CIS-Punk-Brief an Finchen und Binchen

Ein Blogbeitrag mit dem Titel ‘Warum wir nicht mit Sexist*innen reden’ auf Taz Blogs (Link) vom 24.4.2021 veranlasste mich, einen Brief zu schreiben.

Liebes Finchen,

liebes Binchen,

 

entschuldigt die Namensform im Diminutiv. Bevor eure Wut jetzt schon zuviel Nahrung bekommt, tröstet euch, denn meine Zeit im Punk ist ja vorbei, weil weißer männlicher CIS-Punk tot ist. Aber vielleicht zweifelt ihr ja auch manchmal, denn Punk war ja bereits 1977, 1978, 1979 etc. tot.

Nicht tot sei hingegen eine breite Debatte im Netz, die unter #punktoo firmiert, auf der Kämpfer*innen von eurem Schlage über Sexismus im DIY-Punk diskutieren. Dazu wird das Narrativ von der männlich geprägten Szene mit der schlimmsten Diskriminierungserfahrung weiblicher Punker*innen bedient. Gut, dass eure Leser*innen endlich mal erfahren, dass du Fine in einem Ox-Interview als ‚Freundin von…‘ anstatt als ‚Mitglied von…‘ der Band Lügen geführt wurdest. Ist nicht ganz so cool wie Rosa Parks Geschichte, aber ihr hattet ja nicht mehr. Diskriminierung und sexuelle Gewalt ist halt was sehr Subjektives und wer bin ich, darüber eine Meinung zu äußern. Die wäre übrigens: Shit happens! Ich habe sogar fast schonmal einen ähnlichen Bock geschossen. Ich hatte Sven von Graupause in meiner Radiosendung, dachte aber, er würde in einer anderen Band spielen. Das habe ich erst während der Sendung gemerkt und konnte es ganz gut reparieren. Glücklicherweise gab es dazu keinen Hashtag ála #sauerlandtoo.

Aber zu eurem Anliegen:  Ihr umreist es in eurem Blogbeitrag zunächst einmal mit drei Fragen:

„Was ist das Ziel, wenn wir auf Social Media Plattformen mit Menschen diskutieren? Wohin soll ein Kampf für Geschlechtergerechtigkeit in der Punkszene führen? Und wie können wir uns Schilde besorgen, die uns auf dem Schlachtfeld schützen?“

Die ersten beiden Fragen machen mich neugierig, die letzte irritiert mich. Denn auf der einen Seite wertet ihr einen Shitstorm auf der FB-Seite des Ox nicht, aber auf der anderen Seite redet ihr von der hässlichen Seite des Punks, wenn FLINTA*, die sich kritisch äußern, persönlich angegangen werden. Ist das, was auf der Facebook-Seite des Ox passierte und einen Shitstorm auslöste, die schöne Seite des Punks? Also um es zu benennen: Auf 160 Seiten werden gefühlt tausend Bands interviewt und weil ein Fehler im Heft besteht, durch den du dich, Sabrina,  so diskriminiert fühlt, dass dieses Leid für alle anderen FLINTA* zugefügten Leiden stehen soll, rechtfertigt das einen Shitstorm.

Anyway, pöbeln gehört zum Geschäft. Das war im Punk ja auch immer so und wir sind ja keine Hippies, von denen sich meine Generation auch abgrenzte.

Aber bevor es an die Beantwortung eurer Fragen kommt, erzählst du, Fine, deine Punkgeschichte, der du mit Anfang 20 entwachsen bist, weil sie dir zu stereotyp und festgefahren war. Immer nur Knochenfabrik, APPD-Slogans, Force Attack und gebrochene Herzen. Nun ja, liest sich so, als ob du in einer Teilszene, die sich Deutschpunk nennt, unterwegs warst. Dieser Szene entwachsen viele Menschen, um sich innerhalb der DIY-Szene weiterzuentwickeln. Vielleicht hast du davon gehört, dass beinahe für jeden Jeck hier Platz ist. Wenn du beispielsweise die anderen Artikel im Ox auch liest, ohne nur auf Triggerwörter zu achten, wirst du feststellen, es gibt noch so unendlich viel mehr hinterm musikalischen Horizont des Deutschpunks. Du selbst scheinst ja der Musik selbst entwachsen zu sein und hast dich als Politaktivistin engagiert. Finde ich gut. Wäre ich auch gerne gewesen, war ich aber immer ein wenig feige für. Bei mir war es früher der Kampf gegen Rechte in der Punkszene, den ich über das Plastic Bomb führte. Im Nachhinein eine überwiegend gute Geschichte, bei der ich aber manchmal über das Ziel hinausgeschossen bin und nicht mit Beschuldigten geredet hatte. Aber damit will ich dich nicht langweilen, denn der Kampf gegen Sexismus und eine von alten weißen Männnern dominierte Punkszene ist nun wichtig.

Ist dies nun das alleinige Ziel, dass ich beim lesen impliziere? Nein, du (Fine? Ich weiß nicht immer genau wann du oder Sabrina oder ihr beiden sprecht.) stellst ja auf einmal fest, dass es einen relevanten Teil FLINTA*-Anteil gibt, der beginnt sich zu rühren. Schön, dass du das feststellst. Ob du es glaubst oder nicht, aber es gab schon zu Force Attack-Zeiten Frauen und sogar Homosexuelle in der Punkszene. Du hast es vielleicht nicht bemerkt. Und die durften sogar da schon frei reden, Fanzines machen und Bands gründen. Haben sie übrigens sogar gemacht. Aber vielleicht hat man das in der Deutschpunkszene nicht mitbekommen.

Wer hindert euch?

Ihr möchtet nun aber einen Fluchtpunkt von der hässlichen Realität schaffen, aber dabei hindern euch jetzt die alten weißen Männer. Und ich frage mich warum euch irgendwer überhaupt hindert? 

Ihr könnt jederzeit Räume neu definieren und gestalten. Sucht euch doch ein schönes Haus dafür! Wollt ihr nicht aus dem Kinderzimmer rauskommen? Wenn man sich nur noch mit den Eltern streitet, ist es Zeit dafür!

Tipps zur Entwicklung, damit es auch zu dem Wohin eurer Fragen kommt. Autark sein, das Leben in die eigene Hand zu nehmen, ist gar nicht so schwer. Das kann frau schaffen, ohne permanent von alten weißen CIS-Männern und -Frauen gefördert zu werden.

Konzentriert euch doch auf die tollen Sachen, die ihr könnt. Ihr seid doch so tolle kreative Mädchen. Und das, was die doofen alten weißen Männer so gemacht haben und noch machen, könnt ihr viel besser. Wenn ihr euch ganz doll anstrengt, könnt ihr einen Insta-Account betreiben, der in dreißig Jahren mal langweilig ist. Festivals könnt ihr ja auch machen. Und da könnt ihr all die alten Männer-Schweine-Bands außen vor lassen oder bestimmen, dass die zu euren Bedingungen spielen. Ihr seid jung, bestens vernetzt und habt bestimmt noch Energie, bevor die anderen gesellschaftlichen Herausforderungen und Entwicklungsaufgaben zu meistern sind.

Dann braucht ihr keine Schilde und müsst nicht in die Schlacht ziehen. Das ist doch Jungs-Rhetorik, die ihr gar nicht nötig habt.

1 – Heiner hat schlecht geschlafen

Heiner hatte schlecht geschlafen. Er hatte sich gedreht, gewendet… Nein, er hatte es versucht, denn jede Bewegung hatte ihn schmerzerfüllt aufschreien lassen. Jeder Versuch, eine neue bequeme Lage zu finden, hatte damit geendete, dass ihm die Nadelstiche die Nervenenden durchbohrt hatten. Hatte er eine erträgliche Lage gefunden, vermeinte er nur ein leises verstecktes Lauern in seinem Rücken zu spüren, dass jederzeit wieder zum Monster werden konnte, bereit ihn zu peinigen, um ihn irgendwann loszulassen, so dass er erschöpft ins Kissen zurückgefallen war. Ermattet, erledigt und fertig. Und wenn er dann so dagelegen hatte, dem Selbstmitleid so nah, dann hatte er gehofft, dass das Monster ihm Zeit zum Einschlafen ließ. Irgendwann, das wusste er, würde es nachgeben.

„Na! Schöner Tag heute, nicht wahr, Heiner?“

Andreas strahlt ihn unverschämt gut gelaunt an.

„Ja, zum Kotzen schön! Heute feiert die Abteilung Lametta ihr großes Vielfalt Fördern-Fest. Dann ist endgültig Schluss mit Freizeit und so einem Kram.“

„Und er wird noch schöner! Da steht einer von deinen kleinen Fred Sonnenscheins vor der Tür und will dir was sagen!“

„Wer denn?“

„Jannick.“

„Ach Göttchen!“

„Und er hat seine Mami mit dabei!“

Andreas strahlte über beide Ohren.

Sie wollte mit ihm über seine Methoden im Unterricht sprechen und ehrliche Empörung spricht  aus jeder Pore ihres kleinen fetten Körpers. „Wenn du mal weniger fressen würdest, und dich um die Erziehung deines Scheißkindes kümmern würdest, müsste ich jetzt nicht schon vor Unterrichtsbeginn hier stehen.“, denkt er und wartet ohne zuzuhören ihren Redeschwall ab.

„Und wie sollte ich ihrer Meinung nach auf die ständigen Entgleisungen reagieren? Ich habe schließlich noch dreißig andere Kinder in der Klasse?“

Natürlich wisse sie, dass das nicht immer leicht mit Jannick wäre, aber er hätte schließlich auch sonderpädagogischen Förderbedarf. Und es könne auch nicht sein, dass sie immer auf der Arbeit angerufen werde und abends ihren weinenden Sohn trösten müsse.

Klar, die Schule des gemeinsamen Lernens bewarb sich ja noch um die ganzen kleinen durchgeknallten Psychos. Also spricht er geduldig mit Jannicks Mama, während Jannick daneben seine vollgekritzelten Arme aufkratzt.

Der Gong zur erste Stunde setzte dem Ganzen ein natürliches Ende, er entschuldigte sich und machte Jannick darauf aufmerksam, dass er sein Verhaltensheft weiter führen müsse und natürlich die Abschreibeaufgabe bis morgen zu erledigen hätte. Frau Mutter von Jannick lässt er kurzerhand stehen und sieht aus den Augenwinkeln, wie sie sich in Richtung Büro der Direktorin in den zweiten Level ihres Empörungsspiels begibt.

Eigentlich hatte Heiner noch etwas kopieren wollen, aber das war jetzt wohl nicht mehr drin. Missmutig betritt er die 5b und seine Präsenz beendete das geschäftige Herumtollen nach seinem dritten Strich an der Tafel.

„Hast du vergessen, dass du heute Frühaufsicht an der Haltestelle hattest?“

Eigentlich waren die ersten Stunden toll gelaufen, denn er hatte einfach auf den Lehrplan von Maren zugegriffen und die Klasse mit Stillarbeit beschäftigt. Was so ein wenig Autorität doch bringen konnte. Dabei hatte er festgestellt, dass der Plan von Maren ganz gut wahr. Natürlich würden die Kinder mit dem ganzen Lernthekenkram kaum etwas lernen, aber letzten Endes war das moderner Unterricht, er nur Lernbegleiter und lernen würden sie eh nichts. Andreas hatte ihm sowieso immer gesagt, dass er sich einfach viel zu viel Arbeit mit dem Unterrichten machen würde. 

Einfach den Scheiß nehmen, den die jungen Kolleginnen so aufopferungsvoll für den Unterricht erstellten. Das machte sich eh gut für die anstehende Qualitätsanalyse.

„Mist, fuck, die Mutter von Jannick hat mich aufgehalten!“

„Kein Problem! Ich bin für dich spontan eingesprungen. Kannst du jetzt für mich die Pausenaufsicht auf Hof 2 übernehmen.“

„Du bist ein Miststück!“

„You‘re wellcome!“

Annette hatte gestrahlt und ihm war natürlich klar, dass es an dem Grüppchen 9er und 10er lag, denen er sich nun humpelnd nähert.

Das stehen sie nun dichtgedrängt beieinander mit Jogginghosen, Badelatschen und riesigen Caps. Witzfiguren vorm Herrn. Der letzte Deppentrend, dass sie jetzt alle Handtäschchen tragen, macht die Sache auch nicht besser. Mike, Enes, Joshua und Ben blicken verstohlen in seine Richtung und geben den anderen allzu offensichtliche Zeichen dass sie ihre Kippen ausdrücken sollen.

„Moin, die Herren!“

„Guten Morgen, Herr Reck!“, lächelt ihn Chantal, ja sie heißt wirklich so, an und klimpert mit ihren lächerlichen angeklebten Wimpern.

„Du wirst dir eine Nierenentzündung holen, wenn du hier in der Kälte stehst und nur einen eingelaufenen Pullover trägst!“, sagt er und denkt: „Warum sind die Mädchen an einer Gesamtschule nur so unfassbar hässlich. Früher, zu meiner Zeit, haben die dicken Mädchen wenigstens Säcke getragen, damit man das Elend nicht sehen musste!“

„Das ist voll lieb, dass sie sich so lieb um mich kümmern. Ben macht sich nie Sorgen um mich.“

„Das ist die Jugend von heute, die hat einfach kein Benimm mehr!“

Heiner registriert, dass die Kippen alle unter den Sohlen verschwunden sind und er nichts mehr groß zu sagen braucht. Harte Arbeit war das, jetzt mit dem Grüppchen scherzen zu können. Harte Arbeit, deren Früchte er nun erntet, während das junge Gemüse mit dem neumodischen Schnickschnack ständig zusammenbrach. Ob sie ihn mochten, war ihm egal, wichtig war nur, dass er der Chef war.

Zufrieden beendet er die Pause vorzeitig, um noch schnell ein paar Arbeitsblätter zu kopieren und bei Frau Dr. Doppelname nachzufragen, wie denn das Gespräch mit Jannicks Mutter gelaufen war. Wie erwartet, hatte sie sie runterholen können und ihr auch noch ein paar Weisheiten in puncto Erziehung mit auf dem Weg geben können. Schließlich hatte Jannick ja schon zwei Klassenwechsel hinter sich und die Kolleginnen mit Burnout zurückgelassen. Heiner weiß, dass er die Ultima Ratio ist.