Helau & Alaaf! Wie jedes Jahr zum Höhepunkt der Jeckensaison bietet der Sonic Ballroom in Köln ein mehrtägiges Kontrastprogramm aus Deutschpunk für alle, die keinen Bock auf Schunkeln und Zwangspolonaise haben. Nach KNOCHENFABRIK am Donnerstag folgten am Karnevalsfreitag die Hannoveraner BLUT + EISEN. Doch der Reihe nach. Wie üblich bei Veranstaltungen mit musikalischen Größen der 1980er fanden sich viele Personen ein, deren Frisuren aus der Zeit stammen, als Schriftzüge von Bands wie EXPLOITED, DISCHARGE, REJECTS und Co. auf den Lederjacken prangten. Die Anzahl der Nieten auf eben solchen Jacken bewegte sich knapp unter der 1000er-Marke, was wir heute nun nicht mehr oft zu sehen bekommen. Irgendjemand im Laden versprühte dieses Punker-Aroma, was wir alle von aus Jugendtagen kennen (Mischung aus nassem Hund, Tabak sowie längerer Badezimmer-Abstinenz). Also soweit alles stilecht.
Musikalisch eröffnet wurde der Abend durch das Kölner Eigengewächs ANSAGE:NEIN. Hier wird die Sorte Deutschpunk geboten, die wir vor 35 Jahren auf diesen „Sicher gibt es bessere Zeiten“-Compilations kredenzt bekamen, was hier ausdrücklich NICHT abschätzig gemeint ist. Authentisch, leicht rumpelig der Sound, aber eben nicht aufgesetzt. Texte gegen Nazis, Bullen und den Staat, mit Hass und ohne gute Laune. Von der Band braucht ihr gar nichts im Internet zu suchen, denn da findet ihr nichts. Sie spielen und proben auch nur auf Anfrage. Am Ende des Sets gab es ein FASAGA-Cover von „Pogo in der Straßenbahn“, was die perfekte Überleitung zum weiteren Geschehen darstellte.
Dann BLUT + EISEN. Zwischen ihrem letzten Besuch und dem heutigen Abend tat sich in der Band einiges, Sänger Schotte ist raus und tituliert die verbliebene Band jetzt als Cover-Truppe, während er selbst weiter unter B+E Musik im Web veröffentlicht. Ich verstehe ja manchmal nicht, warum sich manch alte Szene-Herren auf den letzten Metern noch zerstreiten müssen. Aber ein Wechsel am Mikrofon löst zumeist die größte Skepsis aus, jüngstes Videomaterial bei YouTube erschien mäßig überzeugend. Im Solinger Fachblatt OX berichtete man zudem von einem durchwachsenen Gig, was die Zuversicht nicht förderte. Doch es gilt, sich selbst ein Bild zu machen. Und was soll ich sagen? Technisch läuft die Band wie eine sehr gut geölte Maschine, spielt mit viel Druck und die neue Sängerin meistert ihre Aufgabe absolut überzeugend, was bei der Geschwindigkeit der Songs wirklich eine Herausforderung sein muss. Es gab fast alle Hits und zwei neue Lieder, denn die Band kündigt an, ein neues Album einzuspielen und sich nicht nur auf alten Kamellen auszuruhen. Dass es seitens des Publikums keinen Zuspruch in Form von Massenpogo mehr gibt, ist einfach der Tatsache geschuldet, dass die Mehrheit der Gäste einfach froh ist, gerade keinen Bandscheibenvorfall oder irgendwelche anderen körperlichen Leiden zu haben. Das ist dann auch mal gut so.

Antworten