einem unerfüllten Leben“ genannt werden. Über all dem lustvoll erzählten Versagen steht stets die Suche nach einer erfüllten Liebe. Dabei muss Schlaffke echt einiges ertragen. Vielleicht schreibt er das Buch darum durchgehend in der dritten Person. Vielleicht ist es diese Distanz, die zum Selbstschutz gebraucht wird, denn teilweise geht es echt ins Eingemachte, wenn beispielsweise die Geschichte vom tödlich verunglückten kleinen Bruder Friedemann plötzlich den lockeren Ton ad absurdum führt. Dann muss ich das Buch auch mal zur Seite legen und es kurz sacken lassen. Das wusste ich nicht, gehört aber zu dem Psychogramm, das hier gezeichnet wird. Als Zwakkelmann lebt Schlaffke das Leben als Bukowskis Lightversion. Nicht so hart, nicht so böse und nicht so konsequent. Immer mutig schreitet er voran und seine Gutmütigkeit steht ihm im Weg. Aber sein Weg wird von gerade genug Menschen gesäumt, die ihn genau dafür lieben. Und obwohl das Überthema „Liebenswerter Versager“ mantramäßig wiederholt wird, wird es nie langweilig, soviel über sein Leben und auch die Bezüge zu seinen Liedtexten zu erfahren. Mensch und Künstler sind halt hier nicht zu trennen.

SHITSINGLE ist ein Buch über das Jungsein, das Altern und im Hier und jetzt zu sein. Die Coronakrise ist hier Ausgangspunkt der Erzählung und passt auch zu Schlaffkes Ecce Homo. Passend dazu ist auch das vorläufige Happy End auf dem Ruhrpott Rodeo.

Ox #157: Besprechung aus der Rubrik „Opa halt‘s Maul“

Die „Opa, erzähl mal von früher“-Abteilung wird auch immer größer. Bespielt wird diese im Wesentlichen diesmal von Triebi Instabil. Das TOXOPLASMA-Interview ist die Langeweile pur, etwas interessanter das mit ARTLESS. Fragen aus dem Baukasten der Ideenlosigkeit, die demnächst auch für das HoA- oder Canalterror-Feature wiederverwertet werden können: Wie bist du auf Punk aufmerksam geworden? Wie war die Szene damals? Wo ist der Unterschied zwischen früher und heute? Sind eure Texte auch heute noch relevant? Hast du heute auch Probleme mit dem nächtlichen Blasendruck? Etc. pp… Der Halbseiter mit den RAZORS aus der Abteilung „Opa, erzähl von heute“gelingt Triebi da schon besser.

Helge Schreiber geht mit seinem SCHWEDISCHEN HARDCORE-PUNK IN DEN ACHTZIGERN die Veteranengeschichte aus einer Vogelperspektive an und gewinnt so natürlich schon mal einen Preis für akribisches Puzzeln. Dummerweise finde ich beinahe alle darin vorkommenden Bands wie Rösvett, Crude SS oder Anti-Cimex ausnahmslos schrecklich.

Und richtig gut ist hingegen das Gespräch mit John Wright, der als Drummer von NOMEANSNO und Sänger der HANSON BROTHERS natürlich jemand ist, der den Fanboy Swen zum Lesen reizt.

Eindeutig einer der Vorteile des Drucks durch die zweimonatliche Erscheinungsweise ist aber die Wiederaufnahme älterer Gespräche. Hier am Beispiel von JOEY CAPE, dessen Solosachen ich echt gruselig finde, der aber als Interviewter von Frank Weiffen schon einen gewissen Unterhaltungswert an den Tag legen kann. Gleiches gilt für DIE LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMANN, die einfach wissen, dass der Unterhaltungswert auch neben der Bühne notwendig ist.

Die Geschmacks-Kontrolle weißt diesmal erhebliche Verirrungen und Verwirrungen auf. Da Platz 10 nicht zweimal vergeben werden konnte, finden sich Akne Kid Joe auf Platz zwei wieder. Ups, und da fällt es mir auf, auf dem Cover ist die Band mit 50%-bärtiger-Zausel-Quote ebenso zu finden wie im Interview. Ist das jetzt Anbiederung an die Generation Feine Sahne 100 Kilo Herz? Der subtile Humor ist wahrscheinlich so doppelt- und dreifach verspiegelt, dass er mir verlustig geht. Und gehört das immer häufiger anzutreffende Gendern in den Texten auch dazu? Ich höre auf jeden Fall sofort auf zu lesen, wenn ich einen Doppelpunkt sehe.

Toll hingegen, natürlich die vielen Fortsetzungsgeschichten, die hier zu finden sind. Da ist für jeden was dabei, unter Anderem auch für Menschen, die auf misanthropische und kulturpessimistische Lehrergeschichten stehen: Mit der regelmäßigen Veröffentlichung von ‚Bildungsland‘ gibt Joachim mir eine Chance, mich einem größeren Publikum zu zeigen und mich dazu zu bringen, meine Skizzen in Buchform zu bringen. Dafür verzeihe ich ihm auch so manchen Doppelpunkt.