Duisburg nüchtern betrachten

Das große Konzertwochenende mit DEAD PIONEERS / PASSED OUT / GLOW / EXAN / MORAL BOMBING / DOGS OUT.

Austragungsorte:  07.03.2026 Helios 37, Köln / 08.03. Jugendzentrum St. Peter, Duisburg

Verhältnismäßig große Vorfreude machte sich bei mir breit, als ich kurzfristig noch ein Ticket für die ausverkaufte Show der DEAD PIONEERS im Kölner Helios 37 erhielt, hatte ich die Band im Mai des vergangenen Jahres doch verpassen müssen. Speziell im Zuge der Entwicklungen, die durch die Trump-Administration in den USA gesellschaftlich wie politisch forciert wurden, steht dieser Band eine enorme Bedeutung zu. Als ich das Helios 37 betrat, stimmte die Supportband BAD ASSUMPTION gerade ihre Coverversion von „Killing in the name“ der Band RAGE AGAINST THE MACHINE an. Ich ging schnell wieder raus. Mangelndes Selbstbewusstsein kann BAD ASSUMPTION nicht vorgeworfen werden, sie beherrschen bereits alle Register der Publikumsanimation („Jetzt klatscht alle mal mit!“) für die großen Hallen und Festivals. Nach kurzer Pause folgten DEAD PIONEERS. Von Beginn an war klar, dass diese Band ein hohes Sendungsbewusstsein hat. Die Band setzt neben der Musik Spoken Word-Elementen ein, welche der Performance eine besondere Intensität verleihen, da es sich nicht um das bloße Abspielen einer Liedreihenfolge handelt. Mich erinnerte das partiell an die Darbietung von „We’ve got a bigger problem now“ der DEAD KENNEDYS. Sänger Gregg Deal teilte seine Erfahrungen als indigene Person, die von vielen nicht als solche gelesen wird und selbst in der Musikszene von Punkrock mit Vorurteilen belastet wird. Wobei ich auf das „selbst“ als Ausdruck der Überraschung über die Beschränktheit in der „Szene“ allmählich verzichten sollte. RKL-Sänger Abe Brennan hielt einen flammenden Appell für Gewerkschaften. Leicht störend war die Platzierung der Palästina-Flagge inklusive der dazugehörigen Solidaritätsbekundung. Aber gut, wir nehmen es mit Augenrollen hin, haben wir uns an die Simplifizierung des Nahost-Konfliktes im Kontext „Popkultur“ mittlerweile gewöhnt. Während der Show kam es zu einem Disput zwischen zwei Männern, der beinahe eskalierte. Typ A fühlte sich von Typ B in seinem Konzertgenuss gestört, weil Typ A eine Person fragte, ob er ihr noch etwas zu trinken holen soll. Grundsätzlich empfand ich Teile des Publikums als nervig. Ich bin nicht der Einzige, der in letzter Zeit beobachtet, dass sich auf (Punk-)Konzerten häufiger Personen – meist in Gruppen – einfinden, deren Habitus vollkommen unpassend zu dem ist, was der Rahmen vorgibt (auch in der Subkultur). Leute auf der mentalen Ebene eines Junggesellenabschiedes oder betrunkenen Betriebsausfluges der Sparkasse, gerne mittleren Alters, natürlich männlich und auf maximalen individuellen Spaß fixiert. Ich glaube, die GOLDENEN ZITRONEN haben diesen Typus in dem Song „Schmeiß es weg“ einst sehr gut beschrieben. Könnten wir vielleicht die ganzen Kegelclub-Krawallbrüder aus der Szene werfen und denen eine knallen? Danke.

Weniger bis keine Nervensägen waren am nächsten Tag bei der Aufwärtsfahrt nach Duisburg-Rheinhausen zu erwarten. Ein Trip nach Duisburg ist für uns Kölner immer spannend, nicht zuletzt aufgrund der fragilen Leistungsbereitschaft des ÖPNV. Anlässlich des Weltfrauentages sollte es im Jugendzentrum St. Peter eine Benefiz-Veranstaltung für ein Frauenhaus geben, ausrichtende Band waren EXAN aus Düsseldorf. Support für den Event holten sie von den Kölner Formationen GLOW, PASSED OUT und DOGS OUT, aus Dortmund kamen MORAL BOMBING dazu. Die frühe Anfahrt (Konzertbeginn war nämlich 15.30 Uhr!) verlief auffällig reibungslos. Am Duisburger HBF bestaunten wir erstmal das neue gepflegte Ambiente. Bei meinem letzten Besuch hielt sich das Dach des Bahnhofes eigentlich nur noch mit gutem Willen und Gebeten zusammen. Den Weg nach Rheinhausen, wo das Jugendzentrum liegt, fanden wir dank der Ortskundigkeit meines Kollegen Boris auch problemlos. Das Publikum war pünktlich erschienen, entsprach jedoch nicht den Erwartungen, die eine Hardcore-Show in Duisburg mit sich bringt, schon allein modisch: keine Jogginghosen, Goldketten und Feinrippunterhemden. Stattdessen sahen die Menschen einfach gut aus. Später am Tage erfuhr ich, dass einige Personen aus der Duisburger-Szene für diesen Tag explizit ausgeladen wurden, aufgrund von Gang-Zugehörigkeit und entsprechendem Verhalten. Für Unwissende: in Duise bzw. im Pott allgemein zelebrieren sie noch immer diese „CREW“-Nummer: Das sind Gangs, die sich auf pubertärem Niveau in Banden zusammenschließen und bei Konzerten aufeinander (oder Unbeteiligte) losgehen, angelehnt an den 90er-Jahre Gangsta Rap-Habitus in den USA, selbstverständlich nur für Männer, deren Verstand sich seit dem 12. Lebensjahr nicht mehr vergrößert hat. Locker ein Drittel der Menschen kam aus Köln und Bonn, viele bekannte Gesichter. Als einheimischer Kulturbeauftragter empfing uns unser Freund Matthias, der sogleich versicherte, dass „Duisburg“ von der Show überhaupt keine Kenntnis habe und somit garantiert nicht erscheinen würde, zumal auch keine altgediente Schunkelpunktruppe aufspielte. Naja, ein wenig Krawall hätten wir schon gerne gesehen. Aber so fühlten wir uns bald, als hätten wir Köln gar nicht verlassen. Statt asozialem „Duisburg-Mosh“ regierte die rheinische Ballettschule, es wurde nur sanft gehauen und getreten und unterschiedliche Disziplinen im Bodenturnen vorgeführt. Wir wurden Augenzeugen einer szenetypischen Freundschaftsbekundung: zuerst gibt man der Person eine Kopfnuss, schlägt dann mit der Faust ein wenig auf sie ein, nur um sie nach vollendeter Gewaltbehandlung herzlich zu umarmen. Ob sich das in Köln etablieren lässt? Wahrscheinlich waren aufgrund des Anlasses erfreulich viele FLINTA-Personen im Publikum zu sehen. Und nicht nur dort: jede Band stellte eine Sängerin oder gleich mehrere Frauen.

Apropos Musik: EXAN eröffneten den Reigen mit ihrem von Black Metal-beeinflusstem HC. Danach folgte die Kölner Brigade mit DOGS OUT, die das Ganze noch sehr Punk-basiert darbieten und furchtbar sympathisch sind. PASSED OUT spielen groovigen HC und Sängerin Aleks versteht es wunderbar durch ihre Performance, das gesamte Genre in seiner übertriebenen Darstellung von Härte auf die Schippe zu nehmen. Ansagen zur Wichtigkeit von Solidarität in der HC-Szene zu marginalisierten Menschen, aber besonders zu Frauen untereinander trafen den Punkt. Enthusiastisch erfolgte der Vortrag, mehr Menschen für Hardcore zu begeistern. GLOW sind wie eine kleine Planierraupe immer für eine solides Ausufern im aggressiven Ausdruckstanz vor der Bühne gut. Kaufte deren Tape, klingt musikalisch wie HATEBREED mit Sängerin. Als letzte Band betraten die Dortmunder MORAL BOMBING die Bühne. Kann ich allen empfehlen, die metallischen Hardcore mögen, highly intensive. Bringen bald auch eine neue Platte raus. Die Getränkevorräte, gerade im alkoholfreien Bereich, waren zu diesem Zeitpunkt bereits erschöpft. So konnten wir uns auf den zufriedenen Heimweg machen (der übrigens wieder ohne Störungen verlief). Fazit des Besuches: Duisburg kann die Kurve nach oben kriegen, nicht nur beim MSV. Unter diesen Umständen ist die Stadt eine Reise wert.

Nils

Exan
  1.  
p
    Dogs Out

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