Tocotronic – Denn sie wissen, was sie tun
Ich halte es für extrem schwierig, komplexe Probleme in einen Song zu packen, ohne dabei allzu unterkomplex zu bleiben. Er muss dabei ja auch noch hörbar sein und im besten Fall etwas mehr als nur der Selbstvergewisserung dienen. Ein Song, der für mich zu den besseren aktuellen Songs gehört, die sich gegen das Aufkeimen des Nicht-Demokratischen wendet, stammt von Tocotronic.
Es fängt schon damit an, dass ich persönlich schon so meine Schwierigkeiten mit den Begrifflichkeiten (siehe „Nicht-Demokratisch“) habe. Natürlich habe ich selbst eine ziemlich klare Vorstellung, was Nazis, Faschisten, Rechte, der braune oder hellblaue Dreck ist, aber die Trennschärfe dürfte für viele Menschen anders eingestellt sein. Bei einigen gibt es wissenschaftliche Definitionen, aber ich vermute, diese werden, wie von mir selbst, nicht genauso verwendet und schon gar nicht verstanden. Und obwohl ich mir mit den Textern aller auch noch so schlechten Antifa-Songs einig bin, dass man ruhig alle über einen Kamm scheren kann, fremdle ich häufig mit den Begriffen, weil ich denke, dass das Problem tiefergreifender ist, als mir lieb ist. So höre ich auch den Song von Tocotronic, der die Frage nach den Begrifflichkeiten auslässt und einfach von diesen Menschen spricht. Er überlässt es den Hörern, diese Lücke selbst zu füllen. „Diese Menschen sind gefährlich“. Ja, das sind sie, unabhängig davon, ob sie sich selbst als Nazis, Faschisten, Patrioten oder gar als Kämpfer für die Freiheit sehen. Die Dringlichkeit wird durch schlichte Wiederholung erreicht, und ihnen das Verführtsein abgesprochen, denn sie „wissen, was sie tun“.
Der Vorsatz ist das Programm und zweimal wird es konkret benannt: „Fiesheit und Terror sind ihre Identität“. Und das ist Gemeinsamkeit über jegliche Begriffsklauberei hinweg. Das schließt sie alle mit ein, die Trumps, die Orbans, Weidels, Putins, Erdogans und wie sie alle heißen. Sie sind gänzlich unverdreht.
Bernd Ulrich schrieb dazu in der letzten Zeit: „Die Ruchlosigkeit ist ihr Ziel. Die Menschen sind gierig, egoistisch und rücksichtslos. Wer das leugnet, gehört zu den Bösen, wer das zugibt und lebt, zu den Guten.“ So wird handlungsleitende Weltbild von Donald Trump im Leitartikel zusammengefasst, dass mir diesen Song von Tocotronic wieder ins Gedächtnis rief.
Zu zählen sind diese Menschen kaum noch, „denn sie werden immer mehr.“ Aber es zählen natürlich auch die ganzen Trolle und Hetzer in den Kommentarspalten dazu, die ihnen hinterherhecheln. Allen gemeinsam, ein beengtes Weltbild. Ein falsches Bekenntnis haben sie aber nie abgelegt. Es sind nicht bloße Mitläufer. Es steckt in den Menschen fest, fies zu sein. Und in der Gemeinschaft mit anderen Fiesen, zählen sie zu den Guten, was das Label Terror rechtfertigt, was ihnen Tocotronic verpasst. Banale Erkenntnis? Maybe, ich bin halt schwer von Begriff.
Darum muss man sie bekämpfen, auch das wird mantraartig wiederholt. Viel hilft viel! Und dann kommt vermutlich der Teil, der uns von den Wahlhamburgern untergejubelt wird, der es für viele schwierig macht, meinem Urteil zu folgen, und diesen Song auch für gelungen zu erklären. Der Kampf ist zu führen, aber niemals mit Gewalt. Da gehen vielleicht noch einige mit, aber dass man sie auf die Münder küssen soll, wirkt in diesem Songkontext so ganz anders als Tucholskys ‚Küßt die Faschisten, wo ihr sie trefft‘ (Rosen auf den Weg gestreut).
Und ich kann mich am Ende nicht davor verschließen, dass ich permanent an die letzten Bilder und Aussagen von Renee Nicole Good denken muss, die diesen Kampf mit dem Leben bezahlte.

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